Maik Franz startet mit dem 1. FC Magdeburg wieder in die 3. Liga
Maik Franz startet mit dem 1. FC Magdeburg wieder in die 3. Liga © Imago
Lesedauer: 10 Minuten

München und Magdeburg - Obwohl Magdeburg für einen Abbruch war, freut sich Maik Franz auf den Re-Start der 3. Liga. Welche Herausforderungen er sieht und welches Team ein Vorbild ist.

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Bei Maik Franz sind die Zweifel inzwischen der Vorfreude gewichen.

Am Samstagnachmittag geht es für den Leiter der Lizenzspielerabteilung des 1. FC Magdeburg und seine Mannschaft in der 3. Liga wieder los, der 1. FC Kaiserslautern ist zu Gast (3. Liga: 1. FC Magdeburg - 1. FC Kaiserslautern ab 14 Uhr im LIVETICKER).

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Dass er mit dem Zustandekommen der Saisonfortsetzung alles andere als glücklich war, daraus macht der ehemalige Bundesliga-Profi keinen Hehl. "Mir wurde das zu sehr schwarz-weiß gesehen", sagt der 38-Jährige rückblickend über die hitzigen Debatten der vergangenen Wochen.

Im SPORT1-Interview erklärt Franz, warum er sich jetzt auf den Re-Start freut, blickt auf die Herausforderungen des Mammutprogramms in den kommenden Wochen, und verrät, welches legendäre Team er als Vorbild für seinen FCM sieht.

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SPORT1: Herr Franz, am Montag hat der DFB-Bundestag beschlossen, dass in der 3. Liga wieder gespielt wird. Wie haben Sie die Entscheidung aufgenommen?

Maik Franz: Ich habe mir das gar nicht angeschaut, weil mir schon klar war, was kommt. Jetzt geht es wieder los und wir konzentrieren uns auf das, was vor uns liegt.

"Das werden viereinhalb brutale Wochen"

SPORT1: Bis zum 4. Juli sollen noch elf Spieltage absolviert werden.

Franz: Das werden viereinhalb brutale Wochen. Ich glaube, so etwas hat noch kein Drittligaspieler mitgemacht. Auch Trainer nicht. Das, was jetzt kommt, ist wie bei Champions-League-Teams. Bayern München kennt das, die Nationalspieler kennen das. Das kennt selbst ein normaler Bundesligaspieler nicht - und ein Drittligaspieler schon gar nicht. Vier englische Wochen hintereinander sind schon ein Brett.

SPORT1: ... und das ohne ordentliche Vorbereitung.

Franz: Das kommt noch dazu. Wir waren acht Wochen zuhause und sind jetzt seit eineinhalb Wochen im Gruppentraining, das für mich, ehrlich gesagt, eine bessere Beschäftigungstherapie war. Seit vier Tagen sind wir jetzt im Mannschaftstraining - und dann geht's mit elf Spielen in vier Wochen los.

SPORT1: Wie spielfit kann eine Mannschaft nach vier Tagen Teamtraining sein?

Franz: Alles, was ich jetzt sage, wirkt gleich wieder wie ein Suchen nach Ausreden. Jeder, der mal Fußball gespielt hat, kann sich das selbst ausmalen. Die Jungs hatten am Dienstag nach zehn Wochen zum ersten Mal wieder ein Elf-gegen-Elf in den Beinen. Doch eins ist klar: Jetzt geht der Blick nur noch nach vorn. Ein gutes Beispiel ist die dänische Nationalmannschaft von 1992: Die kamen acht Tage vor der EM als Ersatz für Jugoslawien aus ihrem Urlaub zusammen und sind überraschend Europameister geworden. Ich habe mir kürzlich eine Doku dazu angeschaut, weil es mich interessiert hat, und wir uns in einer ähnlichen Situation befinden.

Aus dem Urlaub zum EM-Titel: Dänemarks Nationalteam 1992
Aus dem Urlaub zum EM-Titel: Dänemarks Nationalteam 1992 © Imago

SPORT1: Worauf wird es Ihrer Meinung nach ankommen?

Franz: Ich glaube, dass der Kopf entscheidend sein wird. Ob du jetzt eine Woche mehr auf dem Platz standest oder nicht, ist, denke ich, nicht ausschlaggebend. Am Ende wird die Einstellung zu der Gesamtsituation entscheiden. Hier brauchst du ein funktionierendes Team, auch im Team hinter dem Team. Das wird eine Riesenerfahrung für uns alle.

"In der 3. Liga hast du nicht die Riesenkader"

SPORT1: Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie?

Franz: Ich glaube, keiner kann wirklich einschätzen, was da auf uns alle zukommt. In der 3. Liga hast du nicht die Riesenkader. Wir werden kaum Regenerationsphasen haben. Es geht bam, bam, bam - Spiel auf Spiel auf Spiel. In vier Wochen dieses Pensum abzuliefern, kennen eigentlich nur internationale Top-Mannschaften. Hinzu kommen die aktuell steigenden Temperaturen, obendrein die Reisestrapazen für alle Mannschaften. Das wird total spannend zu sehen sein, wie jede einzelne Mannschaft das wegsteckt. 

SPORT1: Inwiefern wird sich das auf die Tabelle auswirken?

Franz: Ich glaube, es wird noch richtig was in der Tabelle passieren. Es gibt ja viele ambitionierte Mannschaften, die sich noch was ausrechnen. Und es sind nun mal noch elf Spiele zu spielen. 

SPORT1: Fast ein Drittel der Saison.

Franz: Elf Spiele von 38 Spieltagen ist viel. Es wurde ja teilweise der Eindruck erweckt, wir hätten nur noch drei Spiele zu absolvieren und sechs Punkte Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz. Dieser Eindruck wurde allen gegenüber vermittelt, die durchaus plausible Argumente gegen eine Fortsetzung vorgebracht haben. Gefühlt gab es nur noch die Abbruch-Befürworter und die, die weitermachen wollten - ohne weitere Unterscheidung. Mir wurde das zu sehr schwarz-weiß gesehen. Doch das ist Vergangenheit. Jetzt freue ich mich einfach nur noch auf die kommenden Spiele. 

SPORT1: Ihre aktive Zeit liegt etwas zurück, trotzdem können Sie als Ex-Profi vielleicht ganz gut einschätzen, was diese Situation auch für die Spieler bedeutet.

Franz: Als Spieler hast du jetzt die Riesenchance, innerhalb von wenigen Wochen große Eigenwerbung zu betreiben. Auch als Mannschaft kannst du jetzt etwas aufbauen, wofür du sonst mehrere Monate benötigst. Ich denke grundsätzlich immer positiv und freue mich darauf zu sehen, wie jeder Einzelne diese Situation annimmt. Gerade unter Druck zeigt sich der wahre Charakter.

Maik Franz spielte für Wolfsburg, den KSC (Bild), Frankfurt und Hertha in der Bundesliga
Maik Franz spielte für Wolfsburg, den KSC (Bild), Frankfurt und Hertha in der Bundesliga © Imago

Wieso der 1. FC Magdeburg für einen Abbruch war

SPORT1: Inzwischen freuen Sie sich auf die Spiele, der FCM gehörte aber auch zu den Vereinen, die für einen Saisonabbruch waren. Warum?

Franz: Unser Geschäftsführer Mario Kallnik hat sich dazu ausführlich geäußert. Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind ein Hauptargument. Aus sportlicher Sicht war und ist die Wettbewerbsgleichheit der entscheidende Punkt. Es wird uns ja gern als Rumjammern und Ausrede ausgelegt, nur halten wir doch bitte mal fest, dass das alles ganz anders aussähe, hätten alle eine annähernd gleiche Vorbereitungszeit. So weiß ich nicht, ob diese Voraussetzungen zu einem fairen Wettbewerb passen.

SPORT1: Ihnen wurde indirekt vorgeworfen, sich mit einem Saisonabbruch den Klassenerhalt sichern zu wollen.

Franz: Fakt ist: Wir haben uns an behördliche Vorgaben und die Regeln gehalten. Fakt ist auch: Wir sind Teil der Gesellschaft und stellen uns nicht über sie. Dass wir dafür angegangen wurden, fand ich schon sehr befremdlich und respektlos. 

SPORT1: Auch für die Drittligisten gilt das Hygienekonzept der Bundesliga und 2. Bundesliga. Was bedeutet das für Sie?

Franz: Wir sind die Woche mit einem Mannschaftsbus und fünf Kleinbussen zum Training gefahren. Für die Auswärtsspiele brauchen wir zwei Mannschaftsbusse, zudem ein Vorabkommando, das zum Hotel fährt und alles kontrolliert und so weiter. Das Hygienekonzept stellt für viele Drittligisten eine riesige Herausforderung dar. Viele Personen werden an ihre Grenzen stoßen. Unser Zeugwart zum Beispiel wird quasi rund um die Uhr im Einsatz sein. Es ist anders kaum zu schaffen.

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SPORT1: Das klingt nach vollem Einsatz.

Franz: Absolut, ein weiteres Beispiel sind unsere zwei Physiotherapeuten. Die Spieler waren neun Wochen zuhause und sind seit zwei Wochen im Training. Die beiden müssen folglich dauerbehandeln. Sie haben, glaube ich, noch nie so viel massiert und behandelt wie momentan und voraussichtlich in den kommenden Wochen. Die Wehwehchen und Verletzungen fangen ja gerade erst an. In dieser Situation müssen sehr viele Leute im ganzen Staff sehr flexibel sein. Wenn ich sehe, was diese Leute leisten und schlussendlich für ihren Einsatz erhalten, ist vor allem sehr viel Herzblut dabei. Diese Leute gehören zu den wichtigsten Personen in einem Verein, sind meistens auch schon viele Jahre dabei. Ohne diese Menschen und dieses Herzblut wäre das alles nicht machbar.

Franz erklärt Unterschiede zwischen Bundesliga und 3. Liga

SPORT1: Wie groß sind in solchen Bereichen die Unterschiede zu einem Bundesligaverein?

Franz: In der Bundesliga und auch in der 2. Liga ist die Größe der Staffs eine ganz andere. In den Vereinen stehen ja für die unterschiedlichsten Sachen zwei, drei Leute oder mehr zur Verfügung. Hier hast du, wenn es gut läuft, für jeden Aufgabenbereich eine Person, vielleicht mal zwei. Ich bin mir sicher, dass hier viele Vereine an Grenzen stoßen werden - und auch das sehe ich als einen Schlüssel zum Erfolg. Es geht nicht nur um die Jungs auf dem Platz, sondern auch um diejenigen drumherum.

SPORT1: Dazu gehören auch die Trainer.

Franz: Auch die Trainer werden in eine brutale Ausnahmesituation befördert. Spielvorbereitung, Spielnachbereitung, Training - das alles zu steuern und dabei immer das richtige Maß zu finden, um auch die Köpfe der Spieler nicht zu überfordern.

Trainer Claus-Dieter Wollitz und der FCM stehen vor dem Re-Start auf Platz 15 der 3. Liga
Trainer Claus-Dieter Wollitz und der FCM stehen vor dem Re-Start auf Platz 15 der 3. Liga © Imago

SPORT1: Der FCM hatte einen Antrag gestellt, erst nach zwei Wochen Teamtraining am 11. Juni wieder einsteigen zu dürfen. Diesen Antrag haben Sie Anfang der Woche zurückgezogen - wieso?

Franz: Auf dem Bundestag wurde die Regel aufgelöst, dass zwischen zwei Spielen mindestens 72 Stunden Pause sein müssen. Dadurch wäre es möglich gewesen, dass sie uns gesagt hätten: "Okay, wir geben eurem Antrag statt - dann spielt ihr halt vier Spiele in einer Woche." In Absprache mit der Mannschaft haben wir deswegen beschlossen, dass wir dann mit dem Nachteil von nur wenigen Tagen Mannschaftstraining eben am Samstag starten.

Europameister Dänemark 1992 als Vorbild

SPORT1: Inwiefern haben Sie die Mannschaft in den vergangenen Wochen insgesamt einbezogen?

Franz: Wir haben sie sehr viel einbezogen. Sie sind ja diejenigen, die am Ende auf dem Platz stehen und spielen müssen oder dürfen. Für mein Gefühl wurden die Spieler in den vergangenen Wochen viel zu wenig gefragt, wie sie denn die Situation sehen. Ich fand diesen Umgang schwierig. In Köln sagt ein Spieler seine Meinung, einen Tag später revidiert er diese. Jetzt können wir uns ja alle mal fragen, wie es dazu kam. Dieser Spieler hat eine Risikopatientin als Freundin. Dass er Bedenken äußert, ist logisch - und vor allem ist es menschlich. Die Reaktionen auf seine ersten Aussagen fand ich wirklich krass. Ja, das sind alles Profis - und dennoch sind es vor allem Menschen.

SPORT1: In der Bundesliga und 2. Liga läuft bisher alles weitgehend reibungslos. Macht Ihnen das auch Hoffnung für die 3. Liga?

Franz: In der 1. und 2. Liga hat es bis hierhin ordentlich funktioniert. Ob das jetzt ohne Zuschauer gut ist oder nicht, kann jeder für sich selbst beurteilen. Aktuell funktioniert es und die Spiele können ausgetragen werden. Wir werden alles tun, um unsere Spiele erfolgreich zu gestalten und als Gewinner aus der Nummer herauszugehen - wie halt die Dänen 1992. Die kamen aus dem Urlaub, haben ihr Danish Dynamite entwickelt und haben es gerockt. Im Sport ist alles möglich.