Stefan Effenberg fehlen die Leitwölfe in der Liga © SPORT1

München - SPORT1-Experte Stefan Effenberg sieht beim FC Bayern keine "handfeste Krise", erwartet aber einen spannenden Titelkampf mit dem BVB. Hier das Interview.

von Maximilian Miguletz

Nach der denkwürdigen Pressekonferenz ist vor dem Spiel: Der FC Bayern München versucht am 8. Bundesliga-Spieltag beim VfL Wolfsburg die Trendwende herbeizuführen (Bundesliga: VfL Wolfsburg - FC Bayern München, ab 15.30 Uhr im LIVETICKER).

Vier sieglose Spiele in Serie, dazu eine Länderspiel-Pause zum Gruseln - der deutsche Rekordmeister befindet sich in einer schwierigen Lage wie lange nicht. Eine "handfeste Krise" sei dies aber nicht, sagt SPORT1-Experte Stefan Effenberg. Der frühere Bayern- und Wolfsburg-Profi ist davon überzeugt, dass die Bayern-Stars ins Grübeln gekommen sind und das Blatt wenden werden.

Im SPORT1-Interview verrät der Champions-League-Sieger von 2001, wer aus seiner Sicht beim FC Bayern gefordert ist, wie Klaus Augenthaler ihn und seine Mitspieler in den Keller bestellte und welche Rolle Sebastian Rudy beim FC Schalke 04 spielen wird.

Effenberg: "Die Gattung Leitwolf ist ausgestorben"

SPORT1: Herr Effenberg, als Spieler galten Sie als absoluter Leitwolf in Ihren Mannschaften. Wenn Sie heute auf die Bundesliga blicken: Stechen Ihnen dabei prägende Führungsspieler ins Auge?

Stefan Effenberg: Ganz ehrlich: Ich kann in der Bundesliga kaum Leitwölfe ausmachen. Da müsste ich schon lange überlegen, bis mir einer einfällt. Aber man muss auch einfach sagen, dass sich Führungsspieler heute ganz anders definieren als zu meiner Zeit oder sogar noch früher.

SPORT1: Gibt es Leitwölfe denn noch?

Effenberg: Ich würde sagen, die Gattung Leitwolf ist ausgestorben. Heute funktionieren Mannschaften eher über das Kollektiv, die Verantwortung wird auf vielen Schultern verteilt. Ob das gut ist, weiß ich nicht. Ich würde mir jedenfalls als Verantwortlicher eines Vereins immer wünschen, zwei, drei Leute zu haben, denen man das Vertrauen schenken kann und die dieses zurückzahlen. Die Dinge in einer Mannschaft selbst regeln. Dinge, die ein Trainer nicht regeln kann.

SPORT1: Worin sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Führungsspielern zu Ihrer Zeit und heute?

Effenberg: Wenn es um die Mechanismen innerhalb einer Mannschaft geht, hat sich nicht allzu viel verändert. Allerdings habe ich den Eindruck, dass heutzutage zu viel diskutiert wird. Früher gab es eine Ansage, und das hat funktioniert.

SPORT1: Wer, außer Ihnen selbst, hat solche Ansagen zum Beispiel gemacht?

Effenberg: Klaus Augenthaler. Das war ein absoluter Führungsspieler, ein Leader, ein Kapitän. Der hat beispielsweise die Mannschaft zusammengerufen und zu sich nach Hause in den Keller eingeladen, wenn die Situation angespannt oder schwierig war. Dort wurden Dinge angesprochen, es wurde sich ausgesprochen, wir sind nach Hause gegangen und jeder hat sich auf den nächsten Spieltag gefreut.

SPORT1: Was zeichnet einen Leitwolf im Fußball aus?

Effenberg: Führungsspieler zeigen sich immer in schwierigen Phasen. Wenn du einen Lauf hast und die Gegner beherrschst, dann brauchst du sie nicht. Dann zeigen sich Leitwölfe auch nicht wirklich. Das müssen sie in angespannten Situationen, wie etwa jetzt beim FC Bayern oder in der Nationalmannschaft.

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FC Bayern: "Handfeste Krise? Das sehe ich nicht so"

SPORT1: Sprechen wir über die Nationalmannschaft. Von wem erwarten Sie hier, dass er Verantwortung übernimmt und vorangeht?

Effenberg: Manuel Neuer. Schon allein weil er Kapitän ist. Er muss diese Rolle ausfüllen. Aber es ist für ihn als Torwart natürlich schwierig, weil er auf dem Platz nicht wirklich Einfluss nehmen kann. Deshalb braucht es Jungs wie Mats Hummels, Jerome Boateng, Toni Kroos. Das ist nach wie vor die hauptverantwortliche Achse der Nationalmannschaft, um wieder erfolgreichen Fußball zu spielen. Nur wenn diese Spieler selbst Probleme haben und mit sich selbst beschäftigt sind, leidet das ganze Team darunter. Trotzdem muss Joachim Löw diesen Spielern auch in einer schwierigen Phasen wie jetzt auf Teufel komm raus das Vertrauen aussprechen.

SPORT1: Viele wichtige Nationalspieler stecken auch im heimischen Klub, beim FC Bayern, in einer handfesten Krise. Wie sehen Sie den Rekordmeister?

Effenberg: Handfeste Krise? Das sehe ich nicht so. Klar, die Lage ist angespannt, weil es für Bayern München ungewohnt ist. In den letzten sechs Jahren hatten sie eine solche Situation genau einmal. Vor ziemlich genau einem Jahr unter Carlo Ancelotti. Damals sind sie kurzzeitig hinterhergelaufen, aber haben das Blatt aufgrund ihrer Qualität schnell gewendet. Heute ist es ähnlich, deshalb sehe ich keine handfeste Krise.

SPORT1: Vier sieglose Partien in Serie, Tabellenplatz sechs und zuletzt das 0:3 zuhause gegen Gladbach ...

Effenberg: Manchmal muss man solche Spiele haben, um nachzudenken. Wenn du von einem Sieg zum nächsten rennst, machst du einfach einen Haken dahinter. Aber wenn du verlierst, kommst du ins Grübeln. Dann reflektierst du. Vor allem, wenn du auch in der Öffentlichkeit angeschossen wirst. Dann fängst du an, dir Gedanken zu machen. Und das ist gut so, denn die Spieler müssen sich bewusst sein, dass es nicht von selbst zurück in die Erfolgsspur geht. Klar ist: Der FC Bayern hat die nötige Qualität, die höchste in der Bundesliga. Aber die Stars müssen auch bereit sein, diese abzurufen und alles dafür tun. Wenn sie das tun, werden sie die Situation in der Bundesliga schnell wieder geraderücken.

SPORT1: Wer sind denn heute die Leitwölfe, die das Bayern-Team zu sich nach Hause in den Keller einladen?

Effenberg: Sowas kann ich mir in der heutigen Zeit nicht vorstellen. Aber Verantwortung übernehmen müssen, wie in der Nationalmannschaft, Neuer, Hummels, Boateng. Aber auch Arjen Robben und Franck Ribery sind aufgrund ihrer großen Erfahrung gefordert, ihren Mann zu stehen und voranzugehen. Von ihnen muss man erwarten können, dass sie den Karren aus dem Dreck ziehen. Weniger mit Reden, sondern in erster Linie mit der Leistung auf dem Platz.

SPORT1: Sie plädieren für Robbery in der Startelf?

Effenberg: Ich höre, dass sie fit und bereit sind. Dann spricht aus meiner Sicht nichts dagegen, sie aufzustellen. Auch trotz des Alters. Ganz im Gegenteil. Zumal sie nicht bei den Nationalmannschaften waren. Ein Plus für Bayern, denn ihnen tun diese Pausen gut. Wichtig ist, dass sie bei 100 Prozent sind. Ohne Robben und Ribery bei 100 Prozent wird Bayern die Champions League nicht gewinnen, denn dafür sind sie nach wie vor viel zu wichtig. Im Grunde sollten aber alle Spieler bei 100 Prozent sein, denn sonst gibt es Probleme, wie wir sie auch in der Partie gegen Gladbach gesehen habe. Offensichtlich waren in diesem Spiel nicht alle auf der Höhe, sei es physisch oder psychisch.

Effenberg erwartet spannenden Titelkampf

SPORT1: Apropos Psyche: Fehlt den Bayern jetzt doch ein Kämpfer wie Vidal?

Effenberg: Nein, also das nun wirklich nicht. Es ist Quatsch, jetzt jedem Spieler nachzuheulen, der den FC Bayern verlassen hat. Ja, Vidal ist ein Kämpfer, keine Frage, und er war wertvoll für den FC Bayern, aber den entscheidenden Unterschied ausgemacht hat er nicht.

SPORT1: Lassen Sie uns auf die Konkurrenz blicken. Wie bewerten Sie die bisherige Saison des BVB?

Effenberg: Die Dortmunder werden derzeit gehypet, aber auch zu Recht. Sie spielen einen tollen Fußball. Das war aber nicht von Anfang an so. Zu Saisonbeginn war das vom BVB eher Ergebnisfußball, aber das war genau richtig, um Sicherheit zu bekommen. Dadurch konnten sie dann immer befreiter aufspielen und die Tabellenspitze erobern. Genau diesen Weg muss jetzt auch Bayern gehen. Dass der BVB ganz vorne steht, wird den Münchnern zusätzliche Motivation sein.

SPORT1: Erwarten Sie einen spannenden Titelkampf?

Effenberg: Es wird mit Sicherheit nicht mehr einen solch großen Abstand geben wie in den letzten Jahren. Die Topteams werden wieder enger zusammenrücken. Aber außer Bayern seh ich da nur Dortmund. Die jetzige Tabelle ist nur eine Momentaufnahme.

SPORT1: Leitwölfe zeigen sich in schwierigen Phasen. Werfen wir also noch einen Blick in den Tabellenkeller. Der Dortmunder Revierrivale FC Schalke 04 versucht gerade den gruseligen Saisonstart wettzumachen. Welche Spieler führen die Knappen wieder nach oben?

Effenberg: Ich sehe hier eine Achse aus Fährmann, Naldo und auch Rudy. Das sind die Leute im Zentrum des Spiels, die hauptverantwortlich dafür sind, dass sich das Blatt auf Schalke wieder zum Guten wendet.

Dieses Interview wurde vor der gestrigen Pressekonferenz des FC Bayern geführt.