Wolfgang Stark ist mit 345 geleiteten Partien der meist eingesetzte Schiedsrichter in der Bundesliga.

München - Der Videobeweis sorgt auch in der neuen Saison für Unmut. Der Zorn richtet sich unter anderem gegen Wolfgang Stark - bei SPORT1 wehrt er sich gegen die Vorwürfe.

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Die neue Saison ist erst einen Spieltag alt und schon ist die Diskussion um den Videobeweis wieder neu entfacht.

Vor allem bei den Spielen in Wolfsburg und München erhitzten sich die Gemüter. Als Video-Assistent (VA) in Köln war der frühere FIFA-Schiedsrichter Wolfgang Stark (345 Bundesligaspiele) beim Duell der Wölfe gegen den FC Schalke im Einsatz - und wurde heftig attackiert.

Im SPORT1-Interview spricht der 48-Jährige über die strittigen Szenen, seine Erfahrungen als Video-Assistent und den Vergleich zur WM.  

SPORT1: Herr Stark, lassen Sie uns zunächst über die beiden strittigen Situationen im Wolfsburg-Spiel, das Sie als VA in Köln begleiteten, sprechen. Schalkes Nastasic sah zuerst die Gelbe Karte, dann Rot. Wie haben Sie es gesehen?

Stark: Das Foulspiel wurde von mir als VA gecheckt. Auch vom Schiedsrichter kam der Hinweis, die Szene nochmal anzusehen. Die Vorgaben auf den Lehrgängen waren immer klar: Gestrecktes Bein, offene Sohle, Trefferbild oberhalb des Knöchels/Sprunggelenk -  hier war es oberer Bereich des Schienbeins - ist Rot. Anhand der TV-Bilder gab es von mir den Hinweis an den Schiedsrichter, sich die Szene nochmals anzusehen. Er bekam von mir eine sachliche Beschreibung des Vorganges: gestrecktes Bein, offene Sohle, Treffer Schienbein. Es wird keine Wertung durch den Video-Assistent vorgenommen, da die Entscheidung der Schiedsrichter treffen muss. Dies hat er dann nach Ansicht der TV-Bilder getan und seine Entscheidung geändert. 

SPORT1: Und wie war die Szene, als Wout Weghorst zuerst Rot sah und dann Gelb? 

Stark: Auch diese Szene wurde von mir als VA gecheckt. Auf den TV-Bildern war keine Tätlichkeit des Spielers, was eine rote Karte rechtfertigt, für mich zu erkennen. Deshalb kam auch hier der Hinweis an den Schiedsrichter, dies selber auf den TV-Bildern zu überprüfen. Selbstverständlich kann man hier diskutieren, ob ein Hinweis des VA erfolgen soll. In keinster Weise wurde in den beiden Szenen von mir als Video-Assistent der Schiedsrichter zu einer Korrektur gezwungen. Ich bin ich ein Teil des Schiri-Teams. Am Ende sollte immer die richtige Entscheidung stehen. Dies wirft natürlich bei solchen komplexen Abläufen immer Diskussionen auf. Ich wehre mich auch ganz entschieden über Aussagen, der Video-Assistent mache sich wichtig, sei auf Aktionismus aus oder spiele sich als Oberschiedsrichter auf. 

SPORT1: Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann sagte nach der Niederlage bei den Bayern, er habe nicht gewusst, wo die Video-Assistenten waren. Können Sie ihn verstehen?

Stark: Die Kritik ist verständlich, weil Herr Nagelsmann in einer Szene, die aus seiner Sicht nicht richtig war, betroffen war. Wenn ein Trainer oder eine Mannschaft betroffen ist, dann wird man natürlich nicht positiv darüber sprechen. Der andere Verein sagt 'alles gut, alles richtig.‘ Fakt ist: Ist diese Entscheidung klar falsch, muss der VA eingreifen und das ist die Haupt-Ursache. Da wird es immer streitbare Szenen geben. Der Video-Assistent war auf alle Fälle auf seinem Platz aber er musste nicht eingreifen.

SPORT1: Hoffenheims Sportchef Alexander Rosen meinte, dass der Videobeweis bei der WM eine wunderbare Sache war. Ganz im Gegensatz zum 1. Spieltag.

Stark: Ganz einfach: Die Bundesliga ist das Tagesgeschäft und steht noch viel mehr im Mittelpunkt als die WM. Auch bei der Weltmeisterschaft sind einige Szenen nicht optimal gelaufen von Seiten der Video-Assistenten. Wenn Spanien gegen Marokko spielt, dann interessiert uns das weniger als Bayern gegen Hoffenheim.

SPORT1: Wie fühlen Sie sich im "Keller"?

Stark: Es ist etwas ganz anderes, als wenn man auf dem Platz steht. Es ist eine neue Herausforderung und wir sind auch geschult worden. Ich versuche nach bestem Wissen und Gewissen den Schiri auf dem Platz zu unterstützen. Ich bin hier kein Ober-Schiedsrichter, ich bin Video-Assistent. Ob dann die Hinweise, die ich weiter transportiere, am Ende des Tages richtig oder falsch waren, das merken wir erst in der Aufarbeitung nach dem Spiel. Es werden schließlich alle Spiele und relevanten Szenen aufgearbeitet und analysiert. 

SPORT1: Wie oft sind Sie Video-Assistent?

Stark: Ich bin nicht an jedem Spieltag im Keller, es erfolgt wie bei den Spielen eine Einteilung und dementsprechend wartet man Woche für Woche auf seinen Einsatz.   

SPORT1: Warum lief es mit dem Videobeweis bei der Weltmeisterschaft besser als in der Bundesliga?

Wolfgang Stark: Das ist immer schon diskutiert worden. Ich denke, dass bei der WM das Ganze nicht so medial aufgebauscht worden ist wie in der Bundesliga. Bundesliga ist das Tagesgeschäft, die WM ist ein Turnier. Die Interessen beim Tagesgeschäft bei der Bundesliga sind deutlich höher gestellt als bei einem Turnier, das über vier Wochen läuft.

SPORT1: Bei der WM saßen häuftig international unerfahrene Schiedsrichter im Video-Raum, der Referee auf dem Platz hatte das Sagen. Der Vorwurf, der nun aufkam: In der Bundesliga überprüfen oft frühere Schiedsrichter-Granden, wie Sie, die Szenen in Köln - und übernehmen die Chefrolle. Was sagen Sie dazu?

Stark: Das stimmt nicht. Zunächst sitzen nur noch zwei ehemalige Schiedsrichter im "Keller", das sind Günter Perl und ich. Ansonsten sind das Bundesliga-Schiedsrichter, die als VA fungieren. Wir als VA überstimmen nicht den Schiedsrichter, wir geben ihm nur einen Hinweis in der Szene, was das TV-Bild hergibt. Der Schiri schaut sich eine Situation auf dem Schirm in der sogenannten Review-Area an und dann entscheidet er. Der VA sagt nicht, dass die Entscheidung falsch ist, sondern beschreibt die Situation so, wie sie auf dem TV-Bildschirm zustande kommt. Dann schaut sich der Schiedsrichter das Ganze an und entscheidet. Das kommt in der Liga total falsch rüber.

SPORT1: Bei der WM griff der Video-Assistent hauptsächlich bei gravierenden Fehlentscheidungen ein. In der Liga-Alltag herrscht keine Klarheit darüber, wann der Videobeweis eingreift. Was entgegnen Sie dem?

Stark: Da muss ich widersprechen. Die VA greifen auch nur bei ganz bestimmten Vorgängen ein. Der VA muss sich im Hintergrund bewusst sein, ob die Entscheidung des Schiedsrichters klar falsch war. Wie definiert man 'klar falsch'? Der Video-Assistent muss der Überzeugung sein, dass der Schiedsrichter zu einer anderen Entscheidung kommt, wenn er sich die Szene nochmal anschaut. Es sitzen Menschen dort, die diese Entscheidung treffen müssen und da wird es immer Diskussionen geben. Von zehn Video-Assistenten sind fünf oder sechs davon überzeugt, dass eingegriffen werden muss, drei oder vier nicht. Das wird man nicht immer ganz verhindern können. Es ist immer ganz klar geregelt, wann ein Hinweis des Video-Assistenten kommen darf und kommen soll. Hier müssen wir immer weiter daran arbeiten, um auf eine einheitliche Linie zu kommen. 

SPORT1: Bei der WM gab es außerdem eine größere Transparenz im Stadion, indem Hinweise auf Entscheidungen auf der Leinwand gezeigt wurden. In der Bundesliga ist das nicht der Fall. Warum?

Stark: Da sind der DFB, die Vereine und die Liga dran. Es soll demnächst im Stadion erscheinen, was überprüft wird und welche Entscheidung der Schiedsrichter trifft. Dies ist momentan von der Technik noch nicht 1 zu 1 umsetzbar. Das liegt aber nicht an den VA, sondern an den technischen Begebenheiten im Stadion anhand der Video-Leinwände.

SPORT1: Gibt es nach dem ernüchternden Saisonauftakt in der Bundesliga also Hoffnung auf Besserung?

Stark: Wir müssen weiterhin daran arbeiten. Wichtig ist, dass alles noch transparenter gestaltet werden kann, sprich dass die Zuschauer im Stadion mitgenommen werden, die Technik funktioniert und die Fans wissen, was und aus welchem Grund eine Szene überprüft wird. Ganz wichtig dabei ist, dass man die Öffentlichkeit mit den Medien und Journalisten noch viel mehr informiert, was dahinter steckt und was gemacht wird.