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Michael Ballack ist 2002 von Bayer 04 Leverkusen zum FC Bayern gewechselt. Vor dem Topspiel spricht der ehemalige Capitano über die brennendsten Fragen in beiden Klubs.

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Für den FC Bayern hat Michael Ballack in seiner Karriere 157 Pflichtspiele absolviert, zwei weniger für Bayer 04 Leverkusen. Auf beide Vereine hat der 44-Jährige noch immer einen Blick, das Topspiel am Samstag (Bundesliga: Bayer 04 Leverkusen - FC Bayern München, Sa., ab 18.30 Uhr im LIVETICKER) wird er verfolgen.

Im SPORT1-Interview spricht der ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft über die Situation beider Teams, die Super-Youngster Jamal Musiala und Kai Havertz, einen möglichen Bundestrainer Hansi Flick und die Zukunft von David Alaba.

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SPORT1: Herr Ballack, ist Bayer 04 Leverkusen in dieser Saison reif für einen Titel?

Michael Ballack: Ob Leverkusen reif dazu ist, lässt sich jetzt noch nicht beantworten. Denn es ist nicht mal Halbzeit in der Saison. Sie haben auf jeden Fall einen Lauf und machen vieles richtig. Sie spielen attraktiv und erfolgreich. Sie haben auch Spielglück, deshalb stehen sie oben. In der Europa League brauchen sie sich auch nicht verstecken. Je länger Leverkusen in der Bundesliga oben steht, desto mehr wird Peter Bosz den Fokus auf die Meisterschaft legen.

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SPORT1: Stolpert der FC Bayern am Samstag in Leverkusen?

Ballack: Leverkusen hat einen Lauf, die Bayern aber keinen Anti-Lauf. Sie haben das Triple gewonnen und hatten Verletzte. In diesem Fall ist die Motivationslage im Folgejahr immer eine andere als bei anderen Vereinen. Dass sie Punkte liegenlassen, ist auch ihrer Müdigkeit geschuldet. Kommt es aber zu Highlight-Spielen, werden die Bayern da sein. Deswegen sind sie am Samstag Favorit.

"Der Bayern-Kader war letztes Jahr gewachsener"

SPORT1: Ist den Bayern die Verteidigung des Champions-League-Titels mehr wert als die Meisterschale?

Ballack: Sie wollen Meister werden. Aber wenn man das acht Mal in Folge geschafft hat, wird es zur Normalität. So scheint es zumindest. Man muss daher die Motivation hochhalten mit einem Konkurrenzkampf im Kader oder diesen so zu ergänzen oder auszutauschen, sodass Motivation immer gewährleistet ist. Dass sich bei den Spielern eine mentale Belastung breitmacht, kann ich nachvollziehen. Aber sie spielen beim FC Bayern, weil sie erwiesenermaßen damit umgehen können. Der enge Terminplan und der kaum vorhandene Urlaub machen es aber nicht leichter.

SPORT1: Wird es in dieser Spielzeit einen anderen Meister als den FC Bayern geben?

Ballack: Vor allem in dieser Saison besteht für andere Mannschaften die Chance, in diese Vormachtstellung reinzustoßen und Bayerns Schwächen auszunutzen. Der FC Bayern hat für die Herausforderungen des Spielplans aber immer noch den besten und ausgeglichensten Kader in der Liga, von Position eins bis 20. Für Leipzig, Dortmund, Gladbach und Leverkusen macht es das nicht einfacher.

SPORT1: Ist der Bayern-Kader diese Saison schwächer als in der Vorsaison?

Ballack: Nein, der Kader im Vorjahr war aber in sich gewachsener. Wenn man neue Spieler wie Leroy Sané holt oder Marc Roca, muss man sie erstmal einbauen. Sie müssen auch die Mentalität im neuen Verein kennenlernen. Das geht nicht von heute auf morgen. Der Kader ist qualitativ weiterhin auf einem sehr hohen Niveau. Es sind aber noch nicht alle Spieler integriert.

Könnte Hansi Flick Bundestrainer werden?

SPORT1: Wird Peter Bosz unterschätzt?

Ballack: Nein, man kennt seine Vita und die Art, wie er Fußball spielen lassen will. Dafür gab es anfangs Kritik, weil die Balance zwischen Offensive und Defensive nicht gestimmt hat. Aber er hat seine Philosophie, die vom Verein unterstützt wird. Das zahlt sich aktuell aus. Es ist Kontinuität vorhanden. Das ist das Ziel von Leverkusen.

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SPORT1: Wird Hansi Flick Bundestrainer?

Ballack: Wer beim FC Bayern gute Arbeit leistet, wird immer ein Thema für andere Aufgaben sein. Viel mehr kann für Hansi Flick danach nicht kommen. Gäbe es zum richtigen Zeitpunkt für alle Seiten Bedarf, kann man über ihn als Bundestrainer reden. Vorher nicht. Er wirkt beim FC Bayern auch sehr happy. Man kann übrigens an einer Hand abzählen, welche deutschen Trainer für einen Bundestrainer-Posten in Frage kommen. Die meisten sind derzeit aber blockiert. Demzufolge ist Joachim Löw vielleicht noch im Amt.

SPORT1: Ist Florian Wirtz noch talentierter als Kai Havertz?

Ballack: Das lässt sich noch nicht sagen, denn Kai Havertz konnte auch ein paar Jahre reifen. Es ist Wirtz‘ erstes Jahr als Stammspieler. Dafür macht er es überdurchschnittlich gut. Er hat auch physisch gut aufgeholt und macht Fortschritte. Muskulär ist er schon absolut konkurrenzfähig. Wirtz ist ein anderer Typ als Havertz und kleiner. Trotzdem sucht er in der Box den Abschluss und ist torgefährlich. Havertz‘ Statistiken haben in seinem Alter aber seinesgleichen gesucht. Also: Vorsicht mit Vergleichen.

SPORT1: Sie mögen keine Geisterspiele. Schalten Sie wegen Jamal Musiala wieder häufiger den Fernseher an?

Ballack: Absolut. Er kam mit 16 Jahren von Chelsea. Er war damals ein Hemd und ist körperlich immer noch schmächtig. Er ist trotz seiner wenigen Körperlichkeit unheimlich schnell und beweglich. Er hat zudem ein außergewöhnliches Verständnis für Dribblings. Das sieht man deutlich. Seine Ballführung in der Offensive und seine Übersicht sind absolut herausragend. Da haben die Bayern mal wieder einen Spieler, der Druck auf die Etablierten machen kann.

Ballack: "Vereinswechsel von Alaba naheliegend"

SPORT1: Erwarten Sie mehr von Leroy Sané?

Ballack: Bei Bayern ist es schwieriger als in anderen Vereinen, den Erwartungen gerecht zu werden. Dort herrscht Druck und eine größere Konkurrenzsituation. Sané hat eine Top-Qualität, aber Anlaufschwierigkeiten.

SPORT1: Leidet die Leistung von David Alaba unter seinem Vertragspoker?

Ballack: Der Spieler hat alle Trümpfe in der Hand. Der Vertrag läuft aus, er kennt seine Situation und kann sie einschätzen. Es liegt nun an ihm. Aber was will er? Beim FC Bayern bleiben oder möchte er eine Luftveränderung? Das hätte er bereits kommunizieren können. Das hat er nicht getan, und insofern ist ein Vereinswechsel von Alaba naheliegend für mich. Sollte er bereits eine Entscheidung getroffen haben, dann dürfte ihn das alles nicht belasten. Dass so ein Vertragspoker medial begleitet wird, muss er einkalkuliert haben. Irgendwann sollte Alaba eine Aussage treffen, um für Klarheit zu sorgen. Je früher, desto besser. Rein sportlich ist er immer noch ein Topspieler, der seine Spielweise auf der Position des Innenverteidigers angepasst hat.

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SPORT1: Wie meinen Sie das?

Ballack: Er wird älter und hat Alphonso Davies neben sich. Man vergleicht beide indirekt immer noch miteinander. Davies ist ein sehr junger, außerordentlich schneller und dynamischer Spieler, der riesige Wege im Sprint zurücklegt. Das hat Alaba auch viele Jahre als Linksverteidiger gemacht. Vielleicht bewertet man die aktuellen Leistungen von Alaba daher im Moment differenzierter. Mit seiner Erfahrung und seinem linken Fuß spielt er hinten im Zentrum aber eine sehr gute Rolle. In der Spieleröffnung sehe ich seine Stärken. Er ist ein Top-Spieler auf hohem Niveau.

SPORT1: Muss Thomas Müller zurück in die Nationalmannschaft?

Ballack: Ich möchte das nicht bewerten, denn es ist die Entscheidung von Joachim Löw. Es ist aber nicht ungewöhnlich, dass drei qualitative Topspieler (Müller, Jérôme Boateng, Mats Hummels, d. Red.) vor allem mental besser regenerieren können und sich somit mehr auf den Verein konzentrieren und besser spielen können, wenn sie die Belastung der Nationalmannschaft nicht mehr haben. Joachim Löw wusste das bei seiner Entscheidung. Ich glaube, dass sich an seiner Entscheidung nichts verändern wird.