München - Nach seinem Karriereende lebt der frühere Bundesliga-Profi Jermaine Jones weiter in den USA. Bei SPORT1 gibt er jetzt ein bemerkenswertes Interview.

von Reinhard Franke

Jermaine Jones galt immer als Hitzkopf. Aber auch als ein ehrlicher Kämpfer auf dem Rasen.

Inzwischen hat der Deutsch-Amerikaner seine Fußballschuhe an den Nagel gehängt. Nach 18 Jahren als Profi (165 Bundesliga-Spiele für Eintracht Frankfurt, Bayer Leverkusen und Schalke 04, drei Länderspiele für Deutschland, 69 für die USA) beendete der 36-Jährige vor Kurzem seine Profi-Laufbahn.

Im SPORT1-Interview spricht Jones über sein Leben nach der Karriere, die deutsche Nationalmannschaft, Bundestrainer Joachim Löw - und die neue Situation beim FC Bayern.

SPORT1: Herr Jones, das alles beherrschende Thema des Wochenendes war die Pressekonferenz der Bayern-Bosse. Was haben Sie sich gedacht, als Sie davon erfahren haben?

Jermaine Jones: Was die Bosse auf der Pressekonferenz gesagt haben, ist vom Grundsatz her richtig. Sie verteidigen den FC Bayern und die Spieler und wehren sich gegen vieles, was in den Medien zuletzt stattgefunden hat. Der Klub hat viel für den Sport geleistet. 

Wenn dann zu viel Kritik kommt, ist es auch mal gerechtfertigt, zu so einem Rundumschlag auszuholen. Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge und Hasan Salihamidzic haben Recht. 

SPORT1: Die Situation bei den Bayern hat sich etwas verbessert, aber noch nicht entspannt. Wie sehen Sie die Position von Niko Kovac nach dem 3:1-Sieg beim VfL Wolfsburg?

Jones: Das ist eine schwierige Situation für ihn, vor allem, weil er zu einem Verein wie Bayern München kam, wo er nur am Erfolg gemessen wird. Die Erfolge von Niko in Frankfurt sprechen für ihn. Das war unglaublich.

Ich wäre froh, wenn die Bayern ihm die Chance und die Zeit gäben, um weiterzumachen. Er ist ein Trainer, der Charisma hat. Er möchte immer seine Mannschaft mit Emotionen mitreißen. Das hat bei der Eintracht sehr gut geklappt. Bei Bayern ist es sein nächster Schritt, er muss jetzt dazulernen. 

SPORT1: Sie haben Ihre Karriere beendet. Wie leben Sie heute?

Jones: Ich lebe in Kalifornien, in Malibu. Nachdem ich aufgehört habe mit aktivem Profifußball, habe ich mit meiner Familie erstmal eine Weltreise gemacht. Jetzt kümmere ich mich um meine Frau und meine fünf Kinder. Vor einem Jahr habe ich dann mit dem Trainerschein angefangen. Im Mai 2019 bin ich hoffentlich fertig. Ich trainiere momentan schon eine Academy A-Jugend. Das macht mir großen Spaß und ist super interessant. 2019 möchte ich gerne Profi-Trainer werden. 

SPORT1: In den USA oder in der Bundesliga?

Jones: Mein großes Ziel ist ein Trainerjob in Europa. Vielleicht bleibt meine Familie dann in den USA, und ich gehe alleine weg. Das ist aber Zukunftsmusik. Toll wäre natürlich eine Rückkehr als Coach zu meinen früheren Klubs Eintracht Frankfurt oder Schalke 04.

SPORT1: Wie sehr verfolgen Sie noch die Eintracht und die Königsblauen?

Jones: Ich schaue mir mit meinem älteren Sohn am Wochenende alles an. Er ist mit ganzem Herzen Eintracht-Fan. Die Bundesliga interessiert mich immer noch sehr, vor allem das Coaching dort. Da kann ich immer etwas lernen.

SPORT1: Lassen Sie uns über die deutsche Nationalmannschaft sprechen. Wie bewerten Sie dort die aktuellen Probleme?

Jones: Der deutsche Fußball hat keine allzu großen Probleme. Es gibt genug Talente, die eine hervorragende Ausbildung genießen. Aber es müssen ein Umbruch und neues Selbstvertrauen her. Nach der schlimmen WM gar nicht so leicht.

Joachim Löw ist momentan in einer schwierigen Situation. Er wird einen nötigen Umbruch konsequenter durchziehen, als viele Kritiker es ihm zutrauen. Er wird alle Karten neu sortieren. Als Bundestrainer muss er auch unangenehme Entscheidungen treffen, die nicht jeder Spieler und Fan versteht. 

SPORT1: Ist Joachim Löw noch der Richtige?

Jones: Absolut ja. Alle Kritiker sollen aufwachen. Ohne Jogi Löw wäre die Nationalmannschaft nicht das, was sie heute ist. Seit er angefangen hat, ging es aufwärts. Löw hat genug Ideen, um etwas Neues aufzubauen.

SPORT1: Die Kritik zuletzt war aber auch angebracht...

Jones: Wir haben gerade zu viel Unruhe. Der DFB hat in den vergangenen Monaten schlimme Fehler gemacht. Die jungen Spieler brauchen Vertrauen. Leroy Sane hat gegen Frankreich toll gespielt. Man sollte ihn stärken. Spieler wie er müssen jetzt die Veränderung bringen. Meiner Meinung nach muss auch im Tor ein Wechsel her. Ältere Spieler wie Mats Hummels sollten rausgenommen werden. Das alles kann nur Löw entscheiden. Ich möchte nicht mit ihm tauschen. Solange er verliert, wird es weiter unruhig bleiben.

SPORT1: Bis zum Spiel gegen Frankreich war von einem Umbruch nichts zu sehen.

Jones: Es hat sich schon etwas Entscheidendes geändert. Das frühere Gerüst der Nationalmannschaft war immer ein Bayern-Block. In den vergangenen Spielen hat der Bundestrainer noch daran festgehalten und wollte nichts ändern. Die Bayern-Spieler werden aber auch älter. Es gibt auch gute Spieler aus anderen Klubs, die helfen können. 

SPORT1: Ist die Zeit des Bayern-Blocks in der Nationalmannschaft vorbei?

Jones: Die Bayern-Spieler werden nicht mehr so gebraucht wie früher, sind nicht mehr unantastbar. Manuel Neuer ist zwar der Kapitän der Nationalelf, aber Marc-Andre ter Stegen ist beim FC Barcelona auch unfassbar gut. Meiner Meinung nach ist er gerade der beste deutsche Torwart.

Dann haben wir vorne schnelle junge Talente mit Sane und Timo Werner. Diesen Spielern muss man jetzt absolut vertrauen. Löw ist jetzt an einem Punkt, an dem er vieles ändern muss. Es gibt keinen Grund mehr für Ausreden. Wir verlieren gerade die Spiele, aber es ist ein Umbruch da. Man kann nur jetzt komplett etwas Neues starten.

SPORT1: Sie sehen ter Stegen als neue deutsche Nummer 1?

Jones: Deutschland hatte noch nie ein Problem mit Torhütern. Zum jetzigen Zeitpunkt, auch nach der langen Verletzung von Neuer, ist ter Stegen bestimmt der bessere Torhüter. Ich habe mit Manuel zusammengespielt. Er ist der beste Torwart der Welt, aber nur, wenn er zu 100 Prozent fit ist. Zum jetzigen Zeitpunkt hat ter Stegen die Nase vorn. Löw müsste ihn aber erstmal über einen längeren Zeitraum ins Tor stellen, um zu schauen, was ter Stegen dann leistet.

SPORT1: Ein unschönes Thema, nicht zuletzt aufgrund der Debatte um Mesut Özil: Rassismus im Fußball.

Jones: In der Zeit, in der ich gespielt habe, gab es das nicht. Ich habe nie etwas mitbekommen von so einem Problem. Nicht unter den Mitspielern in meinen Vereinen und auch nicht beim DFB. Es ist so traurig, dass dieses Thema wieder aufkommt.

SPORT1: Wird das Thema Migration im Profifußball unterschätzt?

Jones: Deutschland ist insgesamt ein offenes Land. Es gibt viele Immigranten und es herrscht eine große Vielfalt. Ich bin mit vielen Marokkanern, Äthiopiern, Türken und Eritreern aufgewachsen. Ich hatte selbst nie ein Problem damit. Wir waren alle immer cool. Es kommt immer darauf an, was man selbst zurückgibt. Jemand, der sich selbst nicht gut verhält, kann auch nichts Gutes zurückbekommen. 

SPORT1: Wie sehr liegt Ihnen das am Herzen?

Jones: Es ist schön, dass wir im Profifußball auch Spieler mit Migrationshintergrund haben. Das sind dann meistens die Straßenkicker. Ich finde das gut. Das macht oft den Unterschied im Sport aus. 

SPORT1: Auch bei Ihnen gab es einen Prozess. Früher Bad Boy, inzwischen Familienvater. Wer ist Jermaine Jones heute?

Jones: Als ich in jungen Jahren Single war, habe ich das Nachtleben geliebt. Jetzt bin ich fünffacher Vater. Seit meine Kids auf der Welt sind, gibt es das Nachtleben für mich nicht mehr.

Auf dem Platz wollte ich immer nur gewinnen. Es ist schließlich ein brutales Geschäft, wo viel Geld im Umlauf ist. Ich wollte nie jemanden verletzen, galt aber da immer als Bad Boy. Privat war ich genau das Gegenteil. Die Menschen sind immer überrascht, wenn sie mich kennenlernen. Ich bin zu 100 Prozent Familienvater. Ich versuche, für meine Kinder das Beste zu geben.

SPORT1: Letzte Frage - fallen Ihnen beim Rückblick auf ihre Karriere auch schlimme Momente ein?

Jones: Die gab es, ja. Ich habe mich auch mal auf dem Platz geschlagen. Und mit Felix Magath bin ich auf Schalke böse aneinander geraten. Wir waren immer Alpha-Tiere, die nicht nachgeben konnten. Bei mir gibt es aber heute keine Person, die ich hasse, wenn ich auf meine Karriere zurückblicke. Auch für meine Aktion mit Marco Reus (ein Tritt auf Reus' bereits lädierten Fuß im Dezember 2012, Anm. d. Red) habe ich mich damals entschuldigt. Ich habe das für meine Mannschaft getan, doch die Aktion war nicht korrekt.