SPORT1-Podcast: Flutlicht an - Eva-Lotta Bohle
SPORT1-Podcast: Flutlicht an - Eva-Lotta Bohle © SPORT1-Grafik: Imago / Getty Images
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Eva-Lotta Bohle ist seit ihren Kindertagen Fußballfan. Doch der Ort, an dem sie sich eigentlich so zuhause fühlt, hat ein Problem mit sexualisierter Gewalt.

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Content Warning: Im Text wird sexualisierte Gewalt und der Umgang damit beschrieben.

"Ich bin so richtig traurig" Als Eva-Lotta Bohle diesen Satz sagt, klingt das Gefühl nicht nur in den Worten mit, sondern auch aus ihrer Stimme. Es ist aber auch eine bittere Situation: Da spielt ihre Arminia aus Bielefeld nach über zehn Jahren endlich wieder in der 1. Liga – und die Fans sind nicht dabei.

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Klar: Es gibt in der aktuellen Phase Dinge, die wichtiger sind als Fußball. Der Konsens ist bei vielen Fans so eindeutig, dass man ihn vielleicht gar nicht ständig wiederholen muss. Dennoch ist da ein deutliches Vermissen zu spüren an den Wochenenden ohne Besuch im Stadion - und es reicht weit über die Spiele hinaus.

"Ich gehe wirklich jede Woche zum Stadion in Bielefeld, um einfach mal einen Blick auf die Süd zu werfen und vielleicht still und stumm eine kleine Träne zu vergießen. Und da merke ich einfach, das fehlt mir so unfassbar." Umso mehr, je länger die Phase mit den Geisterspielen dauert und je drängender die Frage wird, ob der Verein vielleicht am Ende nur eine Runde im Oberhaus dabei gewesen sein wird – und das die meiste Zeit vor (fast) leeren Rängen.

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Die Bielefelder Alm ist ihr Zuhause

Die Spiele schaut Bohle mit einer Freundin, die auch Arbeitskollegin ist, der Kontakt ist also ohnehin gegeben. Diese kleine Gemeinschaft ist ihr emotionaler Anker. Ausgeworfen hat die Kette der Vereinsliebe ihr Vater, angefangen hat alles mit einem Missverständnis. Als er der damals Fünfjähren nämlich sagt: "Wir gehen jetzt zur Alm" packt die für einen vermeintlichen Ausflug. Dann erlebt sie statt einer Wiese voller Kühe – einen Rasen voller Fußballer.

Das Stadion wird für Bohle ein Ort, an dem sie sich heimisch fühlt. Der Weg dorthin bedeutet, nach Hause zu kommen. Auf den Rängen kann sie "zu 90 Prozent sein, wer ich bin". Das war nicht immer so, denn wie viele gerade junge Frauen muss sie sich diesen Raum erst bewusst erobern. Fußball zu einem unbeschwerten, offenen und sicheren Erlebnis für Menschen aller Hintergründe zu machen, ist Bohle aus dieser Erfahrung heraus zum Anliegen geworden.

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Anfangen musste sie damit bei sich selbst. Nicht etwa, weil ihr die Sicherheit an diesem Ort von Beginn an fehlte, sondern, weil sie ihr genommen wurde. Im Februar 2020 besucht sie mit einer Kommilitonin, deren Vater und seinen Kollegen das Spiel des HSV in Hannover, wo sie Medienmanagement studiert. Auf dem Parkplatz wird sie mit anzüglichen Kommentaren angemacht und gefragt: "Hey, Süße, willste nicht mit uns mitkommen, da hast du bestimmt viel mehr Spaß."

"Eigentlich muss es reichen, wenn ich sage: Nein."

Bohle fühlt sich unwohl. Auf dem Weg zum Stadion folgen ähnliche Erlebnisse und ungewollte Berührungen. Erst als der Vater der Freundin sich nähert und einmischt, lassen die Männer sie in Ruhe.

"Eigentlich muss es reichen, wenn ich sage: Nein." Die 22-Jährige sagt diesen Satz ganz unaufgeregt, doch er ist zentral, weil an Orten, die traditionell eher mit einem überwiegend männlichen Publikum assoziiert werden, das Wort eines Mannes oft bis heute mehr Gewicht hat als das einer weiblich gelesenen Person. Und weil dieser Zustand nicht hinnehmbar ist.

Im Stadion gehen die Übergriffe – denn das sind es: Übergriffe – weiter. Dumme Sprüche, verbale Belästigungen, ungewollte Berührungen. Männer, die ihr in die Haare greifen. Bohle bleibt während der Partie auf ihrem Platz, holt kein Bier, geht nicht auf die Toilette, aus Angst, was dann passiert. Aus Angst, alleine zu sein mit der Situation. Rückblickend sagt sie: "Zum Glück war es helllichter Tag." Erst nach dem Spiel in ihrer WG atmet sie wieder richtig.

Die junge Frau beschließt, die Vorkommnisse öffentlich zu machen. "Ich musste das irgendwie verarbeiten." Und noch etwas treibt sie um: Wenn ihr nach all den Jahren in Stadien nicht klar war, an wen sie sie sich hätte wenden können, geht es anderen ebenso. Und daran muss sich etwas ändern. Nur, wenn Betroffene sich äußern, können Vereine aktiv werden und dafür sorgen, dass schützende Rahmenbedingungen und Anlaufstellen für Hilfe etabliert werden.

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Viel Zuspruch, aber auch Gegenwind

Bohle erfährt viel Zuspruch, aber auch Reaktionen, mit denen sie zu kämpfen hat. Und es gibt die Momente, in denen ein Gedanke sie trifft wie ein Streifschuss: "Eigentlich ist dir ja nichts passiert. Du hast keine körperlichen Spuren." Es steckt wohl auch der Anpassungsdruck hinter diesen Zweifeln am Wert der eigenen Erfahrung. Dazu kommen Männer, die ihr absprechen, was sie empfindet, ebenso wie Frauen, die sich fast schon brüsten damit, ihnen werde ständig an den Hintern gefasst im Stadion – und sie hätten damit kein Problem.

Bereut hat sie den Entschluss, ihre Geschichte zu erzählen, nie. Wie viel Mut dazu gehört, das spürt sie eher unbewusst, als vage Ahnung. Im Stadion fühlt sich Bohle nach wie vor Zuhause. Aber damit es eine dauerhafte Heimat für alle Menschen sein kann, ist noch viel zu tun. Eva-Lotta Bohle möchte Teil dieser Entwicklung sein. Sie ist überzeugt, der Fußball ebenso wie seine Klubs können dabei nur gewinnen, denn: "Wenn queer-feindliche Menschen, Sexisten und Rassisten sich nicht mehr mit Vereinen identifizieren können, ist das ein guter Schritt."