München - Fünf Spiele, fünf Pleiten - den Auftakt in die Saison hat sich Vizemeister Schalke alle ganz anders vorgestellt. Doch der Bundesliga-Fehlstart hat Gründe.

von Holger Luhmann

Im Grunde liegt die Wurzel des derzeitigen Schalker Übels schon ein paar Monate zurück. Im Sommer nämlich beschloss Domenico Tedesco, das Spiel des Überraschungs-Vizemeisters etwas aufzuhübschen, taktisch weiterzuentwickeln. Ein Paradigmenwechsel sozusagen, der noch junge Trainer mag ja hochgestochene Ausdrücke.

Schalke 04 also sollte fortan spielerisch ansehnlicher auftreten. Weg vom Sicherheits-und-Konter-Fußball der vergangenen Saison, hin zu mehr Ballbesitz und Kreativität. Diese Saat, so viel bleibt nach fünf Niederlagen in der Bundesliga festzuhalten, ist nicht aufgegangen. Es droht – um im Bild zu bleiben, eine beträchtliche Missernte.

Und die Situation birgt Gefahren, die sich durchaus zuspitzen können. Daran trägt Tedesco eine Mitschuld. Nach den ersten beiden Pleiten in Wolfsburg (1:2) und gegen Hertha (0:2) ruderte der 33-Jährige zurück, versuchte seiner Mannschaft wieder mehr Stabilität zu verleihen. Doch auch das ging in Mönchengladbach (1:2) und gegen die Bayern (0:2) schief. In Freiburg nun am Dienstag setzte Tedesco wieder auf mehr Offensive und teilweise neues Personal, Schalke verlor 0:1.

Schalke mit Ladehemmung

Die Folge: eine weiter gestiegene Schalker Verunsicherung. Man muss sagen, es klappt vorne wie hinten nicht mehr. Wortwörtlich. Offensiv fehlt es an Kreativität und Durchschlagskraft. Mit zwei (späten) Toren erzielte Schalke bislang die wenigsten Treffer aller Mannschaften, darunter war ein Elfmeter. Nur wenige Teams haben eine höhere Fehlpassquote. Und hinten fehlt es an Stabilität, die noch in der vergangenen Saison das Fundament des Erfolges war.

Ein Spieler wie Naldo, im Jahr eins von Tedesco noch Turm in der Schlacht, agiert weit unter Form. In Freiburg sah sogar Torhüter und Kapitän Ralf Fährmann beim Gegentor nicht gut aus. Im Angriff kommt Guido Burgstaller, in der Vorsaison Torgarant, nicht zum Zug und wird von Tedesco kaum eingesetzt.

Im Aufbauspiel fehlt der nach München abgewanderte Leon Goretzka schmerzlich. Der von München gekommene Sebastian Rudy hat seine Rolle noch nicht gefunden. Bei seinen bisherigen Einsätzen flog der Ball zumeist ohne seine Beteiligung hoch und weit über ihn hinweg wie Feuerwerkraketen zu Silvester. In Freiburg saßen Naldo und Rudy auf der Bank.

Das kann ein großes Problem werden. Die mannschaftliche Geschlossenheit, in der Saison zuvor Schalkes große Stärke, beginnt zu bröckeln. Franco di Santo war nach seiner Auswechslung gegen Bayern der Erste, der aufmuckte. Für das Spiel in Freiburg wurde er von Tedesco suspendiert.

Tedesco stellt sich vor die Mannschaft

In seiner jungen Karriere steht Tedesco nun vor seiner größten Herausforderung. Er muss taktische Mittel finden, um Schalke zurück auf die Erfolgsspur zu führen.

Und gleichzeitig die Harmonie in der Mannschaft bewässern wie ein zartes Pflänzchen. So sind auch Tedescos gebetsmühlenartige wie weichspülerhafte Aussagen einzuordnen. Er sehe das Team auf einen guten Weg. Er sei stolz auf seine Spieler. Die richtigen Stellschrauben seien gefunden worden, müssten aber noch einen Tick verfeinert werden.

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Tedescos öffentlich getätigte Einschätzungen wirken befremdlich, verfolgen aber ein klares Ziel: nur nicht den Zusammenhalt gefährden. Denn das könnte Tedesco zum Verhängnis werden. Er weiß, dass der Druck vor den nächsten Spielen gegen Mainz und in Düsseldorf noch größer geworden ist.

Noch hat er den vollen Rückhalt von Sportvorstand Christian Heidel. "Mehr kann der Verein mir nicht geben", sagte Tedesco nach der Niederlage in Freiburg.

Heidel hegt nach eigenem Bekunden, "überhaupt keine Zweifel, dass Tedesco die Situation souverän meistern wird." Aus seiner Enttäuschung macht er jedoch keinen Hehl. Wegen der gestiegenen eigenen Erwartungen sei die Enttäuschung aktuell "fast noch größer" als vor zwei Jahren.

Damals hatte Schalke unter Tedescos Vorgänger Markus Weinzierl ebenfalls fünf Auftaktpleiten hingelegt und am Ende Platz zehn belegt.

Naldo kontert Weinzierl

Auf Schalke ist Weinzierl inzwischen so etwas wie ein rotes Tuch - auch wegen dessen jüngster Kritik. Bei Sky hatte Weinzierl infrage gestellt, "ob es zukunftsträchtig ist, nur defensiv zu denken beziehungsweise das Spiel auf einen 36-Jährigen zuzuschneiden". Der zweite Teil seiner Aussage bezog sich auf Naldo, der daraufhin verbal wie ein wilder Stier reagierte und entgegnete: "Er muss die Klappe halten, schließlich muss er erst einmal einen Job finden."

Die Nerven sind angespannt auf Schalke. Und nur zeitnahe Erfolgserlebnisse werden sie beruhigen können.