München - Vom Gastwirt stieg Dragoslav Stepanovic einst zum Frankfurter Beinahe-Meistertrainer auf. Nun wird er 70 - und träumt noch immer von einem letzten Coup.

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Beim Thema Videobeweis, das wird schnell klar, kann Dragoslav Stepanovic nicht neutral sein.

"Es ist schade, dass es ihn nicht schon früher gab", sagt der frühere Trainer von Eintracht Frankfurt SPORT1.

Hätte der VAR korrekt eingegriffen, damals, am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1991/92: Vieles wäre anders gekommen.

Es hätte Elfmeter gegeben, als Ralf Weber im Strafraum von Hansa Rostocks Stefan Böger weggegrätscht wurde. Und womöglich dann auch nicht diese vermaledeite 1:2-Niederlage.

"Wir wären Meister geworden", da ist Stepanovic sicher. Es hätte dann aber auch nicht dieses schöne denkwürdige Zitat gegeben. Das Zitat, das bis zum heutigen Tag, an dem Stepanovic 70 Jahre alt wird, mit ihm verbunden geblieben ist.

Legendärer Spruch: "Lebbe geht weiter"

"Lebbe geht weider", hielt der serbische Coach in seinem unnachahmlichen Serbo-Hessisch damals fest, am Tag, als sein Team dem VfB Stuttgart und Christoph Daum die Schale überlassen musste. Und es gab immer wieder Anlässe, den Satz zu wiederholen.

Stepanovic gewann ein Jahr danach mit Bayer Leverkusen dann doch noch einen Titel, den DFB-Pokal. Später wurde er zum Weltenbummler, hatte Stationen in Bilbao, Serbien, Ägypten, in China - wo während der Gespräche mit Klub Schenjang vier Schlägertypen (einer mit Machete) ins Zimmer stürmten und auf seinen Verhandlungspartner losgingen.

"Stepi" hat viel erlebt, langfristigen Erfolg allerdings nicht, auch nicht bei diversen unterklassigen deutschen Klubs, wo er noch anheuerte. Eine Kultfigur ist er trotzdem geblieben.

Wegen seiner unvergesslichen Erscheinung mit Schnauzbart, Trenchcoat und den (mittlerweile abgewöhnten) Zigarillos. Vor allem ist er aber eben auch wegen seiner positiven, fröhlichen Ausstrahlung populär geblieben, die er auch im Scheitern beibehielt.

Lebbe geht weider, jetzt erst recht.

Eintracht Frankfurt Cup Gala - DFB Cup Final 2018
Dragoslav Stepanovic war unter dem Gratulanten beim DFB-Pokalsieg von Eintracht Frankfurt © Getty Images

Stepanovic hat noch einen großen Traum

Stepanovic brennt noch immer für den Fußball, das ist zu spüren, wenn man sich mit ihm unterhält. "Ich habe immer noch das große Ziel, einmal Nationaltrainer zu werden", sagt er im Telefongespräch mit SPORT1: "In ein paar Tagen beginnt ja die Nations League, man weiß nie was kommt, das ist das Schöne an diesem Beruf."

Ein Rückzug ins Private? Kommt nicht in Frage. Stepanovic hat noch immer Spaß daran, in der Öffentlichkeit zu stehen, nutzt auch die neueren Möglichkeiten, sich mitzuteilen, er experimentierte mit YouTube, twittert gelegentlich, ist rege bei Facebook aktiv und kommentiert das aktuelle Fußball-Geschehen.

"Versuche ich Neymar zu verstehen aber ich kann nicht", postete er etwa während der WM. Besser war das Thema schwer auf den Punkt zu bringen.

"Solange es die Leute interessiert, was ich denke, melde ich mich dort", sagt Stepanovic über seine Social-Media-Aktivitäten: "Ich werde nicht alt, das ist ein Zeichen dafür."

Als Spieler zwischenzeitlich bei ManCity

Stepanovic meint damit natürlich: geistig nicht alt. Körperlich wird er das, das weiß er nur zu gut. "Ich habe zwei neue Knie bekommen, eines vor zehn Monaten, eines vor vier", berichtet er: "Aber ich melde mich trotzdem demnächst für ein Probetraining bei Eintracht Frankfurt."

Tatsächlich ist es eine Weile her, dass er bei Frankfurt gespielt hat, 1976 bis 1978, das ist heute außerhalb Frankfurts eher vergessen. Dabei war er damals ein Außenverteidiger auf internationalem Top-Niveau, bestritt 34 Länderspiele für Jugoslawien, war auch kurz für Manchester City in der Premier League aktiv.

Dragoslav Stepanovic (M.) als Spieler bei Eintracht Frankfurt 1978
Dragoslav Stepanovic (M.) als Spieler bei Eintracht Frankfurt 1978 © Imago

Besser in Erinnerung ist er für seine kurze, aber intensive Zeit als Bundesliga-Trainer, die 1991 völlig unverhofft begann.

Stepanovic hatte seinen Lebensmittelpunkt nach Hessen verlagert ("Ich bin bis heute glücklich über diese Entscheidung"), dort aber vorher nur Amateurklubs trainiert. Er arbeitete nebenbei als Kneipenwirt, als ihn sein ehemaliger Teamkollege Bernd Hölzenbein zur Überraschung aller von Eintracht Trier nach Frankfurt holte, als Nachfolger von Jörg Berger.

Dream Team mit Möller, Bein, Yeboah

Stepanovic bekam die Verantwortung über ein legendäres Kollektiv vor allem offensiver Könner: Andreas Möller, Uwe Bein, Jörn Andersen, Lothar Sippel, Tony Yeboah.

Aus dieser Ausnahmemannschaft - in der hinter den Kulissen menschlich nicht alles rund gelaufen sein soll - holte Stepanovic mit seiner angriffslustigen Spielphilosophie und seiner lockeren, warmherzigen Menschenführung für eine Weile das Beste heraus. Frankfurt ging 1991/92 als Tabellenführer ins Saisonfinale, wo dann eben das oben beschriebene sportliche Drama geschah.

Andreas Möller (l.) und Anthony Yeboah trauern der verpassten Meisterschaft 1992 hinterher
Andreas Möller (l.) und Anthony Yeboah trauern der verpassten Meisterschaft 1992 hinterher © Getty Images

Stepanovic ahnt, woran es bei den späteren Stationen womöglich gehakt hat: dass sein offensiver Stil zu einseitig war, zu anders besetzten Teams weniger gut gepasst hat. "Ich habe mir das schon öfters gedacht", blickt er zurück: "Aber jeder Trainer hat eben eine bestimmte Art und Weise, die er in sich trägt. Ich bin so geboren als Fußballer: Ich will nach vorn spielen lassen, Tore schießen. Darum geht es doch."

"Immer nur rumspielen, rumspielen"

Von der neuen Trainer-Generation in der Bundesliga würde er sich auch etwas mehr Mut zum Angriff wünschen, zu defensiv sind ihm die Konzepte vieler jüngerer Kollegen, auch zu sehr auf Passspiel und Ballbesitz ausgelegt.

"Es fehlen hier auch mittlerweile die Spieler, die einen Gegner auch mal ausdribbeln", findet er: "Immer nur rumspielen, rumspielen - irgendwann passiert dir der Fehler und es geht dann doch in dein Tor."

Stepanovic ist da mit seinen Ansichten über die Über-Verschulung der deutschen Spieler recht nah an Mehmet Scholl, hätte auch Interesse daran, seine eigenen Erfahrungen in der Nachwuchsförderung einzubringen. Ein Job im Jugendbereich, an der Nahtstelle zwischen Junioren- und Profifußball: Das würde Stepanovic - bis vor kurzem auch engagiert als hessischer Landestrainer für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung - noch reizen, wenn er denn gefragt würde.

Keine Feier, keine Geschenke

Weniger Interesse hat Stepanovic an ausgiebigen Feierlichkeiten zu seinem Geburtstag.

"Bitte keine große Feier, bitte keine Geschenke", sei da seine Haltung: "Einmal mit der Familie essen gehen, das reicht doch."

Erst im kommenden Jahr sieht Stepanovic einen passenden Anlass für ein großes Fest: "Meine Frau Jelena wird dann auch 70 und wir werden dann im April 50 Jahre zusammen sein. 190 Jahre, alles in allem, das wollen wir dann feiern."