Für den Frauenfußball muss beim DFB noch mehr getan werden, kommentiert SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk
Für den Frauenfußball muss beim DFB noch mehr getan werden, kommentiert SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk © SPORT1-Grafik: Imago/SPORT1
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München - SPORT1-Chefredakteur Pit Gottschalk blickt zum 50. Jubiläum des Frauenfußballs beim DFB zurück - und nimmt den Verband auch heute noch in die Pflicht.

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Bis heute provoziert die Frage, wer vor fast fünf Jahrzehnten das erste Tor im Westfalenstadion in Dortmund geschossen hat, zu einer abendfüllenden Diskussion. Was feststeht: dass es eine Frau war, die am 2. April 1974 Punkt 18.18 Uhr das Führungstor zwischen TBV Mengede 08 und VfB Waltrop (1:2) erzielte. Aber ob es Margarethe Schäferhoff war, wie es die meisten Quellen nahelegen, oder doch Elisabeth Podschwadtke, lässt sich nicht mit letzter Bestimmtheit sagen.

Die Männerwelt hatte das Eröffnungsspiel des neugebauten Fußballtempels als Vorspiel abgetan, was sowohl die Geringschätzung der damaligen Zeit ausdrückte als auch zu keiner formalen Dokumentation der Spielstatistik zwang. So wurde Frauenfußball damals behandelt: Man konnte ihn nicht mehr verhindern, seit der DFB vier Jahre zuvor Frauen auf dem Fußballplatz offiziell genehmigt hatte - aber gebührend zelebrieren wollte man die neue Frauenpower auch nicht.

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Heute, exakt 50 Jahre nach dem DFB-Bekenntnis zum Frauenfußball in Deutschland, hat sich in der Wahrnehmung, dass Fußball keine reine Männersache mehr ist, einiges zum Guten gewendet. Das heißt umgekehrt nicht, dass alles gut ist. Auf seiner Website lässt der Verband keine Statistik zum Frauenfußball mehr aus, alles von den U15-Juniorinnen bis zur A-Nationalmannschaft ist dort detailliert zu finden. In der Realität ist der Weg zur Gleichberechtigung aber noch lang.

Brasilien: Gleiche Prämien für Frauen und Männer

In Brasilien zahlt der Verband zum Beispiel männlichen und weiblichen Spielern, die im Namen ihres Landes Siege feiern, inzwischen dieselben Erfolgsprämien. In Deutschland ist man schon froh, dass die Nationalspielerinnen nicht mehr mit einem Kaffeeservice abgespeist werden, wie es in den 80er-Jahren noch der Fall gewesen ist. 1981 hatte man sich nicht einmal dazu aufraffen können, eine eigene Nationalmannschaft zur ersten Frauen-WM nach Taiwan zu entsenden.

Die SSG Bergisch Gladbach 09, damals mit der charismatischen Spielertrainerin Anne Trabant-Haarbach die beste Frauenmannschaft im Land, sollte die deutschen Farben in Fernost vertreten. Schon an diesem Beispiel erkennt man heute noch, wie die alten Herren in der DFB-Führung damit haderten, dass ihr Sport auch von Frauen betrieben wurde. Die Erlaubnis zum Frauenfußball war am 31. Oktober 1970 in Travemünde nur unter strengen Auflagen erteilt worden.

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Frauen, die Fußball spielen, sollten "aufgrund ihrer schwächlichen Natur" ein halbes Jahr Winterpause einlegen. Das Archiv listet auf: Stollenschuhe waren verboten, die Spielbälle kleiner und leichter, die Pflichtspiele auf 70 Minuten begrenzt. Der ZDF-Sportjournalist Wim Thoelke kommentierte Spielszenen beim Frauenfußball mit dem legendären Satz: "Decken, decken - nicht Tisch decken!" Das alles ist keine fünfzig Jahre her.

"Team-Germany" holt WM-Titel 1981

Bergisch-Gladbach wollte sich damals das Taiwan-Abenteuer trotzdem nicht entgehen lassen und finanzierte die WM-Teilnahme aus eigener Tasche und mithilfe der örtlichen Stadtsparkasse. Es stand ja mehr auf dem Spiel als das Abschneiden bei einem Turnier auf der anderen Seite der Weltkugel. Es ging um: Wertschätzung, Anerkennung, Gleichberechtigung. Der WM-Sieg 1981 als "Team Germany" sollte ein historisches Ereignis in der Verbandsgeschichte werden.

Erst zu diesem Zeitpunkt, elf Jahre nach der mürrischen Freigabe von Travemünde, erkannte der DFB, dass Frauenfußball eine Bewegung ist und keine Zeiterscheinung. Im Nachhinein kann man wohlwollend argumentieren: besser spät als nie. Zwei WM-Siege feierte die Nationalmannschaft der Frauen seitdem, dazu acht EM- und einen Olympiasieg. 2011 fand die Weltmeisterschaft in Deutschland statt. Die nächste Bewerbung für 2027 läuft inzwischen. Der Push ist nötig.

Ja, die Zuschauerzahlen in der Frauen-Bundesliga waren schon vor der Corona-Krise überschaubar. Aber auch das gehört zur Wahrheit: Die Frauen des VfL Wolfsburg, inzwischen das Maß aller Dinge im deutschen Frauenfußball, spielten ihr Champions-League-Finale gegen Olympique Lyon (1:3) vor einem Millionenpublikum bei SPORT1. Im Ausland sind volle Stadien beim Frauenfußball längst keine Seltenheit; in Deutschland schon.

Eine Arte-Dokumentation zu jenem wegweisenden Taiwan-Abenteuer der SSG Bergisch Gladbach erzählt von einem hübschen Gedanken, den eine Spielerin angesichts der Begeisterung hatte, die man beim Empfang im Stadion 1981 erlebt habe. Die Heimat sei einem "wie ein Entwicklungsland beim Frauenfußball" vorgekommen. Von einem Entwicklungsland mag man heute nicht mehr sprechen. Aber der DFB hat noch immer einiges zu tun.

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