München - Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt in Hoffenheim sieht sich Julian Nagelsmann Kritik ausgesetzt. Und ausgerechnet jetzt wartet das Spiel beim FC Bayern.

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Lange Zeit schien es, als könne Julian Nagelsmann über Wasser laufen, als wäre der jüngste Trainer der Bundesliga-Geschichte seinen älteren Kollegen immer einen Schritt voraus.

Nach seiner Amtsübernahme im Frühjahr 2016 rettete er die damals strauchelnde TSG Hoffenheim prompt vor dem Abstieg in die Zweite Liga. In der nächsten Spielzeit reichte es sogar für die Playoffs zur Champions League.

Und das, obwohl Nagelsmann im Kraichgau seit jeher mit einem eher durchschnittlichen Kader auskommen muss. Insbesondere in der Defensivabteilung ist Hoffenheim alles andere als hochklassig besetzt.

Vor Duell mit FC Bayern nur noch Neunter

Nun aber sieht sich Nagelsmann erstmals in seiner Karriere Kritik ausgesetzt. Der 30 Jahre junge Shootingstar unter den Bundesliga-Trainern steht mit seinem Team nur noch auf Rang neun. Von den letzten zehn Pflichtspielen haben die Hoffenheimer nur zwei gewonnen - und am Samstag (ab 15 Uhr im LIVETICKER) wartet ausgerechnet das Auswärtsspiel beim FC Bayern.

In der Frühphase der Saison schaffte es Nagelsmann noch, die Mängel der Mannschaft mit taktischen Kniffen zu kaschieren. Mit ständigen Umstellungen und Positionswechseln erwischte er die Gegner immer wieder auf dem falschen Fuß und fuhr wertvolle Punkte ein.

Punkte, die Hoffenheim im Moment vor dem Abstiegskampf bewahren. Denn zuletzt hagelte es Gegentore. Nagelsmann hat anscheinend sein goldenes Händchen verloren.

Hoffenheim mit Problemen im Spielaufbau

Die taktische Flexibilität des 30-Jährigen schlägt dabei womöglich ins Negative um. Denn es gibt einige Spieler, die regelmäßig von der Startelf auf die Ersatzbank und wieder zurück in die Startelf wechseln. Nagelsmann stellt je nach Ausrichtung und Matchplan auf. Ein blindes Verständnis zwischen etablierten Stammkräften entwickelt sich damit nur schwerlich.

Ein großes Hindernis für den Erfolg der Mannschaft ist in diesem Kontext das limitierte Aufbauspiel. In der Hinrunde liefen viele Angriffe über die linke Seite. Gerade in der oftmals angewandten 3-1-4-2-Grundordnung fand sich Flügelspieler Steven Zuber zunächst allein auf der linken Seite. Vielfach musste der Schweizer in komplizierten Situationen den Ball irgendwie nach vorn befördern.

Mittlerweile gestalten die Hoffenheimer das Offensivspiel variantenreicher und Pavel Kaderabek auf der rechten Seite kommt stärker zur Geltung. Aber wirklich durchschlagskräftig ist Nagelsmanns Team auch jetzt nicht, sofern der Gegner keine Lücken anbietet. In den hinteren Reihen gibt es keinen effektiven Spielmacher.

Sebastian Rudy schmerzlich vermisst

Das Fehlen von Sebastian Rudy, der nun das Trikot von Bayern München trägt, wird in diesen Tagen umso deutlicher.

Die immer gleichen Pässe auf die Flügel und die immer gleichen Probleme beim Übergang ins letzte Spielfelddrittel beschränken Hoffenheims Möglichkeiten und machen die Mannschaft für Ballverluste anfällig. Das bereitet der ohnehin schon anfälligen Defensive zusätzlich Kopfzerbrechen.

Der FC Bayern wird am Samstag natürlich versuchen, die Hoffenheimer in Fehler zu locken. Dem deutschen Rekordmeister wurde vor nicht allzu langer Zeit noch ein Interesse an Nagelsmann nachgesagt. Mittlerweile scheint der 30-Jährige nicht mehr in der Verlosung um den Trainerstuhl im kommenden Sommer zu sein.

Dass der gebürtige Landsberger selbst nur allzu gerne einmal den Spitzenklub aus München trainieren würde, hat Nagelsmann bereits öffentlich bestätigt.

Der FC Bayern spiele "in meinen Träumen schon eine etwas größere Rolle", sagte Nagelsmann im September bei Eurosport: "Der FC Bayern würde mich vielleicht noch ein Stück glücklicher machen."

Krise als Feuertaufe für Nagelsmann

Die aktuelle Krise könnte dabei sogar ein Segen für die langfristigen Ambitionen Nagelsmanns sein. Denn dem jungen Trainer wird zuweilen unterstellt, er wäre noch nicht reif genug für eine Anstellung bei einem Spitzenklub, bei dem der Verantwortliche an der Seitenlinie - gerade in Zeiten von Misserfolgen - noch viel stärker im Fokus steht.

"Für Julian Nagelsmann wäre es vielleicht gut, wenn er noch ein paar Jahre in Hoffenheim bleibt und internationale Erfahrung sammelt. In einem kleinen Verein kann man noch Fehler machen", sagte Jupp Heynckes vor wenigen Monaten über seinen Kollegen.

Kann Nagelsmann das aktuelle sportliche Tal in Hoffenheim hinter sich lassen und dabei sein Gesicht wahren, würde es das Ansehen des hochtalentierten Trainers enorm steigern.