München - Durch Cristiano Ronaldo erhält die Serie A einen Schub - und die Bundesliga einen gefährlichen Konkurrenten. Droht dem deutschen Fußball die Bedeutungslosigkeit?

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Am Dienstag, ungefähr zur selben Zeit als die Tifosi in Italien ein Freudenchaos veranstalteten, saß Hans-Joachim Watzke bei Markus Lanz und dozierte über die Ausmaße dieses spektakulären Transfers von Cristiano Ronaldo zu Juventus.

So weit ist es also inzwischen gekommen: Die Topstars dieser Fußballwelt wechseln munter von Spanien nach Italien, auch mal nach Frankreich oder England - und die Bosse der Bundesligaklubs sitzen in TV-Studios und staunen Bauklötze ob der finanziellen Dimensionen solcher Deals. 

Die 112 Millionen Euro Ablöse für Ronaldo, behauptete Watzke, "hätte der BVB vielleicht auch noch zusammengekriegt". Spätestens bei den 30 Millionen Euro Jahressalär, die der Spieler künftig kassiert, wäre Dortmund aber raus gewesen aus der Verlosung.

"Völlig ausgeschlossen", sagte Watzke. Es war die wirtschaftliche Kapitulation der Bundesliga vor der internationalen Konkurrenz.

Der BVB-Geschäftsführer steht ja nicht alleine da mit seiner Einschätzung. Die Entscheider und Kontrolleure beim FC Bayern sind in der Vergangenheit bei Transfers ähnlich konservativ verfahren.

Überall Topstars - nur in der Bundesliga nicht

Jede andere ausländische Topliga, das ist die erste ernüchternde Erkenntnis des Ronaldo-Deals, ist eine Attraktion für Topstars. 

Kane und De Bruyne in England.

Messi und Griezmann in Spanien.

Neymar und Mbappe in Frankreich.

Und jetzt eben Ronaldo in Italien.

Nur die Bundesliga bekommt keine Spieler von diesem Gardemaß. 

Der Transfer-Trend der jüngeren Vergangenheit könnte Deutschland schon sehr bald ein ganz gewaltiges Marketing-Problem bescheren. Indikatoren in diese Richtung sind unübersehbar.

Ronaldo bei Juventus macht Serie A attraktiv

Von den Umsätzen aller Bundesliga-Klubs entfielen in der Saison 2016/17 nur 34 Prozent auf die TV-Vermarktung. Das ist der geringste Wert aller führenden europäischen Ligen. Und ein Zeugnis nachlassender Attraktivität.

Die Massen in Asien und Südamerika schauen vor dem Bildschirm lieber den Topstars in den großen Ligen zu. In England, in Spanien. Und wenn Ronaldo erst einmal das Juve-Trikot überstreift, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch in Italien die Einschaltquoten nach oben schnellen.

"Juventus profitiert von der globalen Aufmerksamkeit Ronaldos. Man muss sich nur mal die Follower-Zahl seiner Accounts anschauen", sagt Ex-Nationalspieler Thomas Berthold, selbst einst in Italien aktiv, bei SPORT1.

Für Deutschland ist das eine ernsthafte Gefahr. Wirtschaftlich und vermarktungstechnisch.

In Sachen Transfers sind die deutschen Klubs in den vergangenen Jahren zwar mehr ins Risiko gegangen. In vier von fünf Transferperioden haben sie mehr Geld für neue Spieler ausgegeben als sie durch Verkäufe eingenommen haben.

Nur wirklich prominente Neuzugänge sind eben nicht dabei gewesen. Schon gar keine Weltstars.

Berthold kritisiert: "Die Bundesliga hat längst den Anschluss verloren. Es bleibt der FC Bayern, der Rest ist international nicht wettbewerbsfähig."

Verspielt die Bundesliga ihren größten Trumpf?

Dabei war die Attraktivität für Zuschauer ja bislang immer das große Plus der Bundesliga. Auch gegenüber der Serie A. Noch in der Saison 2016/17 konnte sie laut einer Deloitte-Studie bei allen relevanten Faktoren in dieser Hinsicht die besten Werte vorweisen:

Beim Zuschauerschnitt: 44.657 Besucher pro Partie - Serie A: 24.784. 

Bei den erzielten Toren: durchschnittlich 1,4 pro Partie - Serie A: 1,34.

Beim Durchschnittsalter der Spieler: 25,7 Jahre - Serie A: 26,8. 

Ein Popularitäts-Schlachtschiff wie Ronaldo könnte diese Verhältnisse schnell ins Gegenteil verkehren. Zumal die deutschen Klubs drauf und dran sind, ihren größten Trumpf sportlich zu verspielen.

2017/18 hat die Bundesliga im internationalen Vergleich die schlechtesten Leistungskoeffizienten seit zehn Jahren eingefahren. In der UEFA-Rangliste für Klubwettbewerbe ist Deutschland auf Platz vier abgerutscht - hinter Italien.

Es ist sicherlich auch dem Leistungseinbruch und dem fehlenden Wettbewerb der Bundesliga geschuldet, dass ein Spieler wie Ronaldo lieber in Turin als in München unterschreibt.

"Bundesliga nicht erneuerungsfähig"

Die Meisterschaft geht seit Jahren an den FC Bayern. Ernsthafter Wettkampf um die Spitze findet nicht statt. Welcher Spieler von Rang und Namen will schon gerne in einer Liga spielen, in der der Titelträger von vornherein feststeht?

Vor diesem Hintergrund konstatieren Analysten der HHL Leipzig Gradusate School of Management in einer Studie zur Planbarkeit im Profifußball: "Die Ligen aus Spanien, England und selbst Italien enteilen der Bundesliga zusehends."

Für Henning Zülch, Professor für Wirtschaftsprüfung & Controlling und Leiter der Studie, ist die Bundesliga "nicht erneuerungsfähig". Es zeige sich, dass sie sich "in Zukunftsfragen nicht weiterentwickelt", sagte er SPORT1.

Für Zülch lebt die Bundesliga derzeit nur noch "von ihrem guten Ruf".

Manchmal kann das ein gefährlicher Vorbote von Bedeutungslosigkeit sein.