Bremen und München - Marc Kosicke berät Jürgen Klopp und fünf Bundesliga-Trainer. In Teil 2 des SPORT1-Interviews spricht er über Mehmet Scholl, Laptop-Trainer und seinen Doppelgänger.

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Marc Kosicke kann zu Recht stolz sein. Fünf Trainer in der Bundesliga werden aktuell von ihm beraten, unter anderem Julian Nagelsmann von der TSG Hoffenheim und Augsburg-Coach Manuel Baum. Zudem ist Jürgen Klopp sein Klient und bester Kumpel. Kosicke ist ein Typ, der gerne über den Tellerrand hinausschaut. Menschlichkeit ist ihm wichtig.

"Meine Maxime ist, dass ich nur Klienten möchte, mit denen ich auch ein Bier trinken kann. Jürgen war großes Glück, er war mein erster Trainer", sagt der 46-Jährige.

Im zweiten Teil des SPORT1-Interviews spricht Kosicke über seinen Doppelgänger, Mehmet Scholl und dessen Laptop-Trainer-Vorwurf, Social Media - und verrät, warum er nicht Spielerberater werden wollte.

SPORT1: Herr Kosicke, Sie sagten im ersten Teil des Interviews, dass wenig Zeit für Small Talk mit Ihren Trainern bleibt. Außer mit Jürgen Klopp, oder?

Kosicke: Wenn es wie bei uns eine enge Freundschaft ist, dann ist es generell nie lapidar. Das Schöne bei Männerfreundschaften ist doch, dass es oft nicht vieler Worte bedarf. Jürgen und ich telefonieren gar nicht so oft miteinander. Insbesondere nicht im Erfolgsfall. Und das ist mit all meinen Klienten so. Eigentlich habe ich mehr Kontakt mit ihnen, wenn es nicht so rund läuft. Es ist wie in den Vereinen. Wenn am Wochenende gewonnen wurde, ist die Woche leichter. Und so funktioniert es mit den Trainern auch. Meistens habe ich mit denen Kontakt, bei denen es nicht so gut läuft oder die auf Jobsuche sind.

SPORT1: Trifft man sich dann?

Kosicke: Wir arbeiten in einem "People's Business". Vertrauen ist das A und O. Und das bekommt man nur über regelmäßigen persönlichen Kontakt. Nichtsdestotrotz ist es unterschiedlich. Manchmal sieht man sich auch ein halbes oder dreiviertel Jahr gar nicht. Trotzdem ist man füreinander da. Egal was ist, die Trainer können mich immer anrufen. Aber es gibt keinen festen Ablauf.

SPORT1: Bei welchem Trainer, außer bei Jürgen Klopp, war es für Sie am schwierigsten, bis es dann zustande gekommen ist? Wen wollten Sie unbedingt haben? Um wen haben Sie gekämpft?

Kosicke: Also schwierig war gar nichts. Das ist das Schöne. Ich wollte niemanden unbedingt, weil das keinen Sinn macht. Das ist wie bei einer guten Beziehung. Wenn man jemanden unbedingt will und die andere Person will nicht, ist das ein denkbar ungünstiger Start für etwas Langfristiges. Ich habe auch nicht um einen Trainer geworben. Was auf keinen Fall heißt, dass ich so ein toller Typ bin und die Klienten mir nur so nachlaufen. Ich denke, es ist relativ schnell klar, ob man zueinander passt. Ich glaube an die zwischenmenschliche Chemie. Meine Maxime ist, dass ich nur Klienten möchte, mit denen ich auch ein Bier trinken kann. Jürgen war ein großes Glück, er war mein erster Trainer, der zweite war Holger Stanislawski. Mit ihm war es damals sehr lustig.

SPORT1: Erzählen Sie mal...

Kosicke: Ein enger Freund von mir, Moritz Volz, der lange in England gespielt hat, und den ich während meiner Nike-Zeit betreute, wollte von England wieder zurück nach Deutschland. Damals saßen wir beim FC St. Pauli mit Helmut Schulte und Holger Stanislawski am Tisch und "Stani" schaute mich nur an und meinte: 'Ey Digger, Du siehst aus wie ich!' Da habe ich geantwortet: 'Ja, ich weiß' und von da an haben wir rumgefrotzelt und waren schnell beieinander. Dann haben wir entschieden, dass wir zusammenarbeiten. Stani ist ein Menschenfänger. Dann kamen Michael Frontzeck und Andre Schubert. Am Anfang haben die Leute gesagt, der Kosicke berät nur Leute mit Glatze - außer Jürgen. (lacht)

SPORT1: Spielerberater war nie Ihr Ding?

Kosicke: Nein. Da gibt es genug auf dem Markt. Ich wollte immer mit den Menschen zusammenarbeiten, die die Verantwortung tragen - Trainern und Managern. Das Scouting der Spielerberater habe ich mir vor zehn Jahren abgeschaut und nach Trainertalenten in den Nachwuchsleistungszentren gesucht. Heute sind aus dieser Gruppe in Julian Nagelsmann, Manuel Baum, Sandro Schwarz, Florian Kohfeldt und Stefan Ruthenbeck fünf Trainer in der Bundesliga. Das macht mich stolz.

SPORT1: Wie wichtig ist Offenheit bei der Arbeit mit Ihren Trainern?

Kosicke: Sehr wichtig. Der Beruf ist eine wichtige Identitätssäule im Leben. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen zu schnell mehr wollen, sich häufig schnell nicht genügend wertgeschätzt fühlen, oft den nächsten Deal, Kick, etc. brauchen. Trainer haben die Aufgabe, neben der eigentlichen Arbeit auch Werte zu vermitteln. Auch die Zusammenarbeit mit Michael Frontzeck, Andre Schubert, Torsten Frings, Valerien Ismael oder mit Torsten Lieberknecht, das ist für mich etwas Besonderes, weil jeder von ihnen anders ist - und jeder ist anders gut. Es gibt Phasen, da sind sie erfolgreich und Phasen, da sind sie nicht erfolgreich. Wie im richtigen Leben. Eines verbindet alle dieser bisher genannten Trainer: Sie sind aufrichtige Menschen.

SPORT1: Können Sie etwas mit dem Begriff Laptop-Trainer anfangen und wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Kritik von Mehmet Scholl?

Kosicke: Ich glaube, er wollte niemanden beleidigen, sondern in seiner ihm eigenen Art zu bedenken geben, dass Systemfußball nicht die einzige Wahrheit ist. Ich glaube, es wird ihm als zu wichtig dargestellt. Es geht immer auch noch darum, dass man Typen auf dem Feld hat, es geht um Menschen, die entscheiden, die das gewisse Etwas haben. Er hat Sorge, dass in der heutigen Ausbildung die individuelle Klasse und Persönlichkeit nicht genügend ausgebildet werden. Die Spieler aus den Leistungszentren können alle unterschiedliche Systeme spielen, aber ein bisschen mehr Selbstverantwortung wäre gut, wenn es mal nicht so läuft. Ich denke, das meinte Scholl. Deshalb funktionieren heute auch die jungen Trainer so gut, weil Sie wie die Spieler jahrelang in den Leistungszentren waren und wissen, wie sie diese Spieler zu führen haben. Aber: Jeder Trainer bedient sich der Medien, um Spielern die jeweils bestmögliche Vorbereitung auf das Spiel zukommen zu lassen. Jürgen Klopp und Dieter Hecking nutzen auch iPads, um ihren Spielern gewisse taktische Formationen zu erklären oder werfen es mit dem Beamer an die Wand.

SPORT1: Haben es junge Trainer heute schwerer oder leichter als noch vor ein paar Jahren?

Kosicke: Das muss man differenziert betrachten. Sie haben es leichter, das Vertrauen zu bekommen, um eine Mannschaft übernehmen zu dürfen, weil sie über Jahre einen guten Job im Nachwuchsleistungszentrum gemacht haben. Sie haben es schwerer, bei Misserfolg wieder auf das Karussell aufzuspringen. Früher konnte ein Peter Neururer oder ein Friedhelm Funkel drei bis vier Vereine haben und ist trotzdem immer auf eben dieses aufgesprungen. Wenn heute ein junger Trainer zum Beispiel die U23 gut trainiert und bei den Profis dann keinen Erfolg hat, wird es für ihn sehr schwer, wieder eine Profimannschaft zu bekommen. Es gibt einfach viel zu viele Trainer für viel zu wenige Stellen.

SPORT1: Social Media wird immer wichtiger. Wie stehen Sie dazu? Raten Sie Ihren Trainern davon ab?

Kosicke: Klares Ja. Jürgen Klopp hat keine Social-Media-Seite. Julian Nagelsmann hat es mal probiert, weil er aus der Generation kommt, die dort stark vertreten ist. Er hat dann schnell gemerkt, dass es zu viel Zeit und Energie kostet, wenn er es authentisch machen will. Ich bin der Meinung, wenn das jemand machen will, dann soll er es machen, aber selbst. Ich sehe bei Trainern keinen Mehrwert.

SPORT1: Gibt es einen von Ihren Trainern, der bei Social Media aktiv ist?

Kosicke: Soweit ich weiß nicht.

SPORT1: Hatte Julian Nagelsmann damals darunter gelitten, weil er sein Profil wieder gelöscht hat?

Kosicke: Jede Nachricht, die nichts mit der eigentlichen Kernaufgabe zu tun hat, nämlich eine Mannschaft zu trainieren, ist irgendwie belastend. Es nahm einfach überhand und er kam nicht mehr hinterher, alle Fragen zu beantworten.

SPORT1: Nagelsmann wurde zuletzt von Max Eberl angegiftet, schon 2016 ging ihn Roger Schmidt verbal an. Reagieren die Arrivierten der Liga allergisch, wenn Trainer der neuen Generation Ihnen besser erscheinen?

Kosicke: Ich kann das nicht beantworten, was in den Trainern vorgeht. Natürlich ist es gewöhnungsbedürftig für arrivierte Trainer, wenn ein so junger Mann neben ihnen an der Seitenlinie steht. Julian ist der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte, er war 29 Jahre alt, als er die TSG Hoffenheim übernahm. Das zwickt natürlich den einen oder anderen. Nichtsdestotrotz hat er das gleiche Recht, sich schlecht oder gut benehmen zu dürfen. Und im Eifer des Gefechts darf man nicht so viel darauf geben. Würden Trainer auf dem Platz gegeneinander spielen, würden sie sich kurz anschreien und sich hinterher die Hand geben. So war es mit Max Eberl auch. Zwei bayerische Männer gaben sich die Hand. Ende der Geschichte.

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