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München - In seiner SPORT1-Kolumne kritisiert Marcel Reif das "Making-of"-Video zu der Aktion der Nationalelf scharf - und beurteilt die Führungskrise beim DFB.

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Hallo Fußball-Freunde,

die Shirt-Aktion der Nationalmannschaft für "Human Rights" hat einigen Wirbel ausgelöst - noch mehr, als hinterher mit einem "Making-of-Video" nachgelegt wurde.

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Dazu zunächst einmal: Die Aktion selbst war toll. Mir ist es egal, was da im Netz teilweise für Erwartungen geäußert werden, dass da Kritik geübt wird, dass das keine spontane Aktion gewesen sei und damit angeblich weniger wert. Was glauben diese Leute denn? Die deutschen Spieler haben doch keinen Malkasten im Zimmer - und die Norweger hatten ihr T-Shirt auch nicht unterm Bett liegen. Natürlich muss so was organisiert werden.

Was mich aber trotzdem stört, ist, dass die Sache zu Marketing-Zwecken zu sehr ausgeschlachtet wird. Mir reicht die Aktion im Stadion - und durch diesen Making-of-Film wird sie beschädigt.

Es geht hier nicht um Autowerbung, es geht um eine Sache, die den Spielern am Herzen liegt. Damit ist es gut. So wie der DFB danach überdreht hat, verwässert und beschädigt er das Ganze. Man würde sich ein bisschen mehr Timing und Gespür wünschen.

Es ist unprofessionell, aus dieser Geschichte einen Hochglanz-Film zu machen, diese Form von Marketing erreicht den gegenteiligen Effekt. Wenn ich Spieler und einer der Treiber dieser Aktion wäre, hätte ich mich herzlich bedankt.

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Ein anderes Thema, das in der Länderspielwoche hohe Wellen geschlagen hat: Uli Hoeneß hat in seiner neuen Aufgabe als RTL-Experte heftig gegen den DFB ausgeteilt.

Ich sah das zwiespältig: Manche Dinge waren faktisch fragwürdig, in vielen Punkten hat er mir aber aus der Seele gesprochen.

Diese ganze Grundidee, dass der DFB-Präsident jetzt eher repräsentativ wirken soll: Das ist doch eine schwachsinnige Überlegung. Soll Fritz Keller den Frühstücksdirektor machen?

Natürlich hat einer wie Keller einen Gestaltungsanspruch, und das hat dazu geführt, dass er den absurden öffentlichen Konflikt mit Generalsekretär Friedrich Curtius, der auch starker Mann sein will, nicht vermeidet, um es mal so zu sagen. Was da gelaufen ist, ist Schmierentheater. Der DFB muss da, wo es personell nicht funktioniert, die Zuständigkeiten klären und Personen austauschen. Sonst macht er sich irgendwann überflüssig.

Das muss zügig passieren - und natürlich muss das Keller von oben machen. Er kann ein guter Präsident sein, aber er hat viel zu viel laufen lassen. Es war nicht die glücklichste Amtszeit.

Löw hat sich selbst gestärkt

Sportlich wirkt die Nationalmannschaft für mich auf gutem Weg, der angekündigte Rücktritt von Joachim Löw nach der EM wirkt wie ein Befreiungsschlag. Seit er gesagt hat "das war's", handelt er völlig frei.

Wenn Toni Kroos besser in Form ist als ein anderer, wird er ihn aufstellen. Wenn Thomas Müller in Form ist, wird er ihn mitnehmen. Es geht nicht mehr um einen Umbruch, es geht um das, was er jetzt für richtig hält. Das gibt ihm eine Stärke und eine Klarheit, die es vorher nicht gab. Löw war in den Strukturen gefangen, die er sich selbst verordnet hatte.

Löw ist die unlahmste Ente, die ich je erlebt habe

Normalerweise sagt man, wenn ein Trainer seinen Abschied bekannt gibt, wird er zu einer "Lame Duck". Löw ist aber die unlahmste Ente, die ich je erlebt habe.

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Das hilft ihm auch bei der ewigen Diskussion um Thomas Müller. Es gibt ihm die Option zu sagen: "Thomas, ich würde dich gern mitnehmen. Ich sehe auch, was du kannst, und dass du uns jederzeit hilfst. Wenn ich entscheide, dass es passt, dann spielst du. Wenn ich aber entscheide, du spielst nicht, dann spielst du nicht. Ist das okay für dich? Dann hole ich dich."

Ich bin überzeugt, dass Löw Mats Hummels mitnehmen wird, wir haben keinen besseren Innenverteidiger. Thomas Müller braucht er für das Gebilde und als Option. Auch ihn wird er daher mitnehmen. Außer Müller fordert eine Stammplatzgarantie, wie es früher in der Nationalmannschaft öfters der Fall war. Dann eben nicht. 

Löw hat nichts mehr zu verlieren - und das ist gut so.

Bis demnächst,
Euer Marcel Reif

Marcel Reif ist nach rund 1.500 kommentierten Spielen eine Reporter-Legende. Für seine Arbeit erhielt Reif unter anderem den "Grimme Preis", den "Deutschen Fernsehpreis" und den "Bayerischen Fernsehpreis". Seit Sommer 2016 begleitet Marcel Reif als Experte den CHECK24 Doppelpass auf SPORT1.