München - Bei Borussia Dortmund agiert Marco Reus in der Form seines Lebens, im DFB-Team kann der 29-Jährige noch nicht den erhofften Umbruch mit einleiten.

von Holger Luhmann

Marco Reus wird froh sein, im Dortmunder Stadtteil Brackel - dem tristen Wetter zum Trotz - wieder mit dem Mannschaftskollegen auf dem Trainingsplatz zu stehen. Bei Borussia Dortmund ist der 29-Jährige derzeit in seinem Element, im schwarz-gelben BVB-Dress ist aktuell wohl der beste Reus aller Zeiten zu bewundern.

Das trifft für die deutsche Nationalmannschaft nicht zu. Eine Mittelfußprellung bremste Rakete Reus zum Jahresabschluss weitgehend aus. Beim 3:0-Sieg gegen Russland fehlte er ganz, beim unbefriedigenden Remis gegen die Niederlande wurde er beim Stand von 2:0 eingewechselt. Am Ende hieß es 2:2.

SPORT1 zeigt die zwei Gesichter des Marco Reus.

Malocher vs. Teilzeitarbeiter

In Dortmund ist Reus beim klugen Rotierer Lucien Favre als einer von wenigen Spielern gesetzt. Neben Axel Witsel ist Reus der einzige BVB-Akteur, der bislang in jedem Pflichtspiel zum Einsatz kam.

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Nur ein Mal stand er nicht in der Startelf. In der zweiten Pokalrunde gegen Zweitligist Union Berlin wurde Reus zunächst geschont, erzielte als Joker kurz vor Schluss aber per Elfmeter den entscheidenden Siegtreffer.

Für das DFB-Team hatte Reus die Länderspiele im Oktober wegen einer Knieprellung komplett abgesagt. Nach der verkorksten WM kommt er lediglich auf 27 Minuten Einsatzzeit im Spiel am Montag gegen die Niederlande.

"Ich hatte nicht so oft trainieren können, habe am Sonntag erst die erste komplette Einheit mitgemacht. Deshalb haben wir entschieden, dass ich zunächst auf der Bank sitze", erklärte Reus, beruhigte aber gleichzeitig die schwarz-gelbe Seele mit Blick auf Dortmunds Auswärtsspiel am Samstag in Mainz: "Es ist alles gut."

Top-Scorer vs. ewiges Versprechen

Acht Saisontore hat Reus in der Liga bereits erzielt, mehr hatte er zu diesem Zeitpunkt einer Saison noch nie vorzuweisen. Dazu kommen fünf Assists. Wettbewerbsübergreifend bringt es Reus auf 18 Torbeteiligungen in 17 Pflichtspielen.

Und es sind auch die ganz wichtigen Treffer, die Reus erzielt. Wie im rasanten Spitzenspiel gegen den FC Bayern, als er die Borussia mit zwei Toren am Leben hielt, bevor Paco Alcacer sogar zum 3:2-Endstand traf.

Darunter die technisch anspruchsvolle Direktabnahme zum 2:2, eine Augenweide! "Das Tor war weltklasse", lobte der langjährige Bayern-Kapitän Stefan Effenberg anschließend im Doppelpass.

Im DFB-Dress hatte Reus bei seinem Kurzeinsatz gegen die Niederlande eine starke Aktion. Nach einem schnellen Vorstoß bediente er Thilo Kehrer, der aber aus aussichtsreicher Position vergab.

Bei der WM erzielte er gegen Schweden einen Treffer und bereitete ein Tor vor, konnte das klägliche Vorrundenaus aber auch nicht verhindern.

Leitfigur vs. Phantom

Beim BVB ist Reus seit dieser Saison Kapitän, Anführer und Gesicht des Umbruchs in einem.

"Man merkt, mit welchem Stolz ihn das Amt erfüllt. Das hat ihm noch mal einen echten Schub gegeben", erklärte Manager Michael Zorc. Reus' 20 Jahre alter Mitspieler Jacob Bruun Larsen unterstreicht Zorcs Einschätzung: "Er ist nicht nur unser Kapitän, sondern auch ein Vorbild. Er ist einer, zu dem man aufschaut."

Gladbachs Sportdirektor Max Eberl, der Reus einst für eine Million Euro von Rot Weiss Ahlen zu den Fohlen holte und später schweren Herzens zum BVB ziehen lassen musste, adelte Reus zuletzt im CHECK24 Doppelpass: "Wir sehen gerade den besten Reus aller Zeiten. Er ist gereift, er ist ein Mann, er führt als Kapitän. Momentan ist er der beste deutsche Spieler."

In Dortmund wirbelt Reus auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld hinter der Sturmspitze - mit allen Freiheiten.

Diese Rolle ist für ihn im DFB-Team nach dem Nationalmannschafts-Aus von Mesut Özil eigentlich auch vorgesehen. Nach dem propagierten Wandel vom Ballbesitz-Fußball zum schnellen Umschaltspiel wäre Reus hinter den schnellen Angreifern wie Timo Werner, Leroy Sane und Serge Gnabry dafür auch der richtige Mann.

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Aufgrund seiner gesundheitlichen Probleme konnte Reus den erhofften Umbruch aber bislang nicht mit einleiten. Im Gegenteil: Sowohl auf als auch neben dem Platz war Reus in den vergangenen Tagen bei der Nationalmannschaft kaum präsent, wirkte eher wie ein Phantom.

Keine Vorsicht vs. Samthandschuhe

Fakt ist: Reus' Krankenakte ist prall gefüllt. Vor der WM 2014 und dem Titelgewinn in Brasilien erlitt er im letzten Testspiel gegen Armenien einen Teilriss des vorderen Syndesmosebandes oberhalb des linken Sprunggelenkes. Auch im Anschluss wurde er immer wieder von schweren Verletzungen außer Gefecht gesetzt. 2016 wurde Reus von einer langwierigen Schambeinentzündung gestoppt, im Mai 2017 folgte ein Kreuzbandriss.

Die Sorge um Reus' Gesundheit schwingt stets mit. In Dortmund wirft ihn Trainer Lucien Favre dennoch immerzu ins Getümmel. Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke findet das richtig. "Er ist momentan in der Form seines Lebens", sagte der BVB-Boss zuletzt bei Sky: "Da wäre man schön blöd, wenn man ihn rausnähme."

Bundestrainer Joachim Löw fasst Reus eher mit Samthandschuhen an. Löw verweist darauf, dass Reus auch mal Regenerationszeit benötigt, um einer Verletzung vorzubeugen.

Die Erholungsphasen bekommt Reus derzeit eher bei Löw. Zum Leidwesen der Nationalmannschaft, zur Freude des BVB.

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