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Vor über 17 Jahren führt Waldemar Hartmann eines der legendärsten Interviews der deutschen Fußball-Geschichte. Bei SPORT1 spricht er über die Folgen und Joachim Löw.

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Am 6. September 2003 sorgte Waldemar Hartmann als Sportmoderator der ARD für ein Interview, das auch heute noch allgegenwärtig ist. 

Nach einem enttäuschenden 0:0 der deutschen Nationalmannschaft auf Island hatte der damalige Bundestrainer Rudi Völler im Gespräch mit Hartmann eine blitzsaubere Wutrede ausgepackt. Noch heute können viele Fußball-Fans einige Passagen dieses Interviews auswendig. 

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Legendär ist beispielsweise Völlers folgender Satz an Hartmann geworden: "Du sitzt hier bequem auf deinem Stuhl und hast drei Weizenbier getrunken." 

Über 17 Jahre später heißt der Gegner des DFB-Teams nun zum ersten Mal seit 2003 wieder Island. (WM-Qualifikation: Deutschland - Island, Donnerstag ab 20.45 Uhr im LIVETICKER)

SPORT1 hat vor der Partie mit Hartmann über sein legendäres Interview gesprochen. Hartmann äußert sich auch über den nächsten Bundestrainer und erklärt, was Xabi Alonso damit zu tun hat.

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SPORT1: Das letzte Gastspiel der deutschen Nationalmannschaft auf Island ist nun über 17 Jahre her - und damit auch Ihr legendäres Interview mit Rudi Völler. Werden Sie heute noch darauf angesprochen?

Waldemar Hartmann: Sie sind der Dritte, der heute anruft. Gestern waren es zwei. Zum 60. Geburtstag von Rudi war auch große Aufregung diesbezüglich - und immer dann, wenn ein Trainer in der Bundesliga aus der Reihe tanzt und keine Political Correctness an den Tag legt, dann gibt es Online die Hitparade. Also ja, ich werde oftmals darauf angesprochen, habe aber auch überhaupt kein Problem damit. Ich habe da eine Standard-Antwort: Fragen Sie mal Mick Jagger ob er Satisfaction noch hören kann. Das war der große Durchbruch der Rolling Stones und hat sich mit Sicherheit auch auf dem Konto bemerkbar gemacht. So war es bei mir auch, mit einem zehnjährigen Vertrag mit Paulaner als Weißbierbotschafter. 

SPORT1: Im Interview haben Sie damals gesagt, dass Sie gar kein Weißbiertrinker sind. Hat sich das geändert?

Hartmann: Ich trinke schon Weißbier, aber nicht vor einem Interview oder zum Frühstück. Ich trinke das wie normale Menschen auch - im Biergarten, zur Brotzeit oder mal nach dem Radeln. Ich trinke das eher zur Erfrischung.  

Teamchef Rudi Völler (re.) verteidigt wütend im Interview mit ARD-Moderator Waldemar Hartmann die dürftige Leistung seines Teams auf Island
Teamchef Rudi Völler (re.) verteidigt wütend im Interview mit ARD-Moderator Waldemar Hartmann die dürftige Leistung seines Teams auf Island © Imago

SPORT1: Sie sagen, dass Sie immer wieder mit dem legendären Interview konfrontiert werden, wenn ein Trainer aus der Reihe tanzt. Das passiert allerdings deutlich seltener als zu den Zeiten Ihres Völler-Interviews, oder? 

Hartmann: Die neue Generation gehört zu den Laptop-Trainern, wie mein Freund Mehmet Scholl sie mal bezeichnet hat. Sie haben den Fußball verwissenschaftlicht und da haben Emotionen offenbar wenig Platz. Früher sind das die Älteren gewesen und heute ist es eigentlich nur noch Rudi, wenn er sich mal über den Schiedsrichter aufregt. Von Trainern wie Hannes Wolf und Domenico Tedesco kann ich mir das schwer vorstellen. 

"Spieler müssen Raketenwissenschaften studiert haben"

SPORT1: Vermissen Sie die Zeit vor den Laptop-Trainern ein bisschen?  

Hartmann: Nicht nur ein bisschen und das geht mit Sicherheit allen so. Ich lebe im Jetzt und Heute und sage nicht, dass früher alles besser war. Wenn ich mir aber vorstelle, dass mir zu meiner Zeit ein Trainer die Antwort gegeben hätte, wie sie es vor einigen Wochen Robert Klauß vom 1.FC Nürnberg gegeben hat, dann hätte ich mich gefragt, ob ich in der Volkshochschule oder in einem Fußballstadion bin. Er hat im Interview von abdrehenden Zehnern und asymmetrische Linksverteidiger gesprochen. Ich war fassungslos, dass er auch noch das Gefühl hatte, dass diese Wissenschaftssprache die Grundlage für den Fußball ist. Fußball ist so einfach , ist aber immer komplizierter gemacht worden. Ich habe den Eindruck, dass weder die Zuschauer noch die Spieler selbst dem folgen können. Die Spieler müssen heute ja Raketenwissenschaften studiert haben, um damit einigermaßen zurecht zu kommen. Das Ergebnis sehen wir auf dem Platz. Wir klagen darüber, dass wir keine Straßenfußballer und keine 1:1-Fußballer mehr haben.

SPORT1: Wie ist es eigentlich zu dieser Entwicklung gekommen?  

Hartmann: Ich habe mit großen Augen festgestellt, dass Jogi Löw nach drei Jahren mal wieder Armin Younes entdeckt hat - und zwar nur, weil der ein bisschen dribbeln kann. Das ist doch ein Offenbarungseid für die Trainingslehre, für die ganz oben auch immer der Bundestrainer verantwortlich ist. Dass der Fußball so wissenschaftlich geworden ist, dass ist auch unter Jogi Löw entstanden und das ist heute unser Problem. Die Spieler werden schon mit 12 oder 13 Jahren in taktische Korsette gepresst. Und dann klagen sie in Dortmund plötzlich darüber, dass keine Spieler Verantwortung übernehmen. Aber wie sollen sie das denn überhaupt können? Sie haben ja nie Verantwortung übernehmen dürfen. Alle Spieler mussten immer in einem taktischen Konzept sein und wenn sie das nicht befolgt haben, dann waren sie raus aus der Mannschaft.

SPORT1: Das hört sich wie eine ganz eigene Blase an, die sich um den Profifußball gebildet hat… 

Hartmann: Das sowieso, das ist noch eine andere Geschichte. Heute kommen sie mit 16 Jahren mit einem Berater daher und wachsen in einer Parallelwelt auf, wenn sie in einem Nachwuchsleistungszentrum der großen Vereine sind. Da wird ihnen Puder in den Hintern geblasen, die Jungs wissen ja nicht einmal, wie man ein Auto anmeldet. Zu meiner Zeit habe ich den Klaus Augenthaler angerufen und habe ihn gefragt, ob man sich auf einen Kaffee oder auch ein Weißbier trifft. Heute ist das für die Kollegen gar nicht mehr möglich. In der Mixed Zone wird gnädigerweise für ein paar Minuten Hof gehalten - nach Niederlagen eher weniger. Interviews werden vom hauseigenen Sender geführt, dreimal chemisch gereinigt. Da kann ja nur meist ganz dünne Luft dabei herauskommen.

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Hartmann über sein Verhältnis mit Völler

SPORT1: Welchem Spieler oder Trainer würden Sie heute denn noch eine emotionale Rede oder sogar eine Wutrede zutrauen? 

Hartmann: Es gibt da schon noch ein paar. Baumgart in Paderborn ist zum Beispiel einer der Abteilung Werner Lorant, der Klartext spricht. Marco Rose macht das auch, die gehören aber ja auch schon wieder zur älteren Generation. Die jüngeren sind die Generation Laptop, ich frage mich aber, ob es die überall braucht. Ich bin mit Rudi gut befreundet, aber seine Entscheidung jetzt, Hannes Wolf als Trainer zu holen hat mich beispielsweise ratlos zurückgelassen. Dass er Peter Hermann hinzunimmt bedeutet, dass er ihm diese Aufgabe alleine eigentlich gar nicht zutraut. Das sind so Dinge, die ich nicht verstehe. Auf der anderen Seite zeigt sich der Teufelskreis bei Markus Gisdol, der immer wieder einen Klub findet. Nichts persönlich gegen ihn, aber der ist doch nirgends mit Blumenstrauß und Blaskapelle verabschiedet worden. In Köln an der Sporthochschule entlassen sie jedes Jahr 20 ausgebildete Fußballlehrer und die Klubs kommen immer wieder auf Leute wie Gisdol. Das ist ein wenig seltsam. 

Waldemar Waldi Hartmann mit Ehefrau Petra Hartmann bei deren Promotionsfeier in Berlin
Waldemar Waldi Hartmann mit Ehefrau Petra Hartmann bei deren Promotionsfeier in Berlin © Imago

SPORT1: Sie haben Ihr Verhältnis zu Rudi Völler angesprochen. Sie sind also gut befreundet? 

Hartmann: Ja, wir haben ein wunderbares Verhältnis. Ich wohne jetzt in Leipzig und beim letzten Fußballspiel, das ich live gesehen habe - vor ziemlich genau einem Jahr - hatte mich Bayer beim Gastspiel in Leipzig eingeladen. Da saßen wir bis spät abends an der Hotelbar zusammen und haben über alte Geschichten gesprochen. Zuletzt habe ich noch öfter mit Rudi telefoniert, weil wir eine Anfrage für einen Werbevertrag hatten, um die alte Geschichte nochmal nachzuspielen. Er hat aber abgesagt, weil er damit nichts mehr zu tun haben will. Ich versuche ihm seit fast 18 Jahren zu erklären, dass er durch das Interview noch populärer und beliebter geworden ist, er lässt sich da aber nicht erweichen und will das lieber aus seinem Gedächtnis streichen.

Nationalspieler Rudi Völler (li., Deutschland) wird 1994 von Waldemar Hartmann interviewt
Nationalspieler Rudi Völler (li., Deutschland) wird 1994 von Waldemar Hartmann interviewt © Imago

SPORT1: Das Interview ist bei den Gesprächen also tabu?

Hartmann: In der Geschichte können wir uns nichts mehr erzählen. 

"Der DFB wird auf jeden Fall das Gespräch mit Flick suchen"

SPORT1: Zurück zur deutschen Nationalmannschaft. Wer ist für Sie am besten für die Nachfolge von Joachim Löw als Bundestrainer geeignet?

Hartmann: Am besten geeignet ist für mich Hansi Flick. Er kennt den DFB in und auswendig und ist der erfolgreichste deutsche Trainer, der in Deutschland tätig ist. Er kennt die halbe Mannschaft, welche er in der Nationalmannschaft hätte, von den Bayern. Mit denen arbeitet er offensichtlich sehr erfolgreich. Ich bin in der Sache bei Matthias Sammer. Wenn Oliver Bierhoff sagt, dass sie keinen Trainer ansprechen wollen, der einen Vertrag hat, dann bedeutet das in der Konsequenz, dass sie einen arbeitslosen Übungsleiter verpflichten. Das ist doch kein Zeichen für den deutschen Fußball. Der Fußball ist ein Geschäft, da muss man sich nur Marco Rose und Fredi Bobic ansehen. Der DFB braucht den besten Trainer und der wird vermutlich gerade nicht auf der Couch sitzen und nix tun.

SPORT1: Glauben Sie daher, dass sich der DFB nicht an diese Erklärung halten wird? 

Hartmann: Sie werden auf jeden Fall ein Gespräch mit Flick suchen. Was soll Karl-Heinz Rummenigge denn anderes sagen als dass sie ihn nicht freigeben. Wenn er sagt, dass er ihm keine Steine in den Weg legt, dann ist Flick eine Lame Duck. Das macht zwar die Bundesliga spannender, aber nicht im Sinne des FC Bayern.

Hartmanns These: Xabi Alonso folgt auf Flick bei Bayern

SPORT1: Sie glauben also, dass Flick auf Löw folgen wird? 

Hartmann: Ich habe mich gefragt, warum von heute auf morgen nichts mehr über Gladbach und Xabi Alonso zu hören war. Rummenigge hat im September das höchste Loblied über Xabi Alonso gesungen. Er hat in einem Interview davon gesprochen, dass er in der Ferne auch einmal ein Trainer für die Bayern sein könnte. Ich kann mir vorstellen, dass es ein Telefonat zwischen den Bayern und Alonso gab, wo sie gefragt haben: "Was willst du eigentlich in Gladbach, du bist unser Mann, wenn der DFB Flick holt." Ich halte das für eine extrem aufregende Geschichte und für nicht unmöglich. 

Trainer Waldemar Hartmann bei einem Spiel der Paulaner Traumelf mit Philipp Lahm und Xabi Alonso
Trainer Waldemar Hartmann bei einem Spiel der Paulaner Traumelf mit Philipp Lahm und Xabi Alonso © Imago

SPORT1: Ihr Tipp ist demnach folgender: Xabi Alonso folgt auf Flick und Flick auf Löw?

Hartmann: Ganz genau. Xabi Alonso wird Bayern-Trainer, wenn Flick zum DFB geht. Es hat mich einfach stutzig gemacht, dass die Gespräche plötzlich abgebrochen wurden - und zwar ohne Begründung. Da denke ich mir, dass da etwas passiert sein muss. Ich glaube Max Eberl hatte die Idee und die Bayern haben sich gedacht: "Halt, das ist ja die Lösung!"