Thomas Tuchel sagt dem FC Bayern als Nachfolger von Trainer Jupp Heynckes ab © SPORT1-Grafik: Getty Images

München - Der FC Bayern verpasst es, den Top-Kandidaten Thomas Tuchel zu verpflichten. Ein Grund dafür ist Uli Hoeneß und sein besonderes Verhältnis zu Jupp Heynckes.

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Der FC Bayern ist nicht nur Meister des deutschen Fußballs, sondern neuerdings auch führend auf dem Gebiet der Prokrastination, dem Aufschieben von wichtigen Aufgaben.

Die Priorität in dieser Saison ist es eigentlich, einen Nachfolger für Trainer Jupp Heynckes zu finden, der im Sommer nach seinem Freundschaftsdienst wieder in den Ruhestand geht. Und zunächst sah es so aus, als ob die Trainerfindungs-Kommission - bestehend aus Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, Präsident Uli Hoeneß, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Heynckes - ihrer Aufgabe rechtzeitig nachkommt.

Drei Viertel sollen sich einig gewesen sein: Thomas Tuchel passt zum FC Bayern. Nur Hoeneß, der ewige Präsident, hatte sich mit dem Taktiker, der bisweilen Tendenzen zum Querulanten zeigt, offenbar noch nicht angefreundet. Es dauerte sieben Monate, bis er beim Thema Tuchel seinen Daumen nach oben streckte.

Herber Rückschlag für Bayern

Doch Hoeneß' Wandel kam zu spät. Tuchel teilte den Münchnern am Donnerstag laut Bild und Süddeutsche Zeitung (SZ) mit, dass er bei einem europäischen Spitzenklub im Wort steht. Die Bayern-Führungsriege aus Rummenigge, Hoeneß und Salihamidzic versuchte einen Tag später, Tuchel noch einmal zu überzeugen, den Posten bei ihrem Klub doch noch anzunehmen. Doch in einer Telefonkonferenz wurde klar: Tuchel steht zu seinem Versprechen, das er nach Informationen der SZ zehn Tage vor der Konferenz gegeben hatte.

Ein herber Rückschlag in der Trainersuche, und das Ende März - also schon in der Schlussphase der Saison. Dabei schien die Rechnung doch so einfach: Tuchel - derzeit wohl bester deutscher Klubtrainer neben Jürgen Klopp - ist zu haben, spricht Deutsch (wenn auch nicht Bayerisch) und lässt attraktiven Fußball spielen. Drei Häkchen im Bayern-Anforderungsprofil.

Warum also zögerte der Rekordmeister so lange? Oder genauer: Warum zögerte Hoeneß so lange?

Tuchel irritiert öffentlich

Tuchels Erfolge beim anderen deutschen Spitzenklub Borussia Dortmund waren doch beachtlich. Der 44-Jährige legte beim BVB allerdings auch einen viel beachteten Abschied hin. Er ging im öffentlichen Streit mit BVB-Boss Hans-Joachim Watzke, legte zuletzt mit Aussagen während des Verfahrens gegen den BVB-Attentäter nach.

Waren das die Gründe für Hoeneß' Zögern? Schon nach dem Aus von Carlo Ancelotti im September hatte Rummenigge Kontakt zu Tuchel aufgenommen, das erfuhr SPORT1 aus Kreisen des Trainers.

Doch Hoeneß setzte am Ende seinen Comeback-Kandidaten Heynckes durch, was Tuchel in einem seiner seltenen Tweets würdigte. Und der Bayern-Präsident zog ab diesem Zeitpunkt seine Lieblingslösung "Jupp Heynckes bleibt bis ans Ende aller Tage Bayern-Trainer" lange der Option Tuchel vor.

Nach der Übernahme durch Heynckes blieb der Kontakt zwischen Rummenigge und Tuchel bestehen, allerdings nicht sehr intensiv und wenig konkret. Erst als der Coach den Münchnern mitteilte, dass er bei einem anderen Klub im Wort steht, soll die Bayern-Führung sich laut SZ in der Telefonkonferenz ernsthaft um ihn bemüht haben.

Hoeneß besondere Beziehung zu Heynckes

Dass überhaupt sieben Monate verstreichen mussten, bis sich die FCB-Führung ernsthaft für einen der logischsten Kandidaten entschied, war auch der Gefühlswelt von Uli Hoeneß geschuldet, in der Heynckes ein treuer Freund ist.

Seine Entlassung während seiner ersten Amtszeit bei Bayern kreidet sich Hoeneß immer noch als einen seiner größten Fehler an. Auch der Übergang zu Guardiola war in dieser Hinsicht nicht ohne atmosphärische Störungen verlaufen.

Mit seinem öffentlichen Werben um Heynckes verlieh Hoeneß seinem Innenleben Ausdruck und zog auch Rummenigge mit in die Kampagne hinein. Erst ein Machtwort von Heynckes an seine Gefährten sorgte weitestgehend für Ruhe. Die öffentlichen Signale, die zu diesem Zeitpunkt an Tuchel gesendet wurden, waren jedoch fatal.

Wer will schon der Plan B sein, auch wenn Plan A Heynckes heißt? Das plumpe Vorgehen der Bayern-Bosse in dieser Episode lässt fast vergessen, dass sie einst Pep Guardiola in aller Heimlichkeit an Europas Top-Klubs vorbeigeschleust und nach München gelockt hatten. Im Fall Tuchel verpassten sie ein ähnlich elegantes Vorgehen, zudem wurde die Angelegenheit auch noch öffentlich.

Die Münchner müssen sich nun mit den C-Kandidaten beschäftigen. Es kursieren weiter die üblichen Kandidaten Lucien Favre, Niko Kovac, Mauricio Pochettino.

Zeit, die Entscheidung weiter aufzuschieben, bleibt nun wirklich keine mehr.

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