München - Arturo Vidal ist schon weg, Jerome Boateng könnte folgen, Bayern würde zwei Anführer verlieren. Ottmar Hitzfeld schätzt bei SPORT1 die Situation ein.

von Florian Plettenberg , Carsten Arndt

Es war der 9. April 2016. Pep Guardiola hatte genug gesehen. Der Trainer des FC Bayern nahm Arturo Vidal vom Feld. Nahe am Platzverweis. Nach 27 (!) Minuten.

Der Chilene hatte seinem Ruf als Rüpel wieder alle Ehre gemacht - dabei ist Vidal weit mehr als ein stumpfer Treter.

"Einer der Typen, die du in deinem Team haben willst, aber nicht als Gegner. Du bist eine wahre Persönlichkeit, ein Anführer, ein Krieger. Ich werde dich vermissen, Arturo", beschrieb Jerome Boateng treffend die Merkmale des Mittelfeldspielers.

Bayern-Teamkollegen kämpfen um Boateng

Jener Boateng, der die Münchner in diesem Sommer ebenfalls verlassen konnte. Zwar sagte der Weltmeister Manchester United ab, nach einem Bericht der Bild sollte am Donnerstag aber ein Treffen zwischen Boatengs Manger Christian Nerlinger und PSG-Sportdirektor Antero Henrique stattfinden. Der DFB-Innenverteidiger ist alles andere als abgeneigt, künftig in Paris unter Trainer Thomas Tuchel zu spielen - auch wenn das seine Teamkollegen nicht wahrhaben wollen.

"Es ist wichtig, dass wir außer Arturo niemanden mehr verkaufen. Das Team muss zusammenbleiben, dann können wir erfolgreich sein. Wir wollen einen Titel mehr als letzte Saison. Jerome gehört für mich zu den besten Innenverteidigern der Welt. Er ist einfach sehr, sehr wichtig für die Mannschaft", sagte Arjen Robben am Donnerstag im Trainingslager in Rottach-Egern.

Jerome Boateng
Jerome Boateng absolvierte am Donnerstag das volle Mannschaftstraning © Getty Images

Ganz ähnlich charakterisiert Franck Ribery den abgewanderten Vidal: "Arturo war ein richtig großer Spieler und auch eine gute Person. Er war immer positiv und hat auch auf dem Platz viel Spaß gebracht."

Weltklasse gepaart mit Führungsqualitäten also. Man sollte meinen, kein Team würde freiwillig darauf verzichten. Auch Trainer Niko Kovac würde gerne weiter mit Boateng arbeiten. Verkauft Bayern etwa die falschen Spieler?

Das denkt Hitzfeld über Boateng und Vidal

"Eine spannende Frage, die man aber noch nicht final beantworten kann. Niko Kovac wird aber ein klares Konzept haben", sagt Trainer-Legende Ottmar Hitzfeld im Gespräch mit SPORT1.

"Bayern ist ein Verein mit klaren Richtlinien und Vorstellungen. Wenn sie einen Spieler unbedingt halten wollen, dann behalten sie ihn auch. Dafür haben sie die Mittel."

Heißt im Umkehrschluss: Wenn ein Spieler gehen soll, geht er - Status hin oder her.

Fakt ist aber, dass die Bayern mit Vidal und Boateng (sofern er tatsächlich wechselt) gleich zwei Spieler Marke "Anführer" abgeben würden.

Bayern: Risiko in der Innenverteidigung

Boateng hat diese Rolle in der Viererkette der Bayern inne. Zusammen mit Mats Hummels ist er der Chef in der Innenverteidigung und Wortführer im Team.

Dazu können Boatengs Diagonalbälle in die Offensive entscheidende Momente kreieren.

Im Falle eines Abgangs des Nationalspielers müsste Hummels eine noch dominantere Rolle einnehmen. Niklas Süle hat in seiner ersten Saison überzeugt, ist aber ein weit ruhigerer Vertreter als Boateng.

Sollte einer der beiden ausfallen, stünden in David Alaba und Javi Martinez zwar Alternativen zur Verfügung. Deren Qualitäten werden jedoch auf anderen Positionen benötigt. Bleibt noch der 18 Jahre alte Nachwuchsspieler Lars Lukas Mai, der bislang lediglich zwei Bundesliga-Einsätze zu verzeichnen hat.

Vidal als Typ einzigartig

Auch Vidal hinterlässt eine Lücke. Der Chilene scheut keinen Zweikampf, geht dahin, wo es wehtut und verrichtet die Schatten-Arbeit für die offensiven Feingeister.

Im Mittelfeld des Rekordmeisters sucht man vergebens nach einem ähnlichen Spieler-Typen. Javi Martinez ist auf der Sechs zwar ein zweikampfstarker Abräumer, aber niemand, der das Spiel an sich reißt.

Hitzfeld sieht darin allerdings kein Problem und gibt zu bedenken, dass sich das Anforderungsprofil geändert hat. "Man sucht immer mehr nach spielerischen Lösungen. Der technische Aspekt steht heute im Vordergrund, früher war es auch die Härte", sagt der 69-Jährige.

Auch deshalb glaubt der Ex-Bayern-Trainer daran, dass es die junge Garde des Rekordmeisters richten kann.

Bayern arbeitet am Umbruch

Seit Hasan Salihamidzic das Amt des Sportdirektors übernommen hat, treibt er den Umbruch im Kader voran. Teure Stars sind nicht die erste Prämisse, vielmehr sollen Talente gefördert werden.

Zahlreiche Jugendspieler bekamen in den letzten Wochen Profiverträge. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren sollen sie auch Chancen bekommen. Dazu kommen junge Hoffnungsträger wie Leon Goretzka, Corentin Tolisso oder Renato Sanches.

Nach Vidals Abgang haben sie nun einen Spieler weniger vor der Nase. Der "Krieger" ist 31 Jahre alt, sein Körper von vielen Profijahren geschunden.

Auch Boateng war immer wieder verletzt. Mit einem Gehalt von rund 14 Millionen Euro zählt er zudem zu den Topverdienern und könnte bis zu 60 Millionen Euro in die Kasse spülen.

Bayerns Risiko könnte sich auszahlen

Mit den möglichen Verkäufen der beiden Anführer gehen die Bayern kurzfristig ein - vor allem in der Abwehr - großes Risiko ein.

Allerdings bietet sich der Zukunft der Bayern, sprich Süle, Goretzka oder auch Joshua Kimmich frühzeitig die Chance, in Führungsrollen auf und außerhalb des Platzes hineinzuwachsen. Die neuen Anführer stehen in den Startlöchern.