München und Hamburg - Der Hamburger SV reagiert auf das Führungsloch. Christian Titz und Thomas von Heesen übernehmen vorerst die Verantwortung. Der erste Lichtblick seit langem.

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Im sportlichen Existenzkampf Bundesliga ist Handlungsfähigkeit eine entscheidende Kompetenz. Den Verantwortlichen des Hamburger SV hat man auf diesem Feld lange erhebliche Schwächen nachgesagt. 

Das Großreinemachen in der vergangenen Woche, das Manager Jens Todt und Vorstandschef Heribert Bruchhagen den Job kostete, war mitnichten ein Zeichen von Führungsstärke. Die Öffentlichkeit bekam eher das Gefühl, beim Traditionsklub regiere jetzt endgültig das Chaos. 

Am Montag wurde auch noch die Personalie Bernd Hollerbach bereinigt. Er war der letzte Übriggebliebene aus der Verlierer-Troika. Der Trainer muss nach nur sieben Spielen wieder gehen. Kein einziges davon hat er gewonnen.

Ausgerechnet Hollerbachs Entlassung könnte für den HSV aber ein erster Wendepunkt sein, nach Wochen und Monaten des sportlichen Niedergangs.

Finanzvorstand Frank Wettstein und Direktor Sport Bernhard Peters verkündeten am Nachmittag vor der Presse einen Coup, mit dem der HSV zum ersten Mal seit langem das Signal sendet: In diesem Klub steckt noch Leben. Und strategische Kraft für die Zukunft. Der neue Vereinspräsident Bernd Hoffmann war dem Vernehmen nach direkt an der personellen Neuausrichtung beteiligt. 

Titz und von Heesen - Aufbruch in die Zukunft

Wettstein und Peters ernannten U21-Coach Christian Titz für die restlichen acht Saisonspiele zum Interimstrainer der Profis. Gleichzeitig gaben Sie die Verpflichtung von Thomas von Heesen als sportlicher Berater des Vorstandes bekannt.

Titz ist eines der wenigen Gesichter beim HSV, das mit Erfolg verbunden ist. Mit der Reserve führt er die Tabelle der Regionalliga Nord an. Schon seit Jahren leistet er hervorragende Arbeit im Nachwuchs. 

"Mich beeindruckt, mit welchem Ehrgeiz, mit welcher Akribie und welcher Leidenschaft er mit seinen Mannschaften arbeitet", sagte Peters über den 46-Jährigen.

In seiner neuen Rolle hat Titz alle Freiheiten. Wendet er den Abstieg noch ab, hat er für kommende Saison ziemlich sicher einen Job in der Bundesliga. Vielleicht sogar, wenn er absteigt und seine Sache dennoch gut macht.

Von Heesen als "Sparringspartner"

Und für den Fall, dass es nichts wird mit dem Klassenerhalt, dann ist Titz zumindest nicht der Schuldige. Angesichts der prekären Tabellensituation ist der Ligaverbleib ohnehin nicht mehr die einzige Sorge der HSV-Bosse. Der Verein plant längst zweigleisig. 

Nur: Für das Szenario Zweite Liga hat nach Todts Entlassung jemand gefehlt, der dem Kader eine neue Struktur geben kann. Sodass der Klub in der neuen Saison gleich in der Lage ist, den Wiederaufstieg anzustreben. Vor diesem Hintergrund erscheint die Personalie von Heesen sogar noch bedeutsamer. 

Der Ex-HSV-Profi soll "die operative Sportkompetenz gewährleisten" und "dem Trainerteam als Sparringspartner dienen", wie es Wettstein formulierte. Das hört sich erst mal etwas befremdlich an, könnte für die nähere Zukunft des Vereins aber von entscheidendem Vorteil sein.

Von Heesen, früher selbst Bundesliga-Trainer bei Arminia Bielefeld und dem 1. FC Nürnberg, verfügt über gute Kontakte zu Spielerberatern, was nicht ganz unerheblich sein dürfte, für die künftige Bestückung des Kaders - unabhängig von der Ligazugehörigkeit. 

"Bernhard Peters und ich haben seit Jahren Kontakt zu ihm und wir vertrauen seiner großen Expertise", sagte Wettstein über von Heesen. "Er wird dicht dran sein am Trainerteam und an der Mannschaft, um mit seiner Erfahrung und seiner Kompetenz zu helfen."

Zumindest solange bis ein neuer Sportvorstand gefunden ist. Nicht ausgeschlossen, dass sich der 56-Jährige bei vorzeigbarer Arbeit selbst für diesen Posten empfiehlt. 

HSV beendet Führungschaos - zumindest vorerst

Viel wichtiger aber für den Klub: Der HSV ist mit diesen Personalentscheidungen in zentralen Bereichen nicht mehr führungslos.

Noch bis Samstag machte der neue Präsident Bernd Hoffmann Urlaub in Dubai statt den HSV zum Gastspiel nach München zu begleiten. Für die Klatsche öffentlich erklären musste sich Teammanager Bernd Wehmeyer.  

Finanzchef Wettstein selbst hat dieser Tage genug mit dem Lizenzierungsverfahren zu tun. Bis zum 15. März muss der HSV seine Liquidität nachweisen - sowohl für eine weitere Erstliga-Saison als auch für die Zweite Liga. Das wird nur mit viel Aufwand zu schaffen sein. Da bleibt wenig Zeit für sportliche Belange.

Genau dieses Vakuum soll jetzt von Heesen füllen. Der 56-Jährige genießt genau wie Titz hohes Ansehen im Umfeld des Klubs. Und gerade in dieser Beziehung hat der HSV ja so einige Probleme.

Die Mannschaft war am Samstag nach der Pleite in München gerade auf dem Weg zum Flughafen, da tauchten im Internet Fotos vom HSV-Trainingsgelände auf. Fangruppen hatten dort Drohplakate angebracht mit der Aufschrift: "Eure Zeit ist abgelaufen, wir kriegen euch alle."

Verziert wurden die Banner mit Grabkreuzen. Es ist eine gefährliche Stimmung, die sich da gerade in Hamburg breit macht.

Schulterschluss mit den Fans?

Für SPORT1-Experte Reinhold Beckmann ist das nur ein "Vorgeschmack auf das, was noch kommen kann", wenn der Abstieg des HSV feststeht. "Ich habe die Befürchtung, dass noch weitere Aktionen dieser Art folgen werden", schreibt er in seiner Kolumne.

Für den Fall, dass der HSV am Samstag gegen Hertha (ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) die nächste Pleite kassiert, sind Ausschreitungen zu befürchten. 

Womöglich sind von Heesen und Titz genau die Richtigen, um die gereizten Fans zu besänftigen. Kompetenz und Vertrauen wirken negativen Emotionen wohl am ehesten entgegen. 

Das öffentliche Erscheinungsbild des HSV in den kommenden Wochen wird in entscheidendem Maße davon abhängen, inwieweit es den Verantwortlichen gelingt, dem Umfeld ein Gefühl von Aufbruch zu vermitteln.

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