© SPORT1-Grafik: Getty Images/Privat
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München - Die Fan-Krawalle in Dortmund hätten laut Ultras-Experte Christoph Ruf verhindert werden können. Bei SPORT1 spricht er über die Hintergründe des Eklats.

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Erst brennende Bengalos, dann zerstörte Sanitäranlagen, schließlich Pfefferspray-Einsatz der Polizei und mit Fahnenstangen und Toilettenschüsseln angreifende Vermummte: Die Krawalle während des Bundesliga-Spiels zwischen dem BVB und Hertha BSC (2:2) haben für einen Eklat gesorgt.

Fan-Kreise kritisieren den Polizeieinsatz, insbesondere die Härte sowie das Entfernen einer Ultras-Fahne - die Polizei wiederum verteidigt ihr Vorgehen, die Politik fordert schärfere Kontrollen und bringt personalisierte Tickets als Reaktion ins Spiel. Die Fronten scheinen verhärteter denn je.

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Der freie Journalist Christoph Ruf, der sich als Buchautor eingehend mit der Ultra-Szene beschäftigt hat, sagt, dass die Ausschreitungen mit 50 Verletzten verhindert hätten werden können.

Im SPORT1-Interview spricht er über die Bedeutung der Fahne für Ultras, die Mär von zu laschen Stadionkontrollen sowie die Kritik an der Polizei - und verrät, wie Utensilien in den Fanblock gelangen.

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Christoph Ruf: Das war der Auslöser der Krawalle

SPORT1: Herr Ruf, ein zentraler Punkt bei der Betrachtung der Ausschreitungen von Berliner Ultras im Dortmund Signal-Iduna-Park ist eine Fahne der Ultras, die von Polizisten entfernt wurde. Welche Bedeutung ist dieser Fahne beizumessen?

Christoph Ruf: Der Pressesprecher der Dortmunder Polizei hat es ganz richtig gesagt: Die Fahne ist das Heiligtum jeder Ultra-Bewegung, das nicht aus den Händen der entsprechenden Gruppe geraten darf. Wenn eine gegnerische Ultra-Gruppe diese Fahne stiehlt, muss sich die Ultra-Gruppe auflösen. Das gehört zu den Ritualen der Ultra-Bewegung. Das weiß die Polizei eigentlich - wie sie auch weiß, dass es zu erbitterten Reaktionen kommt, wenn sie im Stadion die Fahne runterreißt. Das soll nichts rechtfertigen. Aber das war der Auslöser.

SPORT1: Gibt es eine Rote Linie, sowohl bei Ultras als auch Polizei, deren Überschreiten zu Eskalationen wie in Dortmund führt?

Ruf: Auf beiden Seiten gibt es keine schriftlich fixierten Grenzlinien. Bei der Polizei entscheidet der jeweilige Einsatzleiter je nach Lage. Auch bei manchen Ultra-Gruppen gibt es hierarchische Strukturen. Oft eskalieren Situationen und nachher weiß keiner so richtig, was der Auslöser war. Im Fall der Berliner Ultras in Dortmund lässt es sich allerdings klar benennen: Die Situation eskalierte, als die Fahne entfernt werden sollte. Übrigens: Dass die Gruppierung diese Fahne und Pyrotechnik zeigte, lag im 15-jährigen Jubiläum dieser Gruppierung begründet. Angesichts dessen war davon auszugehen, dass gezündelt wird. Das würden viele Gruppierungen so machen, ob man das gut findet oder nicht. Es ist aber gewissermaßen schon eine groteske Situation.

SPORT1: Was meinen Sie?

Ruf: Auf der einen Seite wäre wohl nichts passiert, hätte sich die Polizei zurückgehalten. Es wäre zu Rauchentwicklung gekommen, aber es wäre wahrscheinlich niemand verletzt worden. Insofern kann man diesen Einsatz der Polizeikräfte zu Recht als unverhältnismäßig kritisieren. Auf der anderen Seite muss man angesichts der Bilder aus Dortmund sagen: Nichts, aber auch gar nichts, rechtfertigt diese Prügelangriffe.

SPORT1: Das Jubiläum der Berliner Ultra-Gruppierung: Hätte die Polizei davon wissen müssen?

Ruf: Vor jedem Bundesliga-Spiel gibt es Gespräche zwischen den Polizeieinheiten aus beiden Städten. Auch Gespräche mit Fanbeauftragten finden statt. Die Polizei hätte also wissen müssen, dass die Berliner Gruppierung 15-Jähriges feiert. Und die Polizei sollte wissen, was das bedeutet, und hätte darauf vorbereitet sein müssen. Ich verstehe nicht ganz, warum man die bewährte Aufgabenteilung nicht beibehalten hat: Im Stadion ist der Ordnungsdienst zuständig, außerhalb die Polizei. Also kann man sich schon fragen, was das soll.

"Kollektivstrafen halte ich für rechtsstaatlich extrem problematisch"

SPORT1: Haben die Ultras nur darauf gewartet, sich mit der Polizei auseinanderzusetzen?

Ruf: Ich glaube nicht, dass die Berliner Ultras damit gerechnet haben, dass die Polizei in den Block geht. Eben weil es bei vergleichbaren Fällen bislang nicht oft vorkommt. Insofern glaube ich nicht, dass sie das billigend in Kauf genommen haben, um am Rad zu drehen. Aber man sieht es auf den Bildern: Als es losging, haben manche es zum Anlass genommen, so richtig zu zeigen, wo der Hammer hängt. Das muss man natürlich verurteilen.

SPORT1: Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) forderte strengere Kontrollen an den Stadioneingängen. Würden Sie ihm zustimmen?

Ruf: Jeder Polizist würde einem "off the record" sagen, was auch jeder Fanbeauftragte weiß, jeder Ultra, jeder, der sich damit beschäftigt: Du kriegst die Utensilien immer rein, wenn du es darauf anlegst. Wenn du es lange genug planst, kriegst du Pyrotechnik rein. Es ist populistisch und platt, bessere Kontrollen zu fordern. Die Kontrollen sind schon recht streng, wie jeder weiß, der im Gegensatz zu den meisten Politikern, die sich dazu äußern, schon mal in einer Fankurve war.

SPORT1: Wie kommen dennoch Gegenstände wie Bengalische Fackeln in die Fanblocks?

Ruf: Durch einen Blocksturm, bei dem die Kontrolleure keinen Zugriff auf einzelne Personen haben, lässt sich fast alles in den Block bringen. Pyrotechnik ist außerdem sehr viel kleiner, als viele annehmen. Man sieht eine riesige Rauchentwicklung und Feuer, und denkt, das sind große Gegenstände. De facto sind sie so klein, dass sie sich in Schuhen oder Wäsche unterbringen lassen. Und dann auch bei Menschen, die harmloser aussehen als diejenigen, die gefilzt werden. Außerdem finden manche Utensilien auch schon vor dem Spieltag den Weg in den Block. Man denke nur an das Relegationsspiel zwischen Waldhof Mannheim und Bayer Uerdingen: Die Sachen waren schon Tage vorher auf dem Gelände.

SPORT1: Nun stellt sich die Frage nach den Konsequenzen. Nicht nur NRW-Minister Reul bringt ein Comeback von Kollektivstrafen ins Spiel. Aus Ihrer Sicht richtig?

Ruf: Kollektivstrafen halte ich für rechtsstaatlich extrem problematisch. Diese gab oder gibt es auch nur im Fußball. Was kann ich dafür, wenn mein Nachbar Mist macht? Es hilft nur der Rechtsstaat, also die individuelle Strafe: Wer jemanden verprügelt und identifizierbar ist, muss wegen Körperverletzung bestraft werden.

SPORT1: Stellen Sie eine Veränderung im Verhalten oder Auftreten der Ultras fest?

Ruf: Ich glaube, dass so etwas wie in Dortmund auch vor fünf Jahren hätte vorkommen können und auch in fünf Jahren wieder vorkommen kann. Ich nehme keine Eskalation war. Aber ich glaube, die Geduld der Öffentlichkeit mit den Ultras lässt nach. 98 Prozent der Leute sehen Bilder wie die von Dortmund und fordern schärfere Maßnahmen. Da können Ultras noch so sinnvolle Anliegen haben oder sich sozial engagieren. Was in der öffentlichen Wahrnehmung hängenbleibt, sind diese Bilder, die schnell verallgemeinert werden. Ich bin mir nicht sicher, ob das allen Ultras klar ist.