Martin Schmidt trat im Februar 2018 als Trainer des VfL Wolfsburg zurück
Martin Schmidt trat im Februar 2018 als Trainer des VfL Wolfsburg zurück © Getty Images

München - Der frühere Wolfsburg-Coach Martin Schmidt gibt Einblicke, wie sehr der Job als Bundesliga-Trainer die Gesundheit belastet - gerade auch im Kopf.

von Martin Hoffmann

Sieben Monate nach seinem Rücktritt als Trainer des VfL Wolfsburg hat Martin Schmidt spannende Einblicke in seinen zermürbendes Geschäft gegeben.

"Cheftrainer ist nicht der gesündeste Beruf", sagt der 51 Jahre alte Schweizer in einem großen Interview mit der NZZ am Sonntag. Die vergangenen acht Jahre hätten ihn "mental wie körperlich geschlissen", er habe deshalb auch bewusst darauf verzichtet, im Sommer einen neuen Job zu übernehmen.

"Man darf nicht einfach sagen, was man denkt"

"In der Nacht denkst du an den Transfer, den du machen willst. Am Morgen stehst du auf, und die Tagesprobleme sind da", berichtet Schmidt: "Du musst das Trainerteam führen. Du hast eine Mannschaft und die Arbeit auf dem Platz, dazu kommen das Umfeld des Klubs und die Medien. Es ist einfach viel."

Der frühere Coach des FSV Mainz 05 zeigte sich nicht verwundert über medizinische Tests, nach denen Trainer höher belastet seien als ihre Schützlinge.

"Der Spieler hat nach der Partie zwei Tage frei - für den Trainer beginnt die Arbeit dann erst richtig", schildert Schmidt:

"Es sind die zwei wichtigsten Tage, das Spiel muss aufgearbeitet werden, man hat mit der Presse zu tun. Je mehr Niederlagen in Serie, desto schwieriger die Arbeit. Der Coach ist dafür zuständig, die Motivation hoch zu halten. Der Spieler kommt am Dienstag und fragt: 'So, was läuft?' Du musst schon wieder vor Überzeugung strotzen. Es ist ein Hochbelastungsjob."

Vor allem mental sei der Beruf zehrend: "Man muss jeden Tag kreativ sein, wissen, was man der Presse sagt. Man muss diplomatisch sein, darf nicht einfach sagen, was man denkt. Das braucht viel Enthusiasmus und Kopfarbeit."

Schmidt fürchtet keinen Burnout

Im Lauf der Zeit habe er deshalb auch seine Linie aufgegeben, keinen Berater anzuheuern. Heute habe er einen Juristen, einen Agenten und eine Medienstelle an seiner Seite.

"Die Medienlandschaft rund um den Fußball hat sich so entwickelt, dass das nicht mehr möglich ist", stellt er fest: Es sei heutzutage "fahrlässig, sich in einem derart komplexen Job nicht beraten zu lassen".

Martin Schmidt und Thomas Tuchel bei Mainz 05
Martin Schmidt (mit Thomas Tuchel) trainierte zwischen 2010 und 2015 den FSV Mainz 05 II, von 2015 bis 2017 die erste Mannschaft © Getty Images

Von einem Burnout, wie ihn Ralf Rangnick bei Schalke 04 erlitten hatte, sieht Schmidt sich dennoch nicht bedroht. Er habe "früh begriffen, dass man auf sich aufpassen muss".

Es habe Kollegen gegeben, "die die Anzeichen nicht erkannten und sich zu lange im Hamsterrad drehten. Ich hatte das Problem nicht, weil ich ein Trainer bin, der sehr stark über Leidenschaft und Motivation funktioniert. Ich merke es, wenn der Tank nicht voll ist."

"Wollte zurück in die normale Welt"

Schmidt, der vor seiner Trainer-Karriere Automechaniker war, ist auch überzeugt, dass ihn auch das Ende seiner Trainer-Karriere nicht aus der Bahn werfen wird.

"Ich habe zum Beispiel keine Kinder. Ich kann mir vorstellen, eines Tages nur Vater zu sein. Oder ich könnte Referate halten. Ich glaube, es wird mich eines Tages wieder ohne Fußball geben", sagt er: "Ich hatte drei Leben, ich will jetzt ein viertes Leben, ein fünftes."

Vorher möchte er gern noch einmal in Deutschland übernehmen ("Mein Fokus liegt auf der Bundesliga"), nach seinem Aus in Wolfsburg habe er aber bewusst einen Schnitt gemacht: "Ich wollte zurück in die normale Welt."

Wobei Schmidt auch durchaus festgestellt hat, dass in seiner Zeit als Bundesliga-Trainer vieles an ihm vorbei gezogen ist: "Es war schon krass: Ich habe Freunde getroffen, und wir fragten uns, wie lange wir uns nicht gesehen hatten. Sieben Jahre? Oder meine Nichte - ich habe ein Bild von ihr als kleines Mädchen im Kopf. Jetzt ist sie fast eine Frau."