München - Vor dem Kracher Borussia Dortmund gegen den FC Bayern sprechen die Sturm-Legenden Stephane Chapuisat und Giovane Elber bei SPORT1 über das Duell ihrer Ex-Klubs.

von Reinhard Franke

Sie gelten bis heute als Sturm-Legenden in ihren Vereinen. Stephane Chapuisat spielte von 1991 bis 1999 für Borussia Dortmund und erzielte in 218 Spielen 103 Tore für die Schwarz-Gelben.

Giovane Elber trug von 1997 bis 2003 das Trikot des FC Bayern und traf in dieser Zeit in 169 Partien 92 Mal für die Münchner, heute ist er Markenbotschafter des Klubs.

Vor dem Kracher des BVB gegen den Rekordmeister (Bundesliga: Borussia Dortmund gegen FC Bayern München, Sa. 18.30 Uhr im LIVETICKER) sprechen Chapuisat und Elber im SPORT1-Interview über das Duell.

SPORT1: Herr Elber, die Bayern haben gegen AEK Athen einen Arbeitssieg gelandet. Wie haben Sie ihn gesehen?

Giovane Elber: Spektakulär war es nicht, aber Hauptsache ein Sieg. Wichtig waren die drei Punkte und dass der FC Bayern gewonnen hat. Und was soll man zu Robert Lewandowski sagen? Zwei Tore - optimal für einen Mittelstürmer. Einfach toll. 

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SPORT1: Die Gesamtsituation beim FC Bayern ist aber nicht so toll...

Elber: Es fing in dieser Saison sehr gut an. Doch nach fünf bis sechs Spielen war irgendwie der Wurm drin. Die Spieler wirken verunsichert, haben aber nach wie vor Weltklasse-Niveau. Beim FC Bayern weiß man, dass das Ding von heute auf morgen gedreht werden kann. Es liegt natürlich an den Jungs auf dem Platz und am Trainer. Es muss alles zusammenpassen. Das ist momentan nicht der Fall.

Elber: "Die Spieler wissen, dass sie besser spielen können"

SPORT1: Warum nicht?

Elber: Die Spieler selbst wissen, dass sie besser spielen können. In der ersten Partie haben sie hervorragend gespielt. Zu diesem Zeitpunkt dachte jeder, dass es wieder einen Durchmarsch geben wird. Da stand der Meister für viele schon fest. Doch plötzlich hat es nicht mehr so funktioniert. Jetzt müssen die Spieler wieder alles geben, um in die Erfolgsspur zu kommen. Nur als Mannschaft kann das gelingen. Oder wie Niko Kovac es schon sagte: Da darf kein Blatt dazwischen passen. 

SPORT1: Ist das für die Bayern eher eine Konsolidierungsjahr, vielleicht sogar ohne Titel, Herr Chapuisat?

Stephane Chapuisat: Es ist zu früh, das zu sagen. Klar, sie haben einen Saisonstart gehabt, der ganz sicher nicht nach ihrem Geschmack war. Aber die Saison ist noch lang, das sehe ich wie Giovane.

SPORT1: Wie sehen Sie die Position von Kovac? Sie haben früher gegeneinander gespielt.

Chapuisat: Es ist eine schwierige Situation für ihn. Aber als er zu Bayern kam, wusste er, worauf er sich einlässt und dass er bei Misserfolgen relativ zügig in der Kritik stehen wird. Vor allem nach der Erfolgsserie in den ersten Spielen. Aber es kann noch viel passieren. Kovac war auch lange Spieler bei den Bayern. Wenn Du mit so einer Mannschaft nicht Erster bist und in der Liga souverän oben stehst, wirst du infrage gestellt. Für Bayern ist Erfolg normal.

SPORT1: Herr Elber, wie sehen Sie Kovac?

Elber: Wenn es gut läuft, egal mit welcher Trainingsmethode, dann ist Niko der beste Trainer. Wenn es schlecht läuft, dann nutzt auch das beste Training nichts. Dann bekommt er alle Kritik ab. Niko ist ein guter Trainer, und ich zweifele nicht an ihm. Ich war zu Beginn der Saison skeptisch, ob er es packt. Aber er ist gut reingekommen. Ich glaube nicht, dass die schlechten Leistungen zuletzt am Trainer liegen. Man muss viel analysieren und beobachten. Wenn die Punkte nicht eingefahren werden, ist in München gleich Theater da und im Umfeld geht die Trainer-Diskussion los. Man muss Niko die nötige Zeit geben. Er ist zwar ein junger Trainer, aber hat schon die kroatische Nationalmannschaft trainiert mit großen Namen wie Luka Modric und Mario Mandzukic. Und er war Spieler bei Bayern, weiß genau, wie es läuft.

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SPORT1: Gibt es konkrete Fehler, die man ihm vorwerfen kann?

Elber: Ich glaube nicht, dass er etwas anders gemacht hat als zu Saisonbeginn. Also hat er auch nichts falsch gemacht. Nur weil die Punkte fehlen, wirft man ihm jetzt Fehler vor. Das kann es nicht sein. Jetzt muss man Geduld haben. Die Spieler, das Präsidium und auch Niko selbst. Sie müssen jetzt zusammenhalten. Sie werden das Ding bis Weihnachten drehen. Aber es muss eine bessere Leistung her. Am besten schon im Spiel bei Borussia Dortmund.

Elber: "Kovac ist nicht naiv"

SPORT1: Glauben Sie, dass Kovac die Winterpause als Bayern-Trainer erlebt?

Elber: Ich denke schon. Der FC Bayern schmeißt nicht gleich nach sechs Monaten einen Trainer raus. Da müsste alles schlecht laufen und kein Konzept erkennbar sein. Ich hoffe sehr, dass er in Ruhe weiterarbeiten darf und nicht nervös wird. Er ist nicht erst seit ein paar Tagen Trainer und auch nicht naiv. Aber ich hoffe auch, dass nicht Dinge passieren, die er nicht beeinflussen kann. 

SPORT1: Zuletzt hat sogar die Frau von Thomas Müller bei Instagram gegen Kovac geschossen. Ist das akzeptabel?

Elber: Das war natürlich sehr unglücklich, aber es war ihr persönliches Gefühl. Wenn ein Leistungsträger wie Thomas plötzlich auf der Bank sitzen muss, dann berührt das auch seine Frau. Aber da müssen beide durch. Thomas weiß selbst, dass er mehr bringen muss. Er hat einen großen Namen, ist Profi und hatte bisher eine erfolgreiche Karriere. Aber so ein Post war ein bisschen zu viel, so etwas gehört nicht in die Öffentlichkeit. Was sie zu Hause bereden, ist ihre persönliche Sache. Der Trainer hat da cool reagiert. Ein guter Trainer steht auch hinter Spielern, die momentan nicht 100 Prozent bringen. 

SPORT1: Sportdirektor Hasan Salihamidzic macht keine glückliche Figur. Vor allem nach dem Heimspiel gegen den SC Freiburg war das so.

Elber: Ein bisschen Verständnis für Brazzo bitte. Ich denke, wenn Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge etwas vor der Presse sagen, dann muss Hasan nicht nochmal das selbe erzählen. Man erwartet natürlich, dass der Sportdirektor des FC Bayern auch mal zu Wort kommt, damit man seinen Kommentar und die Denkweise des Sportdirektors hört und versteht. Er ist aber erst seit Sommer 2017 in diesem Job tätig. Und das vergangene Jahr war nicht schlecht. Man lernt in solchen Krisen-Situationen viel. Die berühmte Pressekonferenz ist vorbei und ich schaue lieber nach vorne. Hasan soll in Ruhe weiterarbeiten. Jetzt sieht er, wie es ist, eine schlechte Phase beim FC Bayern zu durchleben. Es ist seine erste Krise.

Chapuisat glaubt an "hoch spannende Saison"

SPORT1: Beim BVB sind Matthias Sammer und Sebastian Kehl als ehemalige Spieler im Einsatz. War dies der entscheidende Schachzug für den Erfolg?

Chapuisat: Man kann das nicht an Einzelpersonen festmachen. Das ist beim BVB eine Teamleistung. Es sieht aber so aus, dass es in Dortmund sehr gut funktioniert und sie die richtigen Entscheidungen getroffen haben im Sinne des Teams. Und für die Liga ist es auch spannend, dass Bayern nicht mehr sehr souverän dasteht. Bei Dortmund sind Trainer, Spieler und Führung einfach ein gutes Team. Sie haben viele Leistungsträger, die der Mannschaft helfen können. In Dortmund wirken die handelnden Personen sehr souverän.

SPORT1: Dortmund ist Tabellenführer und Lucien Favre hat trotz der ersten Niederlage bei Atletico Madrid vieles richtig gemacht. Ist er ein Glücksfall für den BVB?

Chapuisat: Absolut. Lucien Favre ist ein super Trainer, der es vor allem beherrscht, mit jungen Spielern zu arbeiten. Es war ein sehr guter Schachzug von Michael Zorc, ihn zu holen. Die Niederlage bei Atletico wirft das Team nicht um. Im Moment läuft es sehr gut, weil im Klub alles harmonisch und souverän ist. Für mich kommt das nicht überraschend. Ich war überzeugt davon, dass einiges möglich ist mit Favre. Sie hatten einen guten Start, aber die Saison ist noch lang. Ich hoffe, dass das Niveau gehalten werden kann. Wenn die erfahrenen Spieler gesund bleiben, wird die Saison hoch spannend bleiben.

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SPORT1: Darf in Dortmund in dieser Saison zu Recht von der Meisterschaft geträumt werden?

Chapuisat: Man ist vorne dabei. Wichtig ist jetzt, dass man Spiel für Spiel betrachtet. Die Mannschaft spürt, dass etwas möglich ist. Sie spielt nach vorne, schießt Tore und spielt guten Fußball. Sie glaubt an ihre Stärke, das ist ganz wichtig.

SPORT1: Klingt so, als sei der BVB am Samstag der Favorit...

Elber: Ich finde das geil, dass der BVB da oben steht. Der FC Bayern ist selbst schuld, dass er nicht an der Spitze steht. Die Borussia hat einen starken Kader. Die Bundesliga ist weltweit nun wieder interessanter geworden. Es ist viel besser, dass die Bayern nicht mit einem großen Abstand die Bundesliga regieren. Jetzt ist Moral gefragt, um wieder nach oben zu kommen. Es ist sehr ungemütlich für meine Bayern momentan. Und es ist ungewöhnlich, dass zwei Klubs vor ihnen stehen. Das Spiel in Dortmund wird kein einfaches Spiel.

Elber: Bayern-Umbruch nicht von heute auf morgen

SPORT1: Die Dortmunder haben den Umbruch in der Mannschaft mit vielen jungen Spielern perfekt umgesetzt. Hat der FC Bayern seinen verpasst?

Chapuisat: Das kann man nicht vergleichen. In den vergangenen Jahren musste der BVB aus finanziellen Überlegungen immer wieder die besten Spieler wie Pierre-Emerick Aubameyang, Ilkay Gündogan oder Ousmane Dembele verkaufen. Die Bayern waren in der Vergangenheit immer die Nummer eins. Jetzt hat sich das Blatt etwas gewendet. Die Dortmunder haben gute Spieler geholt. Sie sind bereit, wenn Bayern schwächelt. Jetzt sind sie da, und Bayern ist nicht in Topform. Der Samstag wird deshalb sehr spannend. Bayern tat sich schwer, den Umbruch konsequent durchzuziehen. Es kann eine Saison werden, die nicht so optimal läuft. Die Dortmunder machen einen soliden Eindruck. Es gibt eine gute Mischung aus Jung und Alt, die Stabilität bringt.

SPORT1: Wie sehen Sie es, Herr Elber? 

Elber: Bei Bayern kam auch das Verletzungspech dazu. Beim BVB hat einfach alles funktioniert. Auch das eingeführte Rotationsprinzip. Da passt gerade alles. So einen Spieler wie Paco Alcacer wünscht sich jeder Trainer. Aber auch Borussia Dortmund kann noch in eine schlechte Phase abrutschen. Die Bayern müssen sich sammeln und gestärkt aus der Krise hervorgehen. Momentan würde ich mich schon freuen, wenn es ein Remis für die Roten wird. Das wäre schon ein gutes Ergebnis. Schwer zu sagen, ob Bayern den Umbruch verpasst hat. Man hat versucht, mit den Spielern, die man hat, einen Kader zu formen. Vielleicht braucht es ein bisschen mehr Zeit. Von heute auf morgen hat es nicht funktioniert. Niko unterstützt die jungen Spieler. Deshalb muss er auch von den jungen Spielern die Klasse erwarten.

SPORT1: Beim BVB ist Reus der Schlüsselspieler, weil er endlich verletzungsfrei ist. Er ist der Chef auf dem Platz. Fehlt den Bayern so ein Chef?

Chapuisat: Reus war immer ein genialer Spieler. Leider hatte er oft mit Verletzungen zu kämpfen. Ich wünsche ihm, dass er eine sorgenfreie Saison spielen wird. Das wird der entscheidende Punkt sein. Er hat natürlich auch Verstärkung bekommen mit wichtigen Leistungsträgern im Mittelfeld. Wenn Reus die ganze Saison über fit ist, kann er mit seiner Klasse den Unterschied ausmachen. Er kann endlich befreit aufspielen und hatte schon damals in Gladbach eine gute Zeit mit Lucien Favre. Das ist ein Pluspunkt. Beim FC Bayern sind momentan auch viele der jungen Spieler verletzt, die wichtig sind, wie zum Beispiel Kingsley Coman oder Corentin Tolisso. Das ist nicht so einfach. Eins ist klar: Ein Spieler wie Reus tut jeder Mannschaft gut.

SPORT1: Auch Stürmer Paco Alcacer begeistert die Fans. Ist er Dortmunds neuer Chapuisat?

Chapuisat: (lacht) Nein. Dortmund hat in den vergangenen Jahren immer wieder gute Torjäger gehabt. Es war nach Aubameyangs Verkauf zum FC Arsenal sehr schwierig, wieder so einen Spieler zu bekommen, der den Unterschied ausmachen kann. Mit Alcacer gibt es nun so einen Spieler. Er war sofort bereit und hat geknipst. Das war eine sehr gute Entscheidung von den BVB-Bossen. Spielerisch hat sich Alcacer top integriert im Verein.

Chapuisat: Siegt der BVB, wird es bei Bayern ungemütlich

SPORT1: Wie war das bei Ihnen damals?

Chapuisat: Bei mir war es ein bisschen anders. Ich kam damals zum BVB und war der jüngste Stürmer von dreien. Ich habe die Chance bekommen und sie genutzt. Bei Alcacer ist es anders. Man hat genau gewusst, wen man da holt. Er hat direkt funktioniert. Und er kann problemlos in die Fußstapfen von Aubameyang treten.

SPORT1: Was muss Bayerns Rezept gegen den BVB sein?

Elber: Die Spieler müssen ihr Potenzial voll ausschöpfen und als Mannschaft funktionieren. Einer muss für den anderen da sein. Nur dann ist ein Sieg möglich. Aber Dortmund hat die klar bessere Ausgangsposition, hat viel mehr Selbstvertrauen. 

SPORT1: Herr Chapuisat, ist Dortmund auch für Sie am Samstag im Spiel gegen die Bayern der Favorit?

Chapuisat: Es gibt gute Voraussetzungen für einen Sieg, im Moment ist der BVB der Favorit. Aber es ist auch ein ganz spezielles und überaus wichtiges Spiel. Doch die Bayern können am Samstag auch wieder vieles gut machen, bei einer Niederlage könnte es richtig ungemütlich werden. Das Spiel wird hochinteressant.

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