München - Nach den erneuten Anfeindungen gegen Hoffenheims Mäzen Dietmar Hopp spricht dessen Anwalt bei SPORT1 über den Vorfall.

von

Sogar von einem "Mordaufruf" war am Tag danach die Rede.

Die Verantwortlichen der TSG Hoffenheim (Bundesliga: Hannover 96 - TSG Hoffenheim ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) reagierten am Sonntag mit einem öffentlichen Brief auf die jüngsten Anfeindungen gegen ihren Mehrheitseigner Dietmar Hopp.

Am Samstag hatten BVB-Fans vor dem Anpfiff der Partie gegen die Kraichgauer im Auswärtsblock ein riesiges Banner über ihre Köpfe gehalten, auf dem Hopp in einem roten Fadenkreuz zu sehen war.

Hopp-Anwalt Christoph Schickhardt spricht im SPORT1-Interview über den Vorfall und mögliche Konsequenzen.

SPORT1: Herr Schickhardt, was denken Sie über die aktuelle Aktion der BVB-Ultras?

Christoph Schickhardt: Ich bin wie Dietmar Hopp auch fassungslos. Er hat mir geschrieben, ist einfach sehr traurig und betroffen. Man muss sich das einmal vorstellen: Er steht in dem Stadion, das er geschaffen hat, um Sport in die Region zu bringen und ein Gemeinschaftserlebnis zu schaffen. Ihm war immer wichtig, dass die Eltern mit ihren Kindern in das Stadion kommen können, um attraktive Fußballspiele zu sehen, ohne dass ihnen etwas passiert. Dietmar Hopp ist ein Sportsmann durch und durch. Zuletzt war er mit seiner älteren Schwester im Stadion, als ähnliches passierte, inzwischen bringt er seine Enkel gar nicht mehr mit. Er schämt sich nur noch. Das zu sehen, ist unfassbar. Auch in dieser neuen Dimension. Ein Fadenkreuz bedeutet, dass man gezielt auf eine Person schießen will, bevor man sie tötet. Den Spruch "Hasta la vista" sagte Arnold Schwarzenegger in seinen "Terminator"-Filmen immer, bevor er eine Person erschoss.

Vorgehen "mit hoher krimineller Energie"

SPORT1: Diese neue Aktion entstand jetzt nicht aus einer Emotion heraus.

Schickhardt: Richtig. Dietmar Hopp ist nicht gerade übersensibel. Wenn sich eine der Personen entschuldigen würde, dann hätte Dietmar Hopp sicher großes Verständnis. Auch, weil Fußball ein Männersport ist und es da auch mal sprachlich etwas ruppig zur Sache geht. Aber diese Fahne wurde mit einer hohen kriminellen Energie minutiös in einer Woche vorbereitet. Das muss geplant werden, da müssen hunderte von anderen Personen eingeweiht werden. Unter diesem Ding waren bestimmt hunderte von Leuten. Für alle gilt 'Mitgehangen mitgefangen'. Diese Personen haben sich das zu eigen gemacht, das als ihre Tat angesehen und damit zum Ausdruck gebracht, dass sie damit einverstanden sind. Ganz schlimm.    

SPORT1: Warum geht die Polizei nicht in den Block, nimmt die Fahne weg oder bricht das Spiel einfach ab?

Schickhardt: Das sind zwei ganz wichtige Fragen. Das erste ist Polizei-Taktik, da darf man sich nicht einmischen. Ich mache das seit zehn Jahren intensiv, und die Polizei hat natürlich ihre Erfahrungswerte damit. Sie versucht immer zu deeskalieren, wenn durch die Tat keine direkte körperliche Gefahr von etwas ausgeht. So traurig das ist, aber wenn einer ein Gewehr in der Hand halten würde, dann würde die Polizei in den Block gehen, sonst nicht. Die Polizei hat natürlich auch etwas Angst in den Block reinzugehen und gegen diese Chaoten vorzugehen, die ihr eher feindlich gesinnt sind.

SPORT1: Das heißt, die Polizei ist machtlos gegen diese Chaoten?

Schickhardt: Ich sehe dieses Problem eher außerhalb des Stadions, auf dem Weg dorthin. Wenn diese Fan-Märsche stattfinden und auf dem Weg vom Bahnhof zum Stadion schon Straftaten begangen werden, dann muss die Polizei eingreifen. Aber das tut sie leider oft nicht, sondern lässt diese Personen marschieren. In Dortmund war zuletzt ein Marsch von Rechtsradikalen, aus dem heraus rechtsradikale Parolen geschrien wurden. Und die Polizei hat das begleitet. Das hatte mit dem Fußball nichts zu tun. Geht man aber in den Block rein, besteht eine große Gefahr der Eskalation. Ich halte das nicht für richtig. Vor dem Stadion müsste das Gewaltmonopol der Polizei viel stärker durchgesetzt werden.

Schickhardt erinnert an den Fall Rangnick

SPORT1: Muss Herr Hopp erst verletzt werden, damit eingegriffen wird?

Schickhardt: Das ist eine traurige Entwicklung. Meinem Freund Ralf Rangnick wurde auf einem Banner ein Strick um den Hals gelegt nach dem Motto 'Bring' dich um'. Ich bin persönlich besorgt um die Sicherheit von Dietmar Hopp. Was ist die nächste Stufe der Eskalation? Was ich nicht mehr hören kann, sind diese Entschuldigungen und Versprechen, dass man jetzt handeln müsse. Die erste Maßnahme ist die totale Distanzierung des Klubs Borussia Dortmund und aller seiner Anhänger. Die Reaktion von Herrn Watzke war top. Ich denke, Herr Rauball wird sich noch äußern. Die Distanzierung muss von oben nach unten erfolgen - von allen Vereinen und vom DFB und der DFL. Von den 20.000 Zuschauern auf der Südtribüne sind 18.000 vernünftige Personen, die sagen müssten, dass sie mit den Chaoten nichts zu tun haben wollen. Erschreckend ist für mich, wie viele Menschen sich unter der Fahne wohlgefühlt haben. 

SPORT1: Welche Reaktionen aus Dortmund gab es nach Samstag?

Schickhardt: Wir haben am Montag überragende Rückmeldungen von Fans aus Dortmund und dem ganzen Land erhalten, die sich ganz klar von diesem aktuellen Vorfall distanzieren. Viele dieser Leute mögen Hoffenheim nicht, was in Ordnung ist. Aber sie wollen mit dieser Fahne nichts zu tun haben. Diese Distanzierung ist das Allerwichtigste. Diese Chaoten müssen an den Rand gestellt werden.

SPORT1: Es ist schon mehrfach beim BVB zu vergleichbaren Vorfällen gekommen. Ist der Verein machtlos oder unternimmt er zu wenig?

Schickhardt: Das ist ein sehr diffiziles Thema. Bei so einer durchgeplanten Aktion frage ich mich aber schon, wo der Sicherheitsdienst und die Fanbetreuung des BVB bleiben? Hatte niemand von der Vorbereitung etwas mitbekommen?

SPORT1: Glauben Sie, dass Herr Hopp irgendwann den Kampf gegen diese Elemente aufgeben wird?

Schickhardt: Ich mache mir schon Sorgen um Herrn Hopp. Unsere Gesellschaftsordnung darf sich nicht machtlos zeigen gegen solche Exzesse. Beim aktuellen Vorfall wurde arbeitsteilig wie bei einer Bande vorgegangen. Da müssen viele Personen mitgewirkt haben. Es ist eine Schande, wie mit Dietmar Hopp umgegangen wird. Aufgeben wird er nicht, weil er einfach von seiner Idee des Sports und von den positiven Elementen der Gesellschaft im Innersten überzeugt ist. Man muss diese Chaoten in den Griff kriegen.

Spielabbruch als letzte Lösung

SPORT1: Wie genau soll das gehen?

Schickhardt: Diese drastische Strafe des DFB nach dem RB-Fall (Dortmunder Fans riefen Ende August auf Stadionplakaten zur Gewalt auf und bewarfen Leipziger Zuschauer mit Gegenständen, d. Red.) hat offenbar nichts geholfen. Nach der Rechtsordnung wird jetzt dann die Strafe verschärft. Es ist aber keine Frage der Strafe, als vielmehr des Anstandes der Liga. Die Liga spricht immer von der Integrität des Wettbewerbs. Und dieser ist nicht mehr integer, wenn Fußballspiele unter solchen Umständen ausgetragen werden. Fußball ist nicht so wichtig, als dass er über die Würde des Menschen gestellt wird und über Anstand und Respekt. Ich meine nicht sofort Spielabbruch. Aber der Schiedsrichter, der überfordert ist, braucht einen Helfer der Liga, der das von der Tribüne beobachtet. Dann müssen der Stadionsprecher und der Mannschaftskapitän geholt werden, und es wird erst mal abgepfiffen und für zehn Minuten in die Kabine gegangen. Wenn danach noch irgendein Plakat hängt, dann muss ein Spiel abgebrochen werden. Die Punktwertung ist entsprechend. Das ist das Einzige, was helfen kann.