München - SPORT1 erklärt, welche Maßnahmen von Neu-Trainer Niko Kovac beim FC Bayern bereits erkennbar sind - und was es noch zu verbessern gilt.

von Florian Plettenberg , Stefan Kumberger

Trainer Niko Kovac hat sich den Ruf des Schleifers, Taktik-Tüftlers und Kommunikators erarbeitet. Nach rund einem Monat Amtszeit beim FC Bayern München ist erkennbar, dass er diesem Ruf auch bei den Bayern gerecht zu werden scheint.

Zwei Siege gegen Paris Saint-Germain (3:1) und Manchester United (1:0). Zwei Pleiten gegen Juventus Turin (0:2) und Manchester City (2:3). Hinzu kommen dutzende Trainingseinheiten in München, in den USA und aktuell am Tegernsee.

SPORT1 war dabei und entschlüsselt Kovac' Handschrift.

Fitness

Bereits in Frankfurt legte Kovac großen Wert auf eine ausgeprägte Grundlagenausdauer seiner Spieler. Dafür ließ er, wie jetzt auch in München, häufig über zwei Stunden pro Einheit trainieren – teilweise zweimal täglich.

Bei den Bayern führt er das anstrengende Konditionstraining bislang fort, gibt seinen Stars, wenn nötig, aber auch individuelle Ruhepausen. "Die langen Einheiten waren zunächst ungewohnt. Es ist aber eine Philosophie, die Sinn ergibt", findet Neuzugang Leon Goretzka.

Kovac lässt in der Vorbereitung viel laufen, sprinten und radeln. Regelmäßig stehen auch Kraft- und Stabilisationsübungen auf dem Programm. Vor allem unter Carlo Ancelotti war hartes Schuften nicht gefragt.

Dass ihnen die sogenannte "zweite Luft" aber Vorteile verschafft, ließen die Bayern vor allem in der Schlussphase gegen Manchester City erkennen. Auch Manchester United schien nicht derart fit zu sein, wie es die Bayern bereits 19 Tage vorm Saisonstart sind. "Das Training ist umfangreicher", stellt auch Joshua Kimmich fest. "Es wird mehr Wert auf Grundlagenausdauer gelegt. Ich hoffe und denke, dass uns das zugutekommen wird."

Defensive Ordnung

Bis zum Sieg gegen Manchester United offenbarten die Bayern in der Defensive Schwächen. Kovac kritisierte einfache Fehler vor Gegentoren, sprach diese zum Ende der USA-Reise auch klar an. Der 46-Jährige wusste aber auch, dass seine Defensive bis dato auch mit Jugendspielern besetzt war, die wichtige Erfahrung erst sammeln müssen.

Seit zwei Wochen sind die Nationalspieler zurück, was man gegen United in der Viererkette auch deutlich merkte. Gegen den englischen Rekordmeister, der nicht in Bestbesetzung antrat, ließen die Bayern keine Chance zu. "Unsere defensive Absicherung war richtig gut", stellte Niklas Süle am Sonntagabend fest. "Wir haben hinten Überzahl geschaffen. Dass wir hinten in Unterzahl waren, war letztes Jahr in vielen Spielen das Problem. Wir haben viel daran gearbeitet."

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Effiziente Standards

Kovac stellte bereits zu Beginn seiner Amtszeit klar, dass ihm Standardsituationen sehr wichtig sind. Pep Guardiola etwa legte kaum Wert darauf. Kovac hingegen trainiert Standards regelmäßig, festigt somit die Abläufe im Offensiv- und Defensivverhalten. Jeder weiß, wo er zu stehen hat.

Der Lohn: Javi Martinez köpfte nach einer Robben-Ecke gegen Paris und nach einer Thiago-Ecke gegen United ein. Renato Sanches traf per Freistoß gegen den französischen Meister. "Standards sind im aktuellen Fußball sehr wichtig. Dementsprechend trainieren wir das auch. Wir haben ja auch sehr gute Kopfballspieler in unseren Reihen", betont Thomas Müller.

Gegenpressing

In den Testspielen ist erkennbar, dass die Bayern nach Ballverlusten enorm schnell nachsetzen, die Gegner teilweise doppeln. Diese Spielweise funktioniert zum einen mit absoluter Fitness, zum anderen mit dem absoluten Willen, auch Zweikämpfe führen zu wollen. Der deutschen Nationalmannschaft etwa fehlte bei der WM der Wille für schnelle Balleroberungen und das Team bekam so kaum Zugriff in den Zweikämpfen.

Um das Gegenpressing zu perfektionieren, lässt Kovac oft auf engstem Raum trainieren, provoziert somit viele Zweikämpfe und schnelle Entscheidungen. Besonders gut klappte diese taktische Marschrichtung gegen Manchester United.

"Unser Umschaltspiel nach Ballverlusten war exzellent", so Müller. Auch Manuel Neuer befand, dass das defensive Umschaltspiel beim Rekordmeister gestimmt habe. "So stehen wir hinten in Überzahl und lassen nichts anbrennen", so der Bayern-Kapitän.

Das muss noch besser werden

Wenngleich bei den Bayern schon vieles gut funktioniert, gibt es auch Verbesserungsbedarf.

Manchester United zwang die Bayern in der ersten Halbzeit vermehrt zum Spiel über das Zentrum. Dadurch wurden die Räume enger und die Innenverteidiger Mats Hummels und Niklas Süle mussten viel zum Spielaufbau beitragen. In diesen Phasen häuften sich Fehlpässe auch deshalb, weil Anspielstationen fehlten. Zudem passten im vorderen Drittel die Laufwege nicht immer.

Im Spiel über die Flügel fühlen sich die Bayern derzeit wohler. Eine Lösung, an der Kovac im Training regelmäßig feilt, sind lange Bälle hinter die Viererkette auf einen einlaufenden Flügelspieler. Arjen Robben traf so sehenswert gegen City. Gegen United wurde ihm ein ähnliches Tor aufgrund einer Abseitsstellung verwehrt. Diese Bälle muss Kovac weiter perfektionieren.

Chancenverwertung ist ein Manko

Auch in der Chancenverwertung müssen die Bayern zulegen. In allen Tests ließen die Münchner etliche Großchancen liegen. "Gemäß der Anzahl unserer Chancen hätten wir uns gewünscht, dass wir noch das ein oder andere Tor mehr erzielt hätten", sagte Müller nach dem Sieg gegen United.

Kimmich hingegen stellte fest, dass die Bayern gegen die Red Devils nicht immer mit Vollgas agierten. "In der zweiten Halbzeit hat uns ein bisschen das Tempo gefehlt", sagte er. Ein Umstand, der sicherlich auch den harten Einheiten geschuldet ist.

Für den Feinschliff hat Kovac noch bis zum 24. August Zeit. Dann starten die Bayern gegen Hoffenheim in die Bundesliga-Saison.