München - Samed Yesil ist eines der unerfüllten Versprechen im deutschen Fußball. Sein früherer Trainer Christian Ziege erklärt bei SPORT1, wie es zum Absturz des Stürmers kam.

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Die Liste der gescheiterten Wunderknaben im Fußball ist lang. Teenager, die früh für Aufsehen sorgten, um sich später als unerfüllte Versprechen zu entpuppen. Alphabetisch könnte man sie von (Freddy) Adu bis (Samed) Yesil ordnen. 

Eben dieser Samed Yesil ist nun bei Drittligist KFC Uerdingen gelandet. Dabei wurde der Stürmer einst gehypt wie kaum ein Zweiter und sogar schon mit Gerd Müller verglichen. Den Vorschusslorbeeren ließ der gebürtige Düsseldorfer bei der U17-Weltmeisterschaft 2011 dann auch Taten folgen. In sieben Spielen erzielte er sechs Tore, am Ende war Deutschland Vize-Weltmeister.

Für Leverkusens B-Junioren netzte Yesil in 24 Ligapartien satte 22 Mal ein, wurde für die letzten Begegnungen der Saison vorzeitig in den Kader der A-Junioren befördert. Yesil spielte seinerzeit im selben Jahrgang wie der heutige Nationalspieler Emre Can.

Alle Tore schienen für den Teenager offen, doch was folgte, war der stetige Absturz. Wie es dazu kam, erklärt Christian Ziege, Yesils damaliger U18-Nationaltrainer, im Gespräch mit SPORT1.

"Samed war damals ein toller Junge - bodenständig und unkompliziert", erinnert sich Ziege. "Ich habe ihn gemocht, er war ein überragender Stürmer, aber dennoch ganz normal." 

Ziege schwärmt von Yesil

Zwar sei sein damaliger Schützling kein Kombinationsspieler gewesen, doch "er hatte ein oder zwei überragende Qualitäten: er wusste ganz genau, wo er hin musste, wenn er in Tor-Nähe stand. Er war damals ein richtiger Stürmer nach dem Motto: 'Gib mir den Ball und ich mach ihn rein.'"

U19 Germany v U19 Wales - International Friendly
Samed Yesil (l.) in einem Länderspiel der deutschen U19 vom September 2012 © Getty Images

Genau deshalb war Yesil ein Überflieger - auch wenn Ziege sich erst an dessen Spiel gewöhnen musste.

"Am Anfang habe ich gedacht, dass so ein Stürmertyp für mich schwierig ist. Er hat es damals oft alleine probiert und ist dann hängen geblieben. Am Ende des Tages merkte ich, dass Samed nur das Tor im Sinn hatte, Mitspieler auch mal nicht beachtete. Aber er hat brutal geliefert. Und das hat mir unglaublich imponiert."

Wechsel zum FC Liverpool als Karriere-Knick

Im zarten Alter von 18 Jahren wagte Yesil dann den Sprung in die Premier League zum FC Liverpool - für Ziege der Hauptgrund für den abrupten Karriereknick. 

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"Für mich war der Schritt nicht nachvollziehbar. Man kann als Stürmer nicht zu den Reds in die Premier League wechseln, wenn man nicht die körperliche Verfassung dafür hat. Samed musste sich an alles Neue gewöhnen: die Sprache, das Land, das Tempo. Er war noch gar nicht bereit dafür", so der 46-Jährige, der 2000/2001 selbst an der Anfield Road spielte.

Dass der Angreifer 2012 überhaupt auf die Idee kam, von Leverkusen nach Liverpool zu wechseln, habe an Yesils zweifelhaften Umfeld gelegen, vermutet Ziege. 

"Ich glaube, dass viele Leute mit ihm ein Geschäft machen wollten. Er war sehr gutgläubig", blickt der frühere Liverpool-Profi zurück: "Man muss in diesem Alter sehr clever sein, um alles richtig filtern zu können und zu verstehen."

Samed Yesil (l.) spielt künftig für den KFC Uerdingen
Samed Yesil im Trikot des FC Liverpool © Getty Images

Zwei Kreuzbandrisse bremsen Yesil

Hinzu kam zu allem Überfluss dann auch noch Verletzungspech. Innerhalb kürzester Zeit erlitt Yesil zwei Kreuzbandrisse und kam danach nicht mehr richtig auf die Beine. Über den FC Luzern und Panionios Athen führte ihn der Weg nun nach Uerdingen. 

Endstation Krefeld - oder kann sich der Drittligist doch noch einmal als Sprungbrett erweisen? "Er ist erst 24, und wenn er an seine Stärken von damals anknüpfen kann, dann kann er es noch schaffen", glaubt Ziege.

Er hat einen Tipp für Yesil parat: "Ich würde ihm raten, dass er sich ganz stark an Mario Erb halten soll, weil der ein unglaublich intelligenter Führungsspieler ist. Mario kennt die 3. Liga und kann Samed sowohl auf dem Platz, als auch außerhalb unter die Arme greifen." 

Abschreiben solle man Yesil jedenfalls nicht. "Die Qualitäten hat er. Die muss er logischerweise wieder abrufen, er muss das Vertrauen vom Trainer bekommen. Und einfach spielen."

Damit sein Name aus dem Alphabet der gescheiterten Wunderkinder doch noch gestrichen werden kann.