München und Stuttgart - Für den Rauswurf von Hannes Wolf kassiert Stuttgarts Sportvorstand Michael Reschke Kritik. Dabei hat der Trainer nicht mehr voll an sich geglaubt. Wollte er sich schützen?

von , Martin Quast

Das letzte Kapitel der Ära Hannes Wolf beim VfB begann am Samstagabend in den Katakomben der Stuttgarter Arena. 

Es war gegen 18 Uhr, als der Coach durch die Mixed Zone schritt, um Fragen von Reportern zu beantworten. Sportvorstand Michael Reschke war nur wenige Minuten zuvor vorbei gekommen. Er hatte seinen Trainer als "innerlich aufgeräumt" beschrieben. 

Man durfte also davon ausgehen, dass sich Hannes Wolf bewusst war, welche Worte er wählte, als er vor das SPORT1-Mikrofon trat. 

In jenen Sekunden fielen Sätze, die im Nachhinein vieles von dem erklären, was sich in den nachfolgenden Stunden dieses Abends zugetragen haben muss zwischen den Verantwortlichen des Klubs. 

Wolf gesteht: "Alles hat nicht gereicht"

"Die Serie, die wir jetzt gespielt haben, ist natürlich schon bedenklich", sinnierte Wolf kurz nach dem 0:2 gegen Schalke 04. Über die siebte Niederlage in den vergangenen acht Pflichtspielen sprach er in exakt jener Verfassung, die Reschke ihm attestiert hatte.

"Wir haben im Trainerteam alles gegeben in dieser Woche", sagte Wolf. "Und dann musst du dir manchmal eingestehen, dass 'Alles' nicht gereicht hat." 

Eine Erkenntnis, die zu aussagekräftig ist, um sie einfach so im Raum stehen zu lassen.

Wer Hannes Wolf in jenem Moment zugehört hat, konnte den Eindruck bekommen, dass er sich selbst und seinen Maßnahmen im Abstiegskampf nicht mehr zu einhundert Prozent vertraut. 

Am Tag danach führte Sportvorstand Reschke die Selbstreflexion des Trainers als Grund für die Trennung an. 

"Nach der Pressekonferenz haben Hannes und ich in der Kabine zusammengesessen", erklärte Reschke am Sonntagvormittag. In diesem Gespräch, habe Wolf durchklingen lassen, dass "leichte Restzweifel bei ihm aufgekommen sind, ob er die Mannschaft noch hundertprozentig erreicht". 

Mit einem solchen Eingeständnis unterschreibt man als Trainer in einem ganz und gar auf Ergebnis getrimmten Geschäft wie dem Profifußball in der Regel seine Entlassungspapiere. 

Die Halbwahrheiten der Wolf-Entlassung

Es war weniger die eigene Eingebung als Wolfs Offenbarung, die in Reschke das Gefühl auslösten, "dass die Gefahr, dass wir die Situation in der bestehenden Konstellation nicht mehr gedreht bekommen, zu groß ist". 

Mit der Gewissheit handeln zu müssen, ging Michael Reschke tief in der Nacht zu Bett. Als er wieder aufwachte, war die Nachricht von Wolfs Beurlaubung schon in der Welt. Und mit ihr die vielen Halbwahrheiten und Fehldeutungen. 

"Ich hätte nie im Leben geglaubt", schrieb eine Nutzerin bei Twitter am Sonntagvormittag, "dass es eineinhalb Jahre nach Dutt beim VfB wieder eine Person gibt, die so planlos, überfordert, unglaubwürdig und mit einer so desolaten Außendarstellung agiert". Gemeint war Reschke.

Noch ehe der sich zum Trainer-Rauswurf erklären konnte, sah er sich einer medialen Schelte ausgesetzt. Ein bekannter Publizist twitterte: "Trennung von Hannes Wolf ist (...) größtmögliches Armutszeugnis für die VfB-Führung. Wer so kurzfristig handelt, kriegt im Fußball gottseidank nie was Großes oder Bleibendes auf die Kette."

Reschke war plötzlich der Sündenbock für Wolfs jähes Ende, obwohl er ihn nicht mal hatte entlassen wollen. 

Noch im Stadion hatte der Sportvorstand tags zuvor nach Abpfiff erklärt: "Dieses Spiel hat keine Bedeutung für die Zukunft von Wolf. Diese Trainerfrage hat sich für uns ohnehin nie gestellt. Er genießt unser volles Vertrauen."

Das Szenario einer Trainer-Entlassung "würde ich im Moment komplett ausschließen", beteuerte Reschke. Wenige Stunden und ein klärendes Gespräch mit Trainer Wolf später war dieses Treuebekenntnis in sich zusammen gefallen. 

Die Äußerungen vom Samstag flogen Reschke am Sonntag um die Ohren. Die Welt kommentierte: "Das Schmierentheater beim VfB Stuttgart". 

Reschkes Treuebekenntnis hält nur wenige Stunden

Dabei hatte Reschke nichts unversucht gelassen, die sportliche Misere beim VfB abzuwenden zu helfen.

Nach dem indiskutablen Auftritt beim 2:3 in Mainz wollte er Wolf ermutigen, "tak­ti­sche und spie­le­ri­sche Al­ter­na­ti­ven" für die einfallslosen Angriffsbemühungen der Mannschaft zu suchen. Sein Vorhaben besprach Reschke allerdings nicht im Vertrauen mit dem Trainer, sondern vor aller Öffentlichkeit beim Auftritt im ZDF Sportstudio.

Spätestens seitdem war Wolfs sportliche Autorität beim VfB in Frage gestellt.

Was vielleicht noch schlimmer war: Der Coach befolgte Reschkes Anregungen, stellte gegen Schalke von Vierer- auf Fünferkette um, opferte den zweikampfstarken Santiago Ascacibar zugunsten von Dzenis Burnic. Maßnahmen, die mehr Aktionismus als wohlüberlegte Strategie waren. 

Vielleicht hat sich Hannes Wolf am Ende auch einfach selbst schützen wollen. Er könne den VfB in der gegenwärtigen Situation "erhobenen Hauptes verlassen", erklärte er, bevor er das Trainingsgelände verließ. 

Eine Meinung, die SPORT1-Experte Marcel Reif uneingeschränkt teilt. "Wenn es tatsächlich so war, dass der Impuls für die Trennung von Wolf selbst kam, ist das ein bemerkenswerter Weg", sagte er im CHECK24 Doppelpass. "Zu sagen, dass er die Mannschaft nicht mehr komplett erreicht, damit schadet sich ein junger Trainer wie er sehr wenig, was die Zukunft angeht."

Gewiss dürfte dieser letzte Punkt auch ein Anliegen Michael Reschkes gewesen sein. Der Sportvorstand attestierte Wolf "große Klasse" ob seiner Selbstlosigkeit: "Es ist ein großes Verantwortungsgefühl eines Trainers, das dann auch so zu dokumentieren."

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