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München - Die 3. Liga steht vor dem Re-Start. Das gefällt nicht allen Klubs. Vor allem Waldhof Mannheim ist dagegen. Bei SPORT1 redet der Geschäftsführer Klartext.

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Die Coronakrise spaltet die 3. Liga und sorgt für dicke Luft zwischen den Vereinen.

Am 26. Mai soll wieder gespielt werden, sofern die Politik und die Gesundheitsbehörden grünes Licht geben. Manche Klubs begrüßen den Neustart, unter anderem von Waldhof Mannheim gibt es dagegen weiterhin Widerstand.   

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Bei SPORT1 spricht Mannheims Geschäftsführer Markus Kompp Klartext. 

SPORT1: Herr Kompp, warum wollten Sie den Saisonabbruch? Etwas ketzerisch gefragt: Weil Waldhof auf einem Aufstiegsplatz steht?

Markus Kompp: Dann muss ich zurückfragen, warum die anderen weiterspielen wollen, wenn wir eine Pandemie haben? Weil sie noch hoffen aufzusteigen? Wir waren von Anfang an gegen die Fortsetzung der Saison, beziehungsweise dafür, die Runde ohne weitere Spiele auslaufen zu lassen - aus gesellschaftlichen, gesundheitlichen, wirtschaftlichen und sportlichen Gründen.

SPORT1: Können Sie die einzelnen Punkte erklären?

Kompp: Gesellschaftliche, weil ich die aktuelle Entwicklung mit Sorge sehe, auch außerhalb des Fußballs. Der Fußball und speziell die 3. Liga hat eine große Chance verpasst, sich gesellschaftlich so darzustellen, wie man in den vergangenen Jahren versucht hat, aufzutreten. Da meine ich diese Claims, die immer vom DFB verwendet wurden, wie "fannah" und "anders". Wenn man sich da anders positioniert hätte, hätte das auch für eine Stärkung der Liga gesorgt. Gesundheitlich, weil wir nicht die Experten sind und nicht wissen, wohin das Ganze noch führt. Da mache ich mir dann schon Gedanken, weil wir als Verein eine Fürsorgepflicht für unsere Mitarbeiter und Spieler haben und in der Verantwortung stehen.

SPORT1: Ihnen wurde vorgeworfen, dass das alles nur vorgeschoben ist.

Kompp: Nein, das ist es nicht. Wenn jeder das alles mal ehrlich betrachtet, dann muss er zu dem Ergebnis kommen, dass man eine Fortsetzung der Saison, zumindest in der 3. Liga, nicht rechtfertigen kann. Eine Abwägung kann dann erst stattfinden, wenn der Punkt Gesundheit so geklärt ist, dass wir von oberster Stelle grünes Licht bekommen.

"Es wird nur noch mehr Geld verbrannt"

SPORT1: Der nächste Punkt in Ihrer Aufzählung wäre der wirtschaftliche Aspekt.

Kompp: Bei der ersten Manager-Tagung gingen wir von ca. 80.000 Euro für Coronatests aus. Mir war da schon klar, dass da noch weitere Kosten dazukommen und das rund 200.000 Euro kosten wird, mit Masken, Schutzkleidung und Hygiene-Material. Inzwischen stellt es sich so dar, dass man bei einem Worst-Case-Szenario in einem anderen Stadion spielen muss und ein Quarantäne-Trainingslager organisiert werden muss. Da liegt die erste Kalkulation für das Hotel bei etwa 30.000 Euro, aber nur, wenn wir einen halbwegs ordentlichen Kurs für Einzelzimmer bekommen.

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Bei manchen Vereinen kostet das Ganze inzwischen schon 800.000 Euro. Ich bin im Krisen-Management sofort in die Kurzarbeit gegangen und wir haben den ganzen Klub sofort auf beinahe Null runtergefahren. Das mussten wir tun, um eine Zahlungsunfähigkeit zu verhindern. Es ist nun aber betriebswirtschaftlicher Nonsens, Geld zu investieren, um sodann das Unternehmen betriebswirtschaftlich auch noch schlechter zu stellen. Als Geschäftsführer gehen wir hier möglicherweise in die Haftung.

Es wird nur noch mehr Geld verbrannt. Das kann man nur machen, wenn eine Perspektive da ist, durch eine solche Maßnahme irgendwann mehr Geld zu erwirtschaften. Diese Perspektive kann im Fußball nur der sportliche Aufstieg sein. Daher habe ich auch von Anfang an gefordert, dass die Wertung der Tabelle klar sein muss, bevor wir das erste Spiel absolvieren, um spätere Diskussionen oder Haftungsfälle zu verhindern.

SPORT1: Wie meinen Sie das? 

Kompp: Wenn wir nun aufgrund des Hygienekonzepts Geld investieren, noch mehr Geld aufgrund fehlender Zuschauer, aber höherer Kosten verbrennen, dann zwei Partien spielen, und es kommt doch zum Saisonabbruch, dann möchte doch keiner eine Diskussion haben, ob der 2. Tabellenplatz am 29. Spieltag oder vielleicht doch erst am 37. Spieltag ausreicht. Diese Frage wurde trotz meiner Hinweise in jeder Manager-Tagung bis heute nicht geklärt. Deshalb tue ich mich als Geschäftsführer aus Haftungsgründen schwer, Geld zu investieren, wenn ich nicht mal eine klare Perspektive habe, dass die Investition zumindest halbwegs sinnvoll ist.

SPORT1: Bleibt noch der sportliche Aspekt.

Kompp: Sportlich müssen wir nicht darüber reden, dass wir schon eine Wettbewerbsverzerrung vorliegen haben. Neben unterschiedlichen Trainingsvorbereitungen bei den Vereinen auch insbesondere dann, wenn wir über den 30. Juni hinausgehen. Weil dann wird eins passieren: Der DFB wird ermöglichen, dass Verträge von zwei, drei, vier Wochen geschlossen werden können und nicht mehr über ein Jahr geschlossen werden müssen. Dann bekommen wir ein US-Modell.

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SPORT1: Was ist darunter zu verstehen?

Kompp: Dann werden sich Vereine für drei Wochen mit entsprechender Qualität eindecken oder Spieler aus anderen Ligen ausleihen, um die letzten Spiele noch zu gewinnen. Das sind alles Themen, die der DFB vorab klären muss.

"Wir wollten nie die Saison boykottieren"

SPORT1: Würde Waldhof die Saison boykottieren?

Kompp: Nein. Wir wollten nie die Saison boykottieren. Das haben wir auch nie gesagt. Wir halten uns streng an die Vorgaben der Politiker. Da gibt es ein Krisenmanagement und Experten. Wenn die Politik sagt: "Ihr könnt spielen", dann werden wir spielen. Wir haben vor zwei Wochen die Mannschaft gefragt, ob sie trainieren und spielen möchte. Ich werde niemanden in dieses Risiko schicken, wenn wir das nicht kontrollieren können. Das wird bei einem Virus schwer möglich sein. Oder wenn die Politik kein grünes Licht gibt.

SPORT1: Können Sie andere Vereine verstehen, die sagen: "Es ist klar, dass Waldhof abbrechen will, weil sie als Zweiter aufsteigen können"?

Kompp: Ich verstehe diese Kritik. Aber es steht doch nirgendwo geschrieben, dass wir aufsteigen, wenn die Saison abgebrochen wird. Die DFL hat erklärt, dass sie niemanden aufsteigen lassen will, wenn die 3. Liga nicht mindestens im Verhältnis identische Spiele wie die 2. Liga gespielt hat. Es wurde immer klar kommuniziert, dass das der Bundestag am 25. Mai zu entscheiden hat. Und deswegen haben wir den Aufstieg nicht sicher, wenn wir abbrechen. Das Argument hinkt etwas. Außerdem kann man dieses Argument zurückgeben.

SPORT1: Zurückgeben?

Kompp: Möchte der Dritte oder Vierte die Gesundheit riskieren, nur um zu hoffen, dass sie auf Platz 2 rutschen? Diese Kritik ist verlogen.

SPORT1: Den Vorwurf finden Sie also ungerecht?

Kompp: Diesen Vorwurf, dass wir den Abbruch nur wollen, um aufzusteigen, kann man genauso andersrum spielen. Das wird meiner Meinung nach nur deshalb gemacht, um von unseren Sachargumenten abzulenken.

SPORT1: Andererseits sprechen natürlich auch die unterschiedlichen Bedingungen gegen eine Fortsetzung. Carl Zeiss Jena kann zum Beispiel gar nicht trainieren.

Kompp: Sportlich hat das alles doch gar keinen Reiz mehr. Ich kann mich doch am Ende der Saison nicht wirklich darüber freuen, wenn ich mit meinem Klub Erster werde, und weiß, dass die Hälfte der Liga nicht ordentlich trainieren konnte.

"Das macht mir ehrlich gesagt Angst"

SPORT1: Fühlt sich Waldhof wie der Rädelsführer in der ganzen Debatte um einen Abbruch der 3. Liga?

Kompp: Nein. Wir sind ja nicht per se dagegen, dass wir Fußball spielen. Wir wollen aber vorher existenzielle Fragen geklärt haben. Noch mal deutlicher: Wenn ich in der ersten Manager-Tagung Ende März, in allen weiteren Tagungen und zudem telefonisch wichtige Fragen stelle, die bis heute nicht beantwortet wurden, dann verstehe ich das noch, wenn es keine Antworten gibt. Wenn ich dann aber nach Wochen gesagt bekomme: "Ach, diese Frage ist ganz interessant, das prüfen wir mal", dann sind unsere Sorgen eben noch nicht ausreichend angekommen bei einigen Herren. Das macht mir ehrlich gesagt Angst.

SPORT1: Warum ist das so?

Kompp: Ich kann es nicht sagen. Es gibt schon eine große Diskrepanz bei den TV-Geldern. Und ich glaube schon, dass es sinnvoll ist, einen Weg zurückzufinden für die 1. und 2. Bundesliga. Da verstehe ich Herrn Watzke (Borussia Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Anm. d. Red.) schon auch, wenn er sagt, dass da über 50.000 Arbeitsplätze dran hängen. Da muss man verstehen, dass die weiterspielen wollen. Bei uns hängen aber auch Arbeitsplätze dran, nur mit dem Unterschied, dass die auch in Gefahr geraten, wenn wir weiterspielen. Ich habe große Sorge, dass der DFB am Rockzipfel der DFL hängt. Und das ist ein Risiko, weil bei uns komplett andere Voraussetzungen vorliegen.

SPORT1: Können Sie das konkretisieren?

Kompp: Im Grunde habe ich das Gefühl, dass von der DFL ein Hygienekonzept erstellt wurde und der DFB saß dabei. Mit dem Ergebnis, dass dieses Konzept von Vereinen der DFL mit 250 Mitarbeitern umgesetzt werden kann - und wir suchen händeringend nach einem Hygiene-Beauftragten oder nach einem Arzt, der das macht. Man hat hier einfach nicht auf die Besonderheiten der 3. Liga geachtet. Es wäre vielleicht auch sinnvoll gewesen, bei der Erstellung für die 3. Liga bei den Vereinen vor Ort bezüglich der Umsetzbarkeit in kürzester Zeit einmal nachzufragen, und nicht an den Vereinen komplett vorbeizuplanen oder eben einfach ein Konzept aus nicht vergleichbaren Ligen zu nehmen.

Bei mir melden sich inzwischen schon Fans, die ihre Hilfe anbieten. Es scheint mir vieles nicht zu Ende gedacht. Im ersten uns übermittelten Hygienekonzept stand zum Beispiel drin, dass eine Person, welche erhöhte Temperatur oder Fieber hat, nicht das Stadion betreten darf. Ich fragte dann in einer Managertagung, ab welcher Temperatur dies so ist? Ich habe erhöhte Temperatur gegoogelt und da stand 37,1, doch der Mediziner, der das Konzept mit erarbeitet hatte, meinte, 37,5 Grad wären in Ordnung.

Keine haltbaren schriftlichen Angaben bedeuten für mich sofort Haftungsprobleme. Dann sagte er, Fieber sei nur ein Symptom, und das könne der Hygiene-Beauftragte, welcher damals kein Arzt sein musste, entscheiden. Ein Notfallsanitäter, der neben mir saß, meinte nur: "Fieber ist kein Symptom, sondern eine Diagnose." Und die darf in Deutschland nur ein Arzt stellen. Das verneinte der Mediziner. Ich musste mir dann von einem anderen Vereinsfunktionär sagen lassen, dass er für solche Diskussionen keine Zeit hätte und was der Kindergarten solle. Ich habe aufgrund meiner Verwunderung über diese Haltung nicht weiter nachgefragt und habe die Thematik noch mal schriftlich beim DFB hinterlegen lassen.

"BVB hat einen Mannschaftsarzt in Festanstellung" 

SPORT1: Mit welchem Ergebnis?

Kompp: Im Nachgang wurde das Konzept dann in der Form geändert, dass wir nun als Hygiene-Beauftragten doch einen approbierten Arzt benötigen, welcher Diagnosen stellen darf, und dass die Körpertemperatur nicht über 38 Grad liegen soll. Ich erwarte einfach, dass hier zum Schutz der Vereine, der Funktionäre und natürlich der Spieler solche Dinge vorher geregelt sind. Der BVB hat einen Mannschaftsarzt in Festanstellung, da kann man das Ganze dann auch ordentlich umsetzen und Lücken im Konzept kompensieren. Unser Arzt hat eine Praxis mit Mitarbeitern und muss sehen, dass sein Laden weiter läuft. Und ein Mannschaftsarzt darf nun die Abstriche nicht einmal machen, da er dann die Mannschaft nicht mehr normal behandeln darf. Denn derjenige, der die Abstriche macht, darf sich ansonsten nicht mehr im näheren Umfeld der Mannschaft aufhalten.

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SPORT1: Sie klingen richtig angefressen beim Thema DFB.

Kompp: Ich habe es zuletzt ganz drastisch formuliert: Der DFB jagt uns in die Insolvenz. Ich werde natürlich versuchen, das zu verhindern, und muss mit Investoren sprechen, aber die politischen Corona-Hilfen greifen bei uns nicht. Wenn man als Unternehmen diese in Anspruch nehmen will, muss man die vergangenen drei Jahre im Durchschnitt Gewinn erzielt haben. Das greift bei fast keinem Fußballverein. Ich kenne keinen Klub, der Corona-Hilfen bewilligt bekommen hat. 

Hier hätte ich mir von unserem Verband nur halb so viel politischen Einsatz gewünscht wie beim Durchsetzen des möglichen Spielbetriebs. Wir sollen jetzt einen mittleren sechsstelligen Betrag investieren, um weiterzuspielen, haben aber keine Zuschauereinnahmen, das heißt pro Spiel entgehen uns knapp 200.000 Euro. Hinzu kommt, dass wir in Mannheim vielleicht gar nicht spielen dürfen, sprich wir haben elf Auswärtsspiele und noch mal weitere Kosten. 

SPORT1: Wieso das?

Kompp: Bei uns sitzen die Jungs noch Schulter an Schulter auf alten Holzbänken in der Kabine. Ich weiß nicht, wie das alles funktionieren soll. Da kann ich über schlaue Vorschläge von den anderen Vereinen, die VIP-Räume zu nutzen, nur lachen. Denn das zeigt mir, dass Sie das Konzept nicht komplett gelesen oder verstanden haben - oder soll ich jetzt binnen einer Woche Einzelduschen in die VIP-Räume bauen lassen?

SPORT1: Was wird jetzt passieren?

Kompp: Am Montag hat das DFB-Präsidium getagt und im Vorfeld wurde kommuniziert, dass das grüne Licht der Politik angeblich vorliegt. Eigentlich sollte am 26. Mai gespielt werden. Jetzt kam aber raus, dass die Politik noch kein grünes Licht gegeben hat. Es ist geplant, am 26. Mai zu starten, sollte die Politik bis dahin zustimmen. Wir versuchen nun, dieses Hygienekonzept irgendwie umzusetzen und müssten nach meinem Verständnis am kommenden Dienstag eigentlich in das Quarantäne-Trainingslager gehen und ein Hotel buchen, ohne zu wissen, ob es überhaupt notwendig ist - und ohne die vorher notwendigen Corona-Tests absolvieren zu können, da wir keinen Hygiene-Beauftragten haben.