Die Bayern investieren immer mehr in die Jugend, suchen nach Schnäppchen und verzichten bewusst auf vermeintliche Stars. Ist das die neue Transferpolitik? Eine Analyse.

von Florian Plettenberg

Noch hält sich der FC Bayern auf dem Transfermarkt vornehm zurück. Vermeintliche Kracher-Transfers wie die eines Kylian Mbappe (135 Millionen Ablöse), Cristiano Ronaldo (117) oder Thomas Lemar (70) konnte der Rekordmeister bislang nicht vermelden. Glaubt man den Bayern-Bossen, wollen sie das aber auch gar nicht.

Man plane keine großen Zugänge, erklärte Präsident Uli Hoeneß in Philadelphia - eher werde man einige Spieler für teures Geld verkaufen. Auch Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge betonte: "Ob wir noch Zugänge haben, kann ich heute nicht seriös sagen."

Mit anderen Worten: Die Bayern wollen verkaufen, aber nicht einkaufen.

Wen aber wird es nach Douglas Costa (für 40 Millionen Euro zu Juventus) noch treffen? Jerome Boateng darf bei einem Angebot von rund 60 Millionen Euro gehen. Derzeit befinden sich seine beiden Berater in Gesprächen mit Paris Saint-Germain.

Juan Bernat soll wechseln, aber noch gibt es keine konkreten Angebote für ihn. Ebenso wenig für Arturo Vidal, der gehen darf, wenn er gehen will. Zu Thiago sagte Rummenigge zuletzt: "Wir haben noch nie den Gedanken geäußert, dass er den Klub verlassen soll."

Bayern-Bosse wollen Kovac helfen

Trainer Niko Kovac wird indes nicht müde zu betonen, dass er gerne mit jedem seiner aktuellen Spieler weiterarbeiten möchte. Diesen Wunsch werden ihm die Bosse aber nicht erfüllen können. Im Gegenteil: Sie wollen den Kader verschlanken, um Kovac zu helfen.

"Der Kader ist zu groß. Wir werden bis Weihnachten ein bis drei Spieler abgeben müssen, weil wir sonst Unruhe haben", erklärte Hoeneß. Rummenigge teilt diese Meinung: "Wir möchten dem Trainer kein Problem kreieren."

Zwar ist das Transferfenster in der Bundesliga noch bis 31. August geöffnet - doch je länger es dauert Spieler abzugeben, desto wahrscheinlicher wird es, dass die Bayern sich tatsächlich nicht mehr verstärken.

Stattdessen setzen sie darauf, dass sich der abwanderungswillige Robert Lewandowski voll in den Dienst der Mannschaft stellt, James sein Heimweh nach Madrid vergisst und die deutschen Nationalspieler ihren WM-Frust komplett abschütteln.

Ebenso muss darauf gehofft werden, dass die hochtalentierten Neuzugänge um Leon Goretzka (ablösefrei aus Schalke) und die Leih-Rückkehrer Serge Gnabry und Renato Sanches zünden.

19-Millionen-Bubi Alphonso Davies, der aus Vancouver kommt, gilt als Investition in die Zukunft. Er wird das Profi-Team ab 1. Januar 2019 verstärken. "Er ist ein großes Talent mit großem Potenzial, der super Stärken hat: Speed, Power und Technik. Deswegen versprechen wir uns viel von ihm", sagt Sportdirektor Hasan Salihamidzic.  

Mit Stuttgarts Benjamin Pavard soll man sich über einen Wechsel ab 2019 (für 35 Millionen Euro) bereits einig sein. Noch so ein Schnäppchen - und das für einen Weltmeister. Käme er bereits diesen Sommer, falls Boateng geht, wäre er deutlich teurer.

Ulreich schätzt die Transferpolitik

Innerhalb des Teams scheint die Personalpolitik der Bayern-Verantwortlichen respektiert zu werden. "Ich finde den Weg, den der FC Bayern in dieser Transferperiode bislang geht, sehr gut. Dass man eben eher auf die jungen Leute setzt und auch mit Davies früh ein Toptalent in jungen Jahren verpflichtet. Das ist der Weg, wenn man den Summen aus dem Weg gehen will", sagt Sven Ulreich auf SPORT1-Nachfrage.

Zwar betont auch der Bayern-Keeper, dass man bereits jetzt über einen "sehr guten Kader" verfüge. Jedoch macht Ulreich auch klar: "Wenn Not am Mann ist, muss man auch gestandene Profis holen." Diese Not scheint derzeit nicht gegeben zu sein.

Stattdessen, so wirkt es, setzen die Bayern auch darauf, dass es nach Jahren der Dürre endlich mal wieder ein Eigengewächs in den Profi-Kader schafft - nicht als Mitläufer, sondern als Stammspieler. Der letzte Spieler, dem das gelang, war David Alaba vor acht Jahren.

Auf ihrer USA-Reise füllen derzeit zwölf Talente aus der Reserve und der U19 den Kader auf - und sie schlagen sich bislang wacker. Ob sie jedoch den Durchbruch schaffen, steht in den Sternen.

Fakt ist auch: Vermeintliche Super-Schnäppchen wie James, den die Bayern nächste Saison für 42 Millionen Euro fest verpflichten können und auch "mit ziemlich großer Sicherheit" kaufen werden (Rummenigge), sind selten.

Auch deshalb, weil der Markt mit Geld überschwemmt wird, da immer mehr Top-Vereine von milliardenschweren Investoren regiert werden - dank 50+1 aber (noch) nicht in der Bundesliga. Die Folge: Die Vereine haben weniger Geld zum Ausgeben und weniger Qualität im Kader.

Längst ist die Bundesliga in ihrer Attraktivität hinter die Premier League und La Liga (Spanien) abgerutscht. Nach dem Wechsel von Cristiano Ronaldo droht nun auch die Serie A, der Bundesliga den Rang abzulaufen.

Das sagt Kovac zur Transferpolitik

Auch Liga-Primus Bayern muss feststellen, dass sich die Kräfteverhältnisse auf den Transfermärkten verschieben. Auch deshalb intensivieren die Bayern ihre Scouting-Aktivitäten und schauen sich vermehrt nach Top-Talenten um. Noch vor Davies holten die Bayern im Sommer den 18-jährigen Chris Richards aus den USA. Im Januar kam Woo-yeong Jeong, ebenfalls 18 Jahre alt, aus Südkorea.

Dass sich die Bayern fortan nur noch aus dem Regal der vermeintlichen Wunderkinder bedienen, schließt Kovac auf SPORT1-Nachfrage aus: "Es wird dahingehend keinen Kurswechsel geben, dass wir 20 Teenager in der Mannschaft haben."

Der Kroate weiter: "Es muss es einen guten Mix geben und unser Mix ist da und der wird auch in Zukunft gegeben sein. Wir müssen aber auch gucken, wo Bedarf ist und was es überhaupt auf dem Markt gibt, denn die Topspieler kosten sehr viel Geld."

Oder wie es Hoeneß zusammenfasst: "Es werden dort Spieler geholt, wo es gute und junge Spieler gibt, die noch bezahlbar sind."

Fortan sollen es aber die richten, die da sind. SPORT1 fragte bei Hoeneß nach, ob die aktuelle Kaderstärke für die ambitionierten Ziele der Bayern ausreicht. Seine entschlossene Antwort: "Mehr als das."