Clemens Fritz (l.) wurde 2016 zu Bremens Sportler des Jahres gewählt. Auf Trainer Florian Kohfeldt hält er große Stücke. © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Eugen Zimmermann

München - Clemens Fritz spielte elf Jahre für Bremen. Der ehemalige Werder-Kapitän spricht bei SPORT1 über Werder-Coach Florian Kohfeldt und die Trainer-Kritik von Mehmet Scholl.

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Zwei Siege in Folge landete Werder Bremen zuletzt unter dem neuen Trainer Florian Kohfeldt

Clemens Fritz ist glücklich darüber. Und blickt zufrieden zurück. Wehmut beim ehemaligen Bremer Kapitän? Fehlanzeige.

Seinen Ex-Klub, bei dem er im Sommer nach 363 Pflichtspielen und einem Pokalsieg seine Karriere beendete, hat der Ehrenspielführer nicht nur deshalb weiter fest im Blick, weil er nach wie vor in der Hansestadt wohnt.

Vor dem Spiel bei Bayer Leverkusen (ab 20.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Fritz im SPORT1-Interview über die aktuelle Saison der Grün-Weißen, Kohfeldt, seine Zukunft beim SVW - und die junge Trainer-Generation.

SPORT1: Herr Fritz, was machen Sie gerade so ganz ohne Werder?

Clemens Fritz: Im Moment kümmere ich mich um meine Familie. Ich bin vor kurzem Vater geworden und genieße gerade, dass ich das alles so intensiv miterleben kann. Das ist jedoch nur möglich, weil ich mich vom Fußball etwas zurückgezogen habe. Ich habe mich im Sommer ganz bewusst dazu entschieden, nach der Karriere etwas Abstand zu gewinnen.

SPORT1: Sie besitzen aber noch einen Anschlussvertrag bei Werder. Wie ist da der Plan?

Fritz: Ich bin mit Klaus Filbry (Vorsitzender der Geschäftsführung, d. Red.) und Frank Baumann (Geschäftsführer Sport, d. Red.) im Austausch. Wir wollen uns dieses Jahr nochmal zusammensetzen, um über ein Trainee-Programm zu sprechen. Wie das jedoch genau aussehen wird, steht noch nicht fest.

SPORT1: Bei Werder gab es wieder einen Trainerwechsel. Was sagen Sie zur aktuellen Situation?

Fritz: Für jeden Profi ist es erst einmal eine Niederlage, wenn der Trainer ausgetauscht wird. Nachdem Florian Kohfeldt die Mannschaft jedoch übernommen hat, hat sich das Blatt unter seiner Leitung zum Positiven gewendet. Werder ist auf einem guten Weg. Die Lage ist aber nach wie vor ernst, dessen ist sich jeder im Verein bewusst. Es gibt nichts, auf dem man sich ausruhen kann, es ist noch ein harter Weg. Ich bin aber überzeugt, dass Florian der richtige Mann für diese Mannschaft ist.

SPORT1: Der Trend in der Bundesliga geht zu jungen Trainern. Florian Kohfeldt ist einer dieser jungen Garde. Was halten Sie von ihm?

Fritz: Ich kenne Florian gut, er war Co-Trainer bei Viktor Skripnik. Er hat eine klare Spiel-Philosophie. Er gibt den Spielern Lösungen mit an die Hand. Das sieht man gerade. Zudem vermittelt er ein sehr gutes taktisches Verständnis. Aber entscheidend ist, dass er ein gutes Gleichgewicht hat und genau weiß, wie viel er den Jungs mitgeben kann, ohne sie jedoch ihrer eigenen Kreativität zu berauben.

SPORT1: Wie meinen Sie das?

Fritz: Man kann viel taktische Inhalte trainieren, doch dann besteht die Gefahr, dass die Kreativität der Spieler darunter leidet. Aber Florian findet den richtigen Mix. Das macht er hervorragend. Und er hat eine sehr gute Ansprache an die Mannschaft. Ich halte sehr viel von ihm.

SPORT1: Tim Wiese sagte zuletzt, Kohfeldt würde in seiner Trainingsjacke aussehen wie ein Balljunge. Aber offenbar fehlt es ihm nicht an Autorität, oder?

Fritz: Die hat er definitiv. So wie ich das mitbekommen habe, wird er von der Mannschaft total akzeptiert. Man muss sich nur die vergangenen Spiele anschauen, da wurden gute Ergebnisse erzielt und diese sprechen für den Trainer. Kohfeldt gibt dem Team ein positives Gefühl, was seine Arbeit angeht.

SPORT1: Kohfeldt gehört zur jungen Trainer-Generation, die zuletzt von Mehmet Scholl kritisiert wurde. Wie denken Sie darüber?

Fritz: Um das konkret bewerten zu müssen, muss man nah dran sein. Ich sehe nur, dass Julian Nagelsmann, Florian Kohfeldt oder Domenico Tedesco sehr gute Arbeit abliefern. Entscheidend sind am Ende die Ergebnisse. Natürlich gibt es auch bei jungen Trainern Rückschläge, wie man gerade bei Nagelsmann in Hoffenheim sieht. Aber genau dann zeigt sich, wie stabil man als Coach ist und wie groß die Persönlichkeit ist. Diese junge Trainer-Generation sammelt in positiven wie negativen Momenten enorm Erfahrung.

SPORT1: Und was sagen Sie zur Kritik von Scholl?

Fritz: Ich sehe das nicht so kritisch wie Mehmet Scholl, ganz im Gegenteil. Der Fußball und die Trainer entwickeln sich weiter und entscheidend ist die Arbeit auf dem Platz. Du kannst nicht einfach sagen, dass ein erfahrener Fußballlehrer besser ist als ein junger. Junge Spieler entwickeln sich weiter, so auch die jungen Trainer. Diese Zeit muss man auch ihnen geben.

SPORT1: Kohfeldts Vertrag läuft bis zum Jahresende. Sollte Werder mit ihm weitermachen?

Fritz: Ja. Ich bin absolut überzeugt von ihm. Er wird mit Werder die Klasse halten.