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Frankfurt am Main - Die Verteilung der TV-Gelder gleicht einem Drahtseilakt. Doch tatsächlich ist es DFL-Geschäftsführer Christian Seifert gelungen, einen Kompromiss zu finden.

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Rund dreieinhalb Stunden tagten die neun Präsidiumsmitglieder der Deutschen Fußball Liga (DFL) am Montag in Frankfurt am Main, bevor Geschäftsführer Christian Seifert die Verteilung der Medienerlöse bei acht Zustimmungen und einer Enthaltung für die Spielzeiten 2021/22 bis 2024/25 präsentierte.

Gleich vorweg: Die Coronavirus-Pandemie hat auch am Fußball keinen Halt gemacht. "Das, was wir letzte Saison mit fünf Heimspielen ohne Zuschauer hatten, war nur ein Lüftchen. Jetzt kommt der Sturm", kündigte Seifert an. Auch deshalb konnte die DFL "nur" noch 4,4 statt wie bislang 4,64 Milliarden Euro aushandeln.

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Überstehen der Krise und Planungssicherheit der Klubs im Mittelpunkt

Bereits im kommenden Sommer machen sich die Mindereinnahmen deutlich bemerkbar. Die Gesamterlöse für die 36 Klubs sinken im Vergleich zur aktuell laufenden Saison um 196 Millionen Euro auf 1,252 Milliarden Euro, auch in der Spielzeit 2024/25 wird mit 1,437 Milliarden Euro nicht mehr der aktuelle Auszahlungsbetrag von 1,448 Milliarden Euro erzielt.

Und dieses nationale TV-Geld musste nun in einer der "herausforderndsten" Situationen, die es wegen Corona derzeit wohl für alle Branchen gibt, gerecht verteilt werden.

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Dies geschieht auch in den kommenden vier Jahren in einem – wenngleich dynamischeren - Vier-Säulen-Modell, bestehend aus den Säulen Gleichverteilung (53 Prozent/50 Prozent ab der Saison 2023/24), Leistung (42 Prozent/43 Prozent), Nachwuchs (3 Prozent/4 Prozent) und Interesse (2 Prozent/3 Prozent). 

Dabei werden die Spielzeiten 2021/22 und 22/23 anders gewichtet als die Saisons 2023/24 und 24/25.

"Im Mittelpunkt stand das Überstehen der Krise und die Planungssicherheit für die 36 Klubs, schließlich kann es für den einen oder anderen eng oder sehr eng werden. Ich hatte von einem Sturm gesprochen und da sollte man nicht probieren, das Dach zu decken", erklärte Seifert scharf.

Seifert rechnet mit Milliarden-Schaden

36 Klubs zufriedenzustellen sei nicht möglich, weshalb nach ordentlichen Kompromissen gesucht werden müsse. Durch der Säule Gleichverteilung erhalten die Klubs vom gesamten Kuchen in den ersten beiden Jahren jeweils 53 Prozent und in den darauffolgenden Jahren jeweils 50 Prozent.

Ab der kommenden Spielzeit bedeute dies einen festen Betrag in Höhe von 24,7 Millionen Euro pro Bundesligist (insgesamt sieben Millionen pro Zweitligist). Insgesamt fließen damit, wie Seifert erklärt, "alleine in den ersten beiden Jahren 75 Millionen Euro mehr als bisher in die Gleichverteilung".

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Da Seifert mit Blick auf die Zeitspanne von März 2020 bis Sommer 2022 nicht mit Vollauslastung der Stadien und Problemen bei Zahlungen von Sponsoren rechnet, drohe den Klubs insgesamt ein Umsatzeinsturz in Höhe von zwei Milliarden Euro. Wirtschaftliche Stabilität, Sicherheit und Solidarität standen daher im Mittelpunkt der Verhandlungen.

Internationale TV-Gelder werden gerechter verteilt

Der Leistungsgedanke, der von 2021 bis 2023 mit 42 % und 2023 bis 2025 (wenn auch die Erlöse steigen) mit 43 % honoriert wird, kommt dennoch nicht zu kurz. Wie gehabt gibt es für die Klubs der 1. Bundesliga und 2. Liga zwei voneinander getrennte Fünf-Jahres-Wertungen mit dem Verhältnis 5:4:3:2:1, die aktuell laufende Saison wird am stärksten gewichtet.

Im internationalen Bereich (180 Millionen Euro) wurde laut Seifert zudem eine größere Gleichverteilung beschlossen, der Sockelbetrag von 25 auf 35 Prozent (davon fließen in den ersten beiden Jahren vier und anschließend noch drei Prozent in die 2. Liga) gesteigert. Dies seien, betonte der Geschäftsführer, "über 30 Prozent mehr als in der aktuellen Saison".

Da die 2. Bundesliga teilweise stärker mit den Folgen der Coronavirus-Pandemie zu schaffen gehabt habe, werde sie stärker berücksichtigt. Mit der Verteilung wollen man den Zweitligisten die Bildung von Kapitalrücklagen ermöglichen. Insgesamt, so stellte Seifert fest, könnten die Klubs in den beiden kommenden Spielzeiten 95 Prozent ihrer Einnahmen damit fest einplanen.

Interesse an Vereinen wird honoriert, Nachwuchsarbeit stärker belohnt

Ganz neu taucht die Säule Interesse auf. Anhand einer repräsentativen Analyse soll das Interesse der Anhänger an den Klubs der 1. Bundesliga und 2. Liga ermittelt werden.

So profitieren auch Traditionsvereine, die sich in einer schwierigen Situation befinden, wie etwa der FC Schalke 04 (3. Platz in dieser Wertung) oder der Hamburger SV (4.) - wenngleich diese Säule nur zwei beziehungsweise drei Prozent abwirft.

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Gestärkt wird auch die Nachwuchsarbeit, statt wie bislang nur zwei Prozent fließen ab sofort drei und später vier Prozent in diesen Bereich. Dabei geht es nicht mehr nur um die Ausbildung an sich, sondern auch um die gezielte Förderung. Je mehr Einsatzminuten ein Talent bis zum Ende des 23. Lebensjahres pro Saison sammelt, desto mehr Geld erhalten die Vereine, die den Spieler ausgebildet haben.

Mainz und Bielefeld zwiegespalten

Arminia Bielefeld kritisierte einerseits zwar in Person des kaufmännischen Geschäftsführers Markus Rejek per Twitter: "Es sind viele Punkte aus unserem Impulspapier berücksichtigt. Das zentrale Anliegen wurde aus unserer Sicht jedoch nicht mutig genug angegangen."

Auch Jan Lehmann, kaufmännischer Vorstand des FSV Mainz 05, war nicht vollumfänglich zufrieden: "Die Bundesligatabelle ist am Saisonende weitestgehend das Abbild der eingesetzten wirtschaftlichen Ressourcen der Klubs und nicht der wirklichen sportlichen Leistung. Es bedarf daher weiterer, nachhaltigerer Veränderungen im System Profifußball." 

Beide Klubs hatten sich zuvor mit dem FC Augsburg und VfB Stuttgart und weiteren Zweitligisten formiert, ein eigenes Strategiepapier ausgearbeitet und den Zorn der anderen 14 Bundesligisten zugezogen.

Immerhin: Reduzierung der Spreizung wurde erreicht

Andererseits teilte Rejek aber versöhnlich mit: "Die neue Ausrichtung ist ein kleiner Schritt in eine dringend notwendige Veränderung. Im Ergebnis konnte eine Reduzierung der Spreizung erzielt werden. Während der Erste der Bundesliga vorher fast das Vierfache des Bundesligaletzten erhalten hat, wird diese Spreizung nun auf knapp unter 3 gesenkt."

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Lehmann fügte ebenfalls an: "Sie geht grundsätzlich in die richtige Richtung und beinhaltet gute Aspekte, wie die stärkere Berücksichtigung der Nachwuchsarbeit oder des Interesses an den Klubs sowie die stärkere Gewichtung der Gleichverteilung. Insbesondere wird so die Spreizung bei der Verteilung der Medienerlöse zwischen Top-Klubs und kleineren Klubs innerhalb der Bundesliga reduziert, was auch das zentrale Anliegen des gemeinsam von insgesamt 14 Klubs unterzeichneten Schreibens war." Der Abstand zwischen dem FC Bayern und Bielefeld wird auf dem Papier immerhin geringer, ein erster Schritt ist somit getan.

Seifert fordert: "Spielergehälterfront" stärker in den Blick nehmen

Ob damit die erhoffte Spannung in den Wettbewerb Bundesliga zurückkommt? Das bleibt natürlich offen. Die Klubs werden in der Krise noch besser wirtschaften müssen, Seifert forderte vor allem mit Blick auf die Profis: "An der Spielergehälterfront wurde zu wenig gemacht!"

Insgesamt sieht der 51-Jährige die Liga aber auch für den internationalen Wettbewerb gewappnet, wie er auf Nachfrage von SPORT1 sagte: "Wir haben eine generelle finanzielle Stabilität. Ich war im März und bin auch jetzt noch davon überzeugt, dass wir besser durch die Krise kommen werden als andere Ligen, die ähnliche und teils noch größere Herausforderungen zu meistern haben."

Dies gilt es auch in Zukunft inmitten der Coronavirus-Pandemie weiter zu beweisen.