München - Bei den HSV-Bossen reift die Erkenntnis, dass der Klassenerhalt außer Reichweite ist. Nur Trainer Hollerbach blendet die Tabellensituation aus. Vorstandsboss Bruchhagen deutet seinen Rückzug an.

von , Nico Pommerenke

Sportlicher Niedergang hat ja immer auch etwas mit Verblendung zu tun.

Das Verkennen von Fehlern, das Nichteingestehen einer Krise, die Unfähigkeit selbige abzuwenden: Im Fußball führen derlei existenzgefährdende Symptome häufig zu Abstiegen. 

Wie sehr der Hamburger SV davon befallen ist, demonstrierte Bernd Hollerbach Sonntag auf eindrucksvolle Weise. 

Keine 18 Stunden zuvor war sein Team nach einem 0:0 gegen am Ende nur noch zehn Mainzer vom Platz geschlichen. Das Resultat hatte so ziemlich jedem in Hamburg die Resthoffnung auf den Klassenerhalt geraubt

Bei noch neun ausstehenden Spielen hat der HSV sieben Zähler Rückstand auf einen Nicht-Abstiegsplatz. Vielleicht war es die kollektive Depression im Umfeld, die Hollerbach veranlasste, die Realität auszublenden, als er vor die Presse trat.

"Was ich spielerisch gesehen habe, war richtig gut", sagte er. "Das war ein Klasse-Auftritt. Ich bin nach dem Spiel zuversichtlich, dass wir es noch schaffen werden."

Die sportliche Analyse nach einer Nullnummer im Alles-oder-Nichts-Spiel.

Ist der HSV noch zu retten? Wohl kaum

Mit seiner Einschätzung der Situation steht Hollerbach ziemlich alleine da. Der frühere Vorstandsvorsitzender Carl-Edgar Jarchow glaubt nicht mehr an die Rettung des HSV.

"Ich sehe kaum noch eine Chance. Es war deprimierend gegen eine Mannschaft wie Mainz in Überzahl nicht zu gewinnen", sagte er im CHECK24 Doppelpass. Jarchow sieht bei Spielern und Verantwortlichen weder einen Plan noch die Überzeugung, den Klassenerhalt noch zu schaffen. 

Auch SPORT1-Experte Marcel Reif hat Hamburg aufgegeben. "Mir fallen keine Argumente ein, die gegen einen Abstieg sprechen würden", schreibt er in seiner Kolumne. "Der HSV ist nicht bundesligatauglich. Das ist keine Mannschaft, die zu den 18 Eliteklubs gehört."

Eine Ansicht, die sich langsam auch bei den Klubbossen durchsetzt. 

Keine zwei Meter neben Hollerbach stand am Sonntag Heribert Bruchhagen und lauschte den Worten seines Trainers. Der Vorstandschef zählt zu den klügsten Köpfen im Geschäft. Mit all seiner Erfahrung weiß er tabellarische Konstellationen seriöser zu deuten. 

"Die Enttäuschung liegt wie ein bleierner Nebel über dem Verein", sinnierte Bruchhagen. "Ich kann nur appellieren, nicht zu stark in die selbstzerstörerische Resignation zu gehen." 

Wie hart trifft Hamburg ein Abstieg?

Das hörte sich verdächtig nach jemandem an, der sich bereits mit dem Abstieg abgefunden hat. Ein Absturz in Liga zwei wäre "bitter", bekannte Bruchhagen. "Aber es ist meine Aufgabe darauf einzuwirken, dass es nicht chaotisch wird." 

In ihren Realitäten waren Bruchhagen und Hollerbach in etwa soweit entfernt voneinander wie der HSV von der sportlichen Rettung. 

Vor dem Pressegespräch hatte Bruchhagen in der Welt am Sonntag ein Szenario aufgezeichnet, wie hart den HSV ein Abstieg aus wirtschaftlicher Sicht träfe. 

Der Etat für den Kader müsste von 55 auf 33 Millionen Euro gekürzt werden. Der Jahresumsatz würde von 125 auf 90 Millionen Euro schrumpfen. Bei den TV-Einnahmen gingen 15 bis 20 Millionen Euro verloren. Von Hauptsponsor Emirates kann der HSV in Liga zwei nur noch mit fünf statt bislang 7,5 Millionen Euro jährlichen Zuwendungen rechnen. 

Für Bruchhagen alles in allem ein "erheblicher Verlust", der sich nur durch Spielerverkäufe kompensieren ließe. Es seien "Transfererlöse notwendig, um die Zweitliga-Lizenz zu sichern", sagte er. Nur: Diese Transfererlöse sind nicht in Sicht.

Welche personellen Konsequenzen stehen an?

Dennis Diekmeier und Gotoku Sakai stehen als Abgänge fest. Die Verträge von Nicolai Müller, Aaron Hunt und Lewis Holtby laufen am Saisonende aus. Die drei werden den HSV im Falle eines Abstiegs ziemlich sicher verlassen.

Alle andere Profis haben einen gültigen Vertrag für die Zweite Liga. Die wenigsten werden den wohl tatsächlich erfüllen. Ob und zu welchen Konditionen der Klub sie loswird, ist eine andere Frage.

Was derzeit noch mehr interessiert, ist, mit welcher Führungsmannschaft der HSV einen Neuaufbau anginge. Der frühere Sportchef Oliver Kreuzer regte bei Sky "einen radikalen Führungswechsel" an.

Sein Nachfolger Jens Todt ist wohl ohnehin nur noch ein Sportdirektor auf Zeit. Bernd Hollerbach ist bei Mitgliedern des Aufsichtsrates bereits stark umstritten. Und da der neu gewählte Präsident Bernd Hoffmann am liebsten tabula rasa machen würde, sind auch die Tage von Bruchhagen an der Spitze des Vorstandes gezählt. 

Offiziell läuft sein Vertrag noch bis Dezember 2019. Doch Bruchhagen selbst deutete am Sonntag einen vorzeitigen Ausstieg an. "Ich habe immer bereitgestanden, dass ich meine Position zur Verfügung stelle, wenn das das Beste für den HSV ist", sagte er.  

Bei dieser Gelegenheit ließ Bruchhagen die Öffentlichkeit wissen, dass sein Vertrag die Bitte beinhaltet, einen geeigneten Nachfolger auszusuchen.

Ertrinkt die Stadt in Frustration?

Im Falle von Misserfolg weiß man bei HSV-Fans nie so recht, woran man ist.

Nach dem 1:2 gegen Leverkusen verhinderten Polizei und Ordner nur mit Mühe einen Platzsturm. Bei der Derby-Pleite in Bremen schossen Chaoten im Hamburger Block Leuchtraketen aufs Spielfeld. Reaktionen auf den drohenden Untergang.

Ex-Sportdirektor Kreuzer will erkannt haben, dass die Stadt "nicht mehr geschlossen hinter dem Verein" steht. Das war auch mal anders.

Aus Sicht des einstigen Präsidenten Jürgen Hunke wäre ein Absturz des HSV in Liga zwei für die Sportstadt Hamburg dennoch eine Katastrophe.

"Wir waren mal eine richtige Sportstadt. Wir haben erst den Handball verloren, da waren wir Champions-League-Sieger. Beim Eishockey gab es eine Insolvenz", sagte er SPORT1. "Es ist dramatisch."

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