Louisa Ramsaier ist zu Gast bei "Flutlicht an!" mit Autorin Mara Pfeiffer
Louisa Ramsaier ist zu Gast bei "Flutlicht an!" mit Autorin Mara Pfeiffer © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Privat/SPORT1/Imago
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München - Als Spielerin war für Louisa Ramsaier nach einem Kreuzbandriss Schluss, als Trainerin blieb sie Teil des "Zirkus Profifußball“. Sie spricht über Werte im Sport.

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Was macht die Begeisterung für Fußball im Kern aus? Ist es möglich, diesen Sport gleichzeitig zu lieben und zu kritisieren? 

Funktioniert es, sich beruflich mit ihm zu beschäftigen und seiner vom Zirkus geprägten Seite dennoch den Rücken zuzuwenden? Kann die spielerische Klasse eines Teams begeistern, wenn der entsprechende Verein auch kritikwürdig agiert?

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"Flutlicht an. Im Gespräch mit der Wortpiratin", der Podcast von Autorin Mara Pfeiffer auf SPORT1

Ramsaier hat dem Fußball den Rücken gekehrt

Louisa Ramsaier beantwortet diese Fragen für sich allesamt mit Ja. Dem aktiven Fußball hat sie als Spielerin einst ganz bewusst den Rücken gekehrt, dennoch bleibt der Sport für sie ein Lebensthema.

Besonders spannend findet die 26-Jährige die Frage: "Was kann Fußball leisten, um gerade Zielgruppen aus sozioökonomisch benachteiligten Lebenswelten zu erreichen, um seinen integrativen Charakter wirklich zu entfalten?"

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Das klingt zunächst vielleicht ein wenig steif, meint aber pragmatisch, den Fußball nicht (nur) als Wettkampfsport in den Blick zu nehmen, sondern als Mittel zum Zweck – und der lautet, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken.

Einen Ort, an dem sie auf diese Weise durch die Mittel des Fußballs wirken kann, hat Ramsaier bei der step stiftung gefunden, für die sie als Bildungsreferentin arbeitet. Der Sport steht hier für Wettkampf und Werte gleichermaßen.

Mit 17 reißt sich Ramsaier das Kreuzband 

Ramsaier wurde auch durch den eigenen Weg im Fußball sensibilisiert für dessen Ambivalenz. Als knapp Achtjährige schaut sie 2002 die WM und verkündet anschließend ihren Eltern, sie wolle spielen.

Die Mutter, als Handballerin häufig von Verletzungen geplagt, ist aus Sorge erst "wenig begeistert", unterstützt die Tochter aber bald. Die spielt mit den gleichaltrigen Jungs, später in Mädchenteams – und schafft es mit dem FV Löchgau bis in die 2. Liga.

Als ihr mit 17 das Kreuzband reißt, beginnt für Ramsaier ein Prozess, der mit der Erkenntnis endet, dass es für sie auf dem Platz nicht weitergeht. Ob es als Profispielerin gereicht hätte?

Das bewertet sie zurückhaltend. Die Entscheidung, den Schlussstrich zu ziehen, trifft sie aber bewusst. Im Fußball bleibt die Sportlerin zunächst aktiv, macht Trainerinnen-Scheine, arbeitet ein Jahr als Co-Trainerin der U15-Juniorinnen des SC Freiburg, wird DFB-Stützpunkttrainerin und freiberufliche Trainer*innen-Ausbilderin im Südbadischen Fußballverband.

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Ramsaier: "Entscheidender Faktor wird nicht beachtet"

Doch etwas passte nicht – heute kann Ramsaier präzisieren, was: Die Mischung aus dem rein sportlichen, auf Wettkampf und Körperlichkeit fokussierten Blick auf den Fußball auf der einen und der Wertevermittlung auf der anderen Seite ist für sie nicht ausgewogen.

Auch nicht in der Trainer*innen-Ausbildung, bei der die einstige Spielerin den Mix aus sportartspezifischen Inhalten und denen zu Werten auf 95 zu 5 Prozent schätzt, "wenn überhaupt".

"Das mag auch der Realität in vielen Vereinen entsprechen, aber aus meiner Sicht wird da ein entscheidender Faktor, nämlich eine gesunde und wirklich altersangepasste psychosoziale Entwicklung der Spieler*innen, einfach nicht beachtet."

Gerade in der Ausbildung zur Arbeit im Jugendbereich sieht sie das kritisch und bedauert, der echte Wert des Sports könne sich so nicht entfalten. Zudem sieht sie ein Missverständnis in der Argumentation, es fehle die Zeit für derartige Themen: Werte müssten aus ihrer Sicht ohnehin in allem gelebt werden.

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Ramsaier: Sensibilisierung ist ein Kernthema

In ihrer Stiftungsarbeit sieht die ausgebildete Trainerin Sensibilisierung als ein Kernthema. Welche Bilder haben Menschen im Kopf, wo können aus Kategorisierungen echte Vorurteile werden?

Ein anderer Fokus sind Schutzräume für Menschen, die vielleicht von klassischer Vereinsarbeit aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht angesprochen werden. Gerade für Kinder und Jugendliche soll die Wertevermittlung übrigens spielerisch laufen, nicht frontal an der Tafel, sondern mit Übungen, in denen ihnen Problemfelder wie zufällig bewusstwerden.

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Wenn nach einem Fehler bei der Aufwärmübung eine Person mit vom Feld muss, die selbst nicht gepatzt hat, empfinden die Kids das erstmal als unfair. Im zweiten Schritt lernen sie, wie wichtig es ist, füreinander einzustehen und Fehler gegenseitig auszubügeln.

Das gilt letztlich auch im Wettbewerb und hier zeigt sich, Werte und Wettkampf passen im Fußball eben gut zusammen. An der Vermittlung dieser Feststellung arbeitet Louisa Ramsaier mit Leidenschaft.