Lesedauer: 6 Minuten

Stuttgart - Marc Oliver Kempf ist eine der positiveren Erscheinungen in der bislang missratenen Saison des VfB Stuttgart. Vor dem Bayern-Spiel spricht der U21-Europameister bei SPORT1 Klartext.

Anzeige

Den Saisonbeginn hatte sich Marc-Oliver Kempf ganz anders vorgestellt. Ein Muskelfaserriss sorgte dafür, dass der U21-Europameister die ersten zehn Ligaspiele des VfB Stuttgart verpasste.

In dieser Zeit hatte sich der neue Klub des ehemaligen Freiburgers bereits in Tabellenregionen begeben, die die Schwaben längst überwunden geglaubt hatten.

Anzeige

Seit dem elften Spieltag stand Kempf nun jede mögliche Minute auf dem Platz und zählt deutlich zu den Lichtblicken beim VfB. Im SPORT1-Interview spricht der 23-Jährige über die schwierige Auswärtspartie beim FC Bayern (Bundesliga: FC Bayern München - VfB Stuttgart ab 15.30 Uhr im LIVETICKER), die Probleme im Abstiegskampf und mögliche Lösungen.

SPORT1: Herr Kempf, der VfB steckt erneut im Abstiegskampf, nun geht es auch noch zum FC Bayern. Mit welcher Einstellung gehen Sie in die Partie? 

Marc Oliver Kempf: Es kommt da auf die Mentalität und die Kampfbereitschaft an. Der Kopf spielt eine große Rolle. Wir haben viele Spiele, wo wir uns ein bisschen verstecken. Nicht das zeigen, was wir zeigen können. Das kommt auch dadurch, dass wir einfach Angst haben, Fehler zu machen. Das müssen wir abstellen. Man sieht in den Spielen dann auch zum Schluss raus, dass wir es können. Nur legen wir leider den Schalter zu spät um. Dann ist es natürlich schwer noch was zu holen, wenn man 0:2 oder 0:3 hinten liegt.

SPORT1: Was kann man denn gegen Angst machen, außer sie auszublenden? 

Kempf: Schwere Frage. Wenn da ein Fehler passiert, dann ist es so. Das ist menschlich, das passiert. Aber wir dürfen uns nicht davon erschrecken lassen, müssen mit breiter Brust vorangehen und von Anfang an unser Spiel machen.

SPORT1: Es heißt ja immer, man schaut nicht auf andere. Gerade in der jetzigen Phase müssen Mannschaften doch total glücklich sein, dass es Mannschaften gibt, denen es ähnlich geht. Wie gut ist es zu wissen, dass es da zwei Mannschaften gibt, die hintendran sind? 

Kempf: Ich bin ehrlich, ich gucke nicht so wirklich auf die anderen. Es geht immer um uns, um mich. Ich versuche, mein Bestes für die Mannschaft zu geben, damit wir uns da unten rauskämpfen. Natürlich ist es schön, wenn man weiß, dass man nicht ganz unten abgeschlagen ist. Aber wenn man die Punkte nicht selber sammelt, können die anderen machen, was sie wollen. Dann wird’s auch nicht besser.

SPORT1: Sie selbst spielen innerhalb der Stuttgarter Mannschaft eine gute Rolle. Wie können Sie den Kollegen in Sachen Vertrauen in die eigene Stärke auf dem Platz helfen?

Kempf: Ich versuche, meine Mentalität und Körpersprache auf die anderen zu übertragen und sie da bisschen mitzunehmen. Ihnen auch zu zeigen: Egal was passiert, ich bin für euch da. Im Grunde denke ich aber, dass wir eine gute Mentalität in der Mannschaft haben. Jeder ist dran, etwas zu leisten und Leistung auf dem Platz zu bringen. 

SPORT1: In Stuttgart ist das Publikum schnell unzufrieden, wenn die Leistung nicht stimmt. Nach dem Tor zum 0:3 gegen Mainz (Endstand 2:3) gab es Pfiffe und extreme Unmutsäußerungen. Welche Auswirkung hat das auf die Mannschaft?

Kempf: Das ist in manchen Köpfen drin. Aber man darf das nicht so sehr an sich rankommen lassen. Es ist klar, dass die Leute ein bisschen sauer sind, wenn es für die Mannschaft nicht so läuft. Wir sind trotzdem voll dran, wollen als Mannschaft zusammenstehen und uns davon nicht unterkriegen lassen. Und hoffen, dass wir das in den nächsten Spielen besser gestalten können, damit die Fans dann bis zum Schluss bei uns dran sind.

SPORT1: Ist das Bayern-Spiel nicht das einfachste der Saison? Die Rollenverteilung ist klar.

Kempf: Es kommt immer auf den Zeitpunkt an. Im Moment wäre es schöner, wenn wir einen Gegner hätten, den wir in unserer Region haben, damit wir einfach auch die Punkte sammeln können. Man fährt mit geringen Erwartungen nach München. Natürlich wollen wir alles geben, um Punkte zu sammeln. Aber es wird nicht einfach. Da wäre mir ein anderer Gegner zu dem Zeitpunkt lieber.

SPORT1: Die kommen dann ja direkt danach gegen Ihren Ex-Verein Freiburg und Fortuna Düsseldorf. Ist die Partie gegen den SC irgendwie speziell?

Kempf: Natürlich ist das erstmal ein besonderes Erlebnis, gegen seinen alten Verein zu spielen, wo man noch fast die ganze Mannschaft kennt und viele Jahre verbracht hat. Aber ich bin jetzt beim VfB. Da gibt es für mich nur ein Ziel, und das heißt drei Punkte gegen Freiburg.

SPORT1: Am Beispiel der Düsseldorfer, die vier Spiele nacheinander gewonnen haben, sieht man, dass man sich schnell aus dem Sumpf befreien kann.

Kempf: Die Bundesliga ist so eng. Es kommt auf Kleinigkeiten und ein paar Prozent an, dann kann das alles kippen. Wir müssen zusehen, dass wir ein Erfolgserlebnis haben und dann direkt nochmal eins drauflegen können, um so in einen Flow reinzukommen. Dann kann man in der Bundesliga jeden schlagen, und es kann wieder schnell nach oben gehen.

SPORT1: Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Abstiegskampf besonders über Teamgeist und Nerven entschieden wird. Wie gut seid ihr diesbezüglich?

Kempf: Wir haben genug Typen in der Mannschaft und auf dem Platz, um das zu handeln. Wir müssen zusammenbleiben, uns zusammenraffen, uns da unten rauskämpfen und weiter Gas geben bis zum Schluss.

SPORT1: Worauf kommt es gegen Bayern an, und inwiefern ist das Spiel eine Chance?

Kempf: Bayern München ist eine Chance, wenn wir 200 Prozent auf den Platz kriegen und Bayern vielleicht nur 50 Prozent. Wir wollen versuchen, gut ins Spiel zu gehen, eine gute Leistung zu zeigen, die Bayern vielleicht ein bisschen zu ärgern und einen Punkt mitzunehmen.