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Frankfurt am Main - 1.000 Tage arbeitet Adi Hütter nun als Trainer der Eintracht. Stéphane Chapuisat zeigt sich wenig überrascht von der Entwicklung seines früheren Kollegen.

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Stéphane Chapuisat ist seit 2008 bei Young Boys Bern in unterschiedlichen Positionen tätig. Der frühere Bundesligastürmer (106 Bundesliga-Tore für Uerdingen und Dortmund) und aktuelle YB-Chefscout hat somit auch die Ära Adi Hütter drei Jahre lang aus nächster Nähe miterlebt.

Im Mai 2018 holte Hütter mit Bern den ersten Meistertitel seit über 30 Jahren und verließ den Klub als großer Triumphator in Richtung Eintracht Frankfurt.

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Hütter hatte einen Stotterstart in Frankfurt

Der nächste Karriereschritt des 51 Jahre alten Vorarlbergers startete am 1. Juli 2018. Die Voraussetzungen? Alles andere als günstig. Die Hessen waren gerade mit dem zum FC Bayern München abgewanderten Niko Kovac DFB-Pokalsieger geworden, die Anhängerschaft befand sich im Freudentaumel, die Hälfte der Mannschaft war noch bei der Weltmeisterschaft in Frankreich aktiv und so lief das Projekt Eintracht Frankfurt eher schleppend an. 

Die ersten Einheiten wirkten auf Beobachter noch chaotisch, Spieler und Coach mussten sich annähern und kennenlernen. Die Frankfurter hatten einen Umbruch zu meistern. Mit Kevin-Prince Boateng ging der Leader von Bord, Marius Wolf zog zu Borussia Dortmund weiter, Publikumsliebling Lukas Hradecky zog es weiter nach Leverkusen.

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Der Start missglückte völlig, der von Hütter angekündigte "begeisternde Fußball" war in den ersten 180 Minuten auch im Ansatz nicht zu erkennen. Gegen die Münchner gab es beim Debüt im deutschen Supercup-Finale eine deftige 0:5-Schlappe, im DFB-Pokal schieden die Hessen als Titelverteidiger in der ersten Runde in Ulm aus. Rumms! Sollte die Zeit von Hütter etwa schon nach wenigen Monaten wieder vorbei sein?

1.000 Tage im Amt: Nur Kohfeldt und Streich übertreffen Hütter

Die Antwort lautet kurz und knapp: nein. Der Österreicher fand sich in neuer Umgebung schnell zurecht, brachte seine Ideen durch und ist nun seit 1.000 Tagen im Amt – nur Florian Kohfeldt (1.232 Tage in Bremen) und Christian Streich (3.375 Tage in Freiburg) stehen in der Bundesliga noch länger an der Seitenlinie.

Die Debütsaison von Hütter endete mit einer knapp verpassten Champions-League-Qualifikation in der Bundesliga auf Rang sieben, im Europa-League-Halbfinale scheiterte die Eintracht dramatisch am FC Chelsea. Es folgten ein Jahr später Platz neun und DFB-Pokal-Halbfinale, aktuell beißt sich das Team erneut in der Region Königsklasse fest - eine Erfolgsstory!

Chapuisat traut Hütter irgendwann "einen Topklub zu"

"Ich war von Beginn an überzeugt davon, dass er die Aufgabe bei der Eintracht meistern kann", sagte Chapuisat bei SPORT1. "In dieser Saison spielen sie höchst erfolgreich und attraktiv, und das zeigt auch Adis Qualitäten. Ich traue ihm zu, dass er irgendwann einen absoluten Topklub führen kann. Auch von seiner Spielidee her ist das sicherlich möglich", so der frühere Stürmer.

Aktuell ist von einem Abgang aus Frankfurt aber nicht auszugehen, Hütter positionierte sich zuletzt deutlich. "Sie haben mit ihm eine super Zeit, auch wenn es zwischendurch immer mal ein paar schwierige Momente gab", stellte Chapuisat fest.

Genau in diesen holprigen, unruhigen Phasen zeigte sich eine große Stärke von Hütter, der dann taktische und personelle Veränderungen vornahm, Ruhe bewahrte und somit Flexibilität zeigte.

Zuletzt stand er im Herbst nach einer längeren Unentschieden-Serie in der Kritik, der Gegenwind wurde rauer, die Unzufriedenheit beim Anhang größer. Doch wieder gelang ein Kniff, die Umstellung auf zwei Spielmacher entpuppte sich als Coup.

Nur Dietrich Weise war noch erfolgreicher

Die Hütterschen Maßnahmen griffen meist zügig, der Vertrag wurde im vergangenen Sommer folgerichtig bis 2023 verlängert.

Der Punkteschnitt gibt ihm recht: Von den Trainern, die über 100 Pflichtspiele betreuten, war nur noch Dietrich Weise (1,77 im Schnitt) erfolgreicher als Hütter (1,65). Hütter hatte die Verantwortlichen um Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner als Krisenmanager und Spieler-Entwickler überzeugt.

"Adi ist ein Trainer, der nach vorne spielen will. Offensiv, mit viel Risiko, er will Spiele mit seinem Offensivdrang gewinnen. Diese mutige Herangehensweise zeichnet ihn aus. Er fordert von seiner Mannschaft, dass sie früh angreift, ins Gegenpressing geht und viele Torchancen kreiert, was natürlich ganz im Sinn der Fans ist", erklärte Chapuisat. Er betonte: "Hütter gewinnt lieber 4:3 statt 1:0."

Vor allem Angreifer wurden unter ihm stets besser, die Liste der Namen ist mit Luka Jovic, Sébastien Haller, Ante Rebic oder André Silva lang und prominent gefüllt. Chapuisat selbst hätte unter solch einem Coach wie Hütter wohl ebenfalls viel Freude gehabt: "Jeder Stürmer hat es gerne, wenn der Trainer offensiv spielen lässt. Es ist schön, wenn das Team nach vorne spielt und Spiele gewinnen will."

Unter Adi Hütter sorgte die Frankfurter "Büffelherde" um Luka Jovic, Sébastien Haller und Luka Jovic für Furore
Unter Adi Hütter sorgte die Frankfurter "Büffelherde" um Luka Jovic, Sébastien Haller und Luka Jovic für Furore © Imago

Deshalb profitieren Angreifer vom Hütter-Stil

Es ist die Spielweise, mit der Hütter in Frankfurt zunächst die Büffelherde entwickelte und aktuell auch wieder in anderer Zusammensetzung mit Daichi Kamada, Filip Kostic, André Silva und Amin Younes Erfolg hat. Umschaltspiel, früh den Druck erhöhen, kurze Wege zum Tor: "Wenn man sich den Ball dann weiter vorne erkämpft, dann kommt der Stürmer ganz schnell zum Abschluss."

Hütter macht Profis aber auch besser, weil er ihnen in dem Moment die Hand reicht, wenn sie am Boden liegen. "Ich bin kein Trainer, der ein Freund von den Spielern ist. Ich bin aber weit entfernt davon, ein Feind von ihnen zu sein", erklärte er seine Mixtur häufiger. Fußballerischer Stil und Führung der Spieler – beides kommt gut an am Main.

Durm, Kostic, Sow: Drei prominente Beispiele, die Hütter aufgebaut hat

Die drei prominentesten Beispiele dafür lauten Erik Durm, Filip Kostic und Djibril Sow. Durm war im vergangenen Sommer beinahe weg und lange Zeit chancenlos.

Doch vor dem Spiel gegen Leipzig schenkte ihm Hütter, basierend auf starken Trainings- und Testspielleistungen, das Vertrauen. Der damals noch "abgestürzte" Weltmeister nutzte seine Möglichkeit und erkämpfte sich einen Stammplatz.

Kostic kam nach Abstiegen mit dem VfB Stuttgart und Hamburger SV kritisch beäugt am Main an. Nach 69 Torbeteiligungen in knapp drei Jahren ist der Serbe Schlüsselspieler, er wird genauestens von anderen Mannschaften beobachtet.

"Filip kam nicht mit großen Vorschusslorbeeren zu uns. Im Gegenteil: Er war in der untersten Schublade. Heute muss ich sagen: So, wie ich ihn kennengelernt habe, ist er in der obersten Schublade", sagte Hütter bereits im Frühjahr 2019. Die Karriere von Kostic hat erst bei der Eintracht Fahrt aufgenommen.

Chapuisat freut sich über Sow-Entwicklung

Sow wechselte als Wunschspieler von Hütter aus Bern zur Eintracht. Der Schweizer tat sich in der ersten Spielzeit aus diversen Gründen schwer. Körperlich baute er nach ordentlichem Start ab, am Ende reichte es auch mental nicht mehr.

Sow musste sich zu Saisonbeginn hintenanstellen, doch der Nationalspieler nutzte seine Chance und zählt im zentralen Mittelfeld inzwischen zu den besten Spielern in der Bundesliga. "Djibril hat die Stärke, dass er nicht nachlässt. Er ist wieder in Form gekommen, seine Entwicklung macht uns große Freude", zeigte sich auch Chapuisat angetan.

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Hütter vertraut seinen Mitarbeitern

Hütter weiß in diesen Momenten, wie er seine Spieler und Mitarbeiter an die Hand nehmen muss. Mit Co-Trainer Christian Peintinger pflegt er ein enges, vertrauensvolles Verhältnis. Auf die Erfahrung von Qualität von seinem zweiten Co-Trainer Armin Reutershahn will er ebenfalls nicht verzichten.

"Adi versteht es glänzend, die Leute mitzunehmen, zu begeistern und auf die gemeinsamen Ziele einzuschwören. Das Trainerteam hilft ihm dabei, dass der Draht zu den Spielern so gut bleibt", lobte Chapuisat und nannte die Schlüsseleigenschaft: "Das gegenseitige Vertrauen ist ohne Wenn und Aber da – und das ist sehr wichtig." 

Chapuisat traut Eintracht die Champions League zu

Chapuisat hob die menschlichen Aspekte positiv hervor: "Adi verlangt viel auf dem Platz und ist konsequent. Aber er hat auch eine sehr menschliche Seite. Das sind dann die Momente, in denen er sich für seine Spieler und Mitarbeiter Zeit nimmt und mit ihnen ausführlich spricht."

Dann kann es auch mal etwas entspannter zugehen: "Adi ist auch ein geselliger Mensch, wobei er ein feines Gespür dafür hat, wann welche Art passt. Dann hat es auch mal Platz für ein paar Lacher."

Führt diese gesunde Mischung in dieser Saison zum Einzug in die Champions League? Dieser Schritt würde den Frankfurtern erstmals in der langen Vereinsgeschichte gelingen. "Es sieht gut aus für die Eintracht, aber die Bundesliga ist immer schwierig. Es sind noch acht Spiele", mahnte Chapuisat.

Doch chancenlos sieht er die Hessen vor dem Endspurt, der mit der Partie in Dortmund beginnt, keineswegs: "Die Eintracht hat sich eine gute Ausgangslage geschaffen, jetzt werden es spannende letzte Spiele. Insgesamt macht das Team aber einen sehr guten und stabilen Eindruck."

Es wäre wohl einer der größten Erfolge in der Karriere von Hütter.