München - Schalke-04-Coach Domenico Tedesco setzt sich mit der Kritik von Mehmet Scholl auseinander. Er widerspricht in vielen Punkten - aber nicht in allen.

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Von Mehmet Scholl wurde Domenico Tedesco gebrandmarkt als Vertreter einer neuen Trainer-Generation, die ihm verdächtig ist. Nun hat der Trainer des FC Schalke 04 erstmals ausführlich Kontra gegeben.

Der 32-Jährige findet nach eigenen Angaben zwar "nicht schlimm", dass er zur Zielscheibe des langjährigen TV-Experten wurde: "Er kennt mich nicht - und ich ihn auch nicht."

Inhaltlich aber widerspricht der Erfolgscoach des Bundesliga-Tabellenzweiten im Interview mit der Süddeutschen Zeitung Scholl in vielen Punkten.

"Gehirnwäsche"? Unsinn, findet Tedesco

Die Behauptung, dass der DFB-Trainerlehrgang, den Tedesco 2016 als Jahrgangsbester mit der Note 1,0 abgeschlossen hat "elf Monate Gehirnwäsche" seien, kann er zum Beispiel nicht nachvollziehen.

"Genau das ist es aus meiner Sicht gar nicht", sagt Tedesco: "Alles, was es im Fußball gibt, wird im Kurs von Frank Wormuth vorgestellt und diskutiert."

Beim Ausbildungsleiter könne man alles Mögliche lernen: "Ballbesitz und lange Bälle holzen, Angriffspressing und tief stehen ..., das ist wie ein Büffet mit Fleisch, Fisch, Salaten, mit allem. Als Trainer gehe ich hin und bediene mich. Ich picke mir raus, worauf ich Lust habe. Vorgeschrieben wird einem da nichts."

Hier liegt Scholl für Schalkes Coach nicht ganz falsch

Auch den Vorwurf, dass junge Spieler in den Systemen nicht mehr frei spielen könnten, will Tedesco so nicht stehen lassen.

"Das Wichtigste ist der Kader, gute Spieler spielen guten Fußball", sagt er: "Auch zu Menschenführung wurde einem viel beigebracht: Wie überzeuge ich einen Spieler, den ich holen will? Welche Fragen stelle ich ihm? Ist er ein Familienmensch? Wie kann ich ihn greifen? Obwohl es da kein Patentrezept gibt."

Die Behauptung, dass durch die modernen Zeiten die Typen und die Straßenkicker verloren gingen, findet Tedesco ebenfalls übertrieben: "Schauen Sie bei uns Amine Harit an, solche Typen gibt es immer."

In diesem Punkt erkennt Tedesco allerdings an, dass Scholl nicht ganz falsch liegt: "Natürlich zahlt man einen Preis für Ausbildungskonzepte. Früher spielten wir als Kinder stundenlang ein Spiel, bei dem nur Volleytore erlaubt waren - bei uns hieß das "Lupferle" -, heute sind die Stundenpläne voll mit Schule, Fußball, Musik. Trotzdem wird in den Nachwuchsleistungszentren in bestimmten Spielformen freier Fußball zugelassen. Aber halt dosiert."

Darum übertraf er Nagelsmann

Tedesco wehrt sich in dem Interview aber nicht nur gegen Kritik, sondern auch gegen übertriebenes Lob.

Das Image als junger Erneuerer des Fußballs behagt Tedesco nicht: "Auch Ewald Lienen und Jupp Heynckes lassen modern spielen. Bei Bayern wird gegengepresst, der Gegner wird hoch angelaufen, permanent gestresst, es gibt Ballzirkulation. Junger Trainer, alter Trainer - diese Denkweise, diese Schubladen sollte es nicht geben."

Domenico Tedesco steht vor einem Wechsel in die Zweite Bundesliga zu Erzgebirge Aue
Domenico Tedesco übertraf im DFB-Lehrgang Julian Nagelsmann © Getty Images

Auf eine andere vieldiskutierte Frage hat Tedesco eine ganz einfache Antwort: wie er es geschafft hat, im DFB-Kurs das andere "Trainer-Wunderkind" Julian Nagelsmann zu übertreffen - das im selben Lehrgang war und "nur" mit 1,3 abschloss.

"In der finalen Phase der Prüfungen, wo es ums Reinprügeln ins Kurzzeitgedächtnis ging, da war Julian halt schon Cheftrainer in Hoffenheim", erinnert sich Tedesco: "Da hatte ich einfach etwas mehr Zeit."

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