Werner Hansch wurde zur Reporter-Legende
Werner Hansch wurde zur Reporter-Legende © Imago
Lesedauer: 11 Minuten

München - Nach seinem Sieg bei "Promi Big Brother" spricht die frühere Reporter-Legende Werner Hansch schonungslos offen über seine Spielsucht - und sein früheres Leben.

Anzeige

Werner Hansch war rund 30 Jahre lang einer der bekanntesten und beliebtesten Sportreporter in Deutschland. Für viele Fans und Experten war er die "Stimme des Ruhrgebiets".

In den vergangenen zehn Jahren jedoch erlebte Hansch die Schattenseiten des Lebens. Der 82-Jährige berührte unlängst in der Reality-Show "Promi Big Brother" mit einer Beichte über seine Spielsucht die Zuschauer.  

Anzeige

Im SPORT1-Interview spricht Hansch ausführlich über seine Krankheit.

SPORT1: Herr Hansch, Glückwunsch zu Ihrem Sieg bei "Promi Big Brother". Wie viel von ihrem Preisgeld werden sie behalten können?

Werner Hansch: Das weiß ich noch gar nicht. Da muss erstmal eine Schlussrechnung gemacht werden. Eins ist sicher: Alles, was ich bei diesem Format verdient habe, geht zunächst zu 100 Prozent in meine Schuldentilgung, dafür gibt es ein professionelles Management mit meinem Steuerberater und meinem Anwalt, sie werden das alles regeln. Aber im Moment habe ich da noch keine Übersicht. Das wird auch sicher noch einige Tage dauern.

Meistgelesene Artikel
  • Fussball / Bundesliga
    1
    Fussball / Bundesliga
    Wie fit sind Bayerns Neuzugänge?
  • Fussball / Bundesliga
    2
    Fussball / Bundesliga
    Bayern schont Superstar gegen Köln
  • Tennis / ATP
    3
    Tennis / ATP
    Petition für Zverevs Ausschluss
  • Fussball / Bundesliga
    4
    Fussball / Bundesliga
    Schalker Negativserie geht weiter
  • Fussball / Bundesliga
    5
    Fussball / Bundesliga
    Watzke: Finanzlage wie ein Albtraum

SPORT1: Sie haben in Ihrer Dankesrede zuerst Ihre Anwälte und Steuerberater erwähnt. Normalerweise dankt man in so einem Fall der Familie und Freunden.

Hansch: Ich bin der Letzte einer Familie. Abgesehen von meinem Sohn, der aber nicht in Deutschland lebt. Von mir war keiner da. Da hatte ich auch keinen Anlass Jemanden besonders anzusprechen. Mir waren diese Menschen wichtig, die mir auf dem Höhepunkt meiner Krise beigestanden und geholfen haben. Sie wollte ich namentlich erwähnen. Und natürlich die anderen Teilnehmer von "Promi Big Brother 2020". da ging es auch sehr emotional zu, insbesondere auch die Menschen, die mit mir im Finale standen wie Kathy (Kathy Kelly, d. Red.) und Ikke (Ikke Hüftgold, d. Red.)

Strafanzeige als Wendepunkt

SPORT1: Wann haben Sie zum ersten mal realisiert, dass die Spielsucht Sie komplett im Griff hat?

Hansch: Das war relativ spät. Das begreift ja keiner, der dieser Sucht verfallen ist. Da braucht es einen wirklichen Wendepunkt, von dem es dann wieder in eine andere Richtung geht. Und dieser Punkt war bei mir die Strafanzeige, die Wolfgang Bosbach (CDU-Politiker, d. Red.) eingereicht hat - völlig zu recht. Ob es nötig war, dass die Anzeige an die Öffentlichkeit kam, darüber soll sich jeder sein eigenes Urteil bilden. Aber da hat es bei mir Klick gemacht und es wurde mir klar, dass ich in dieser Sucht gefangen bin und ich nicht mehr ich selbst war. Ich war fremd beherrscht. Der Verstand und der Wille waren weg und dann steckte ich mittendrin, das ist genauso wie bei einem Alkoholabhängigen.

SPORT1: Worauf haben sie gewettet?

Hansch: Ich bin ausschließlich über Pferde gestolpert. Pferde-Wetten. Nicht in Deutschland, sondern in Irland, England und in Frankreich. Ich wusste immer, welche die Sieger sind, die haben dann nur leider nicht gewonnen. Und so ging es für mich immer weiter da rein, ich verlor die Übersicht und die Einsätze wurden immer größer, bis alles weg war. Dann geht man auf die Suche, von wo man wieder ein paar Euro bekommt und ich hatte einen großen Bekanntenkreis, so dass es nicht allzu schwierig war, Leute zu finden, die mir vertraut und mir dann auch Geld geliehen haben. Das alles sind die Begleitumstände meiner Sucht.

Werner Hansch gewann die Promi-Ausgabe von Big Brother
Werner Hansch gewann die Promi-Ausgabe von Big Brother © Getty Images

SPORT1: Wann begann diese?

Hansch: Vor zehn Jahren. Ich war ganz unten, wo es nicht tiefer ging.

SPORT1: Wie hoch sind aktuell Ihre Schulden?

Hansch: Dazu kann ich leider keine konkreten Angaben machen. Aber nur soviel: Alles, was ich mir in den vergangenen Jahren angespart und aufgebaut hatte, ist weg. Oder anders ausgedrückt: Alles ist in diese tiefe Schlucht gefallen, die ich mit dieser Sucht erreicht habe.

SPORT1: Wie groß ist ihre Angst vor einem Rückfall?

Hansch: Das muss unter allen Umständen vermieden werden, deshalb bin ich ja in einer psychologischen Therapie. Und ich bin auch bei einer Gemeinschaft angemeldet, die sich "Anonyme Spielsüchtige" nennt. Da treffen sich Menschen mit derselben Krankheit. Jeder erzählt seine Leidensgeschichte, das ist eine tolle Ergänzung zu meiner Therapie. Ich bin relativ zuversichtlich sagen zu können, dass ich keine Entzugserscheinungen mehr habe. Ich leide momentan nicht darunter, dass ich nicht wetten kann. Nicht wie ein Alkoholsüchtiger, der unruhig wird, wenn er morgens nicht seine Ration bekommt und möglicherweise anfängt, die Tapete von den Wänden zu kratzen. Dieses Gefühl habe ich nicht mehr und das macht mich zuversichtlich, dass ich auf diesem Weg weiter voranschreiten kann.

Schalke vs. Inter: "Das war schon ein Wahnsinn"

SPORT1: Sie waren über viele Jahre eine der bekanntesten Stimmen in Deutschland. Hat Sie auch der Job in die Krankheit getrieben? Oder gab es nur schöne Erinnerungen an Ihre Zeit als Reporter?

Hansch: Ich habe eigentlich nur schöne Erinnerungen an diese Zeit. Man muss sich nur mal vor Augen führen, dass ich 35 Jahre alt war und bis dahin noch kein einziges Bundesliga-Spiel gesehen hatte. In dem Alter hatten viele Reporter-Kollegen den Höhepunkt Ihrer Karriere schon überschritten. Ich aber hatte da noch nie ein Spiel gesehen. Da war es schon ein Wahnsinn, dass ich am 21. Mai 1997 das legendäre UEFA-Cup-Endspiel in Mailand zwischen Schalke und Inter Mailand kommentieren durfte. Die Königsblauen gewannen damals nach dramatischem Elfmeterschießen in der Höhle des Löwen. Das war unglaublich.

Werner Hansch war Teil der legendären ran-Crew bei Sat1
Werner Hansch war Teil der legendären ran-Crew bei Sat1 © Imago

SPORT1: Sie wurden darauf hin auch ausgezeichnet...

Hansch: Richtig. Im November 1997 bekam ich den Telestar verliehen. Das war zu der Zeit die höchste deutsche Fernseh-Auszeichnung. Das war für mich damals der Beweis, dass der Fußball schon in der Mitte der Gesellschaft angekommen war. Heute ist der Fußball noch weiter, es fehlt nur ein ganz kleines Stückchen, um sagen zu können, dass der Fußball in unserer Gesellschaft System-relevant ist. Das ist ein hoher Stellenwert.

SPORT1: Heute ist der Fußball komplett durchorganisiert. Sind Sie damals mit Spielern und Trainern auch mal um die Häuser gezogen?

Hansch: Ich würde gerne etwas Unterhaltsames bieten, aber da bin ich völlig außen vor. Ich hatte nie die Absicht und es war auch nie mein Wunsch mit Spielern und Trainern um die Häuser zu ziehen. Ich hatte immer Abstand, das war mein oberstes Gebot. Ich habe mich nie mit einem Verein oder mit bestimmten Persönlichkeiten gemein gemacht. Das hat sich für mich in diesem Job verboten. Das habe ich auch so durchgehalten.

SPORT1: Aber es gab doch besondere Beziehungen...

Hansch: Natürlich gab es die. Es ist ja bekannt, dass ich mit Rudi Assauer, der leider nicht mehr unter uns ist (2019 verstorben, d. Red.), ein Fußball bezogen enges Verhältnis hatte. Ich war auch einer der Ersten, denen er sich mit seiner Krankheit (Alzheimer, d. Red.) anvertraute. Ich konnte dann zum Glück auch helfen Alzheimer dank des bemerkenswerten Films "Ich will mich nicht vergessen" 2012 aus der Tabu-Zone rauszuholen. Das Outing von Rudi Assauer in diesem Film ist ein weitaus höherer Verdienst als alles, was er beim FC Schalke erreicht hat. Und das war weiß Gott nicht wenig.

Werner Hansch (M.) pflegte ein gutes Verhältnis zu Schalke-Legende Rudi Assauer
Werner Hansch (M.) pflegte ein gutes Verhältnis zu Schalke-Legende Rudi Assauer © Imago

SPORT1: Ein echter Freund aus der Zeit ist aber nicht geblieben?

Hansch: Da muss ich ablehnen. Freundschaften gab es da keine. Es gab einige Menschen, die mir näher standen. Ich habe immer noch ein sehr gutes Verhältnis zu Christoph Daum, dem ich damals bei seiner Koks-Geschichte habe helfen können, als er aus den USA zurückkam und dann seine Pressekonferenz anstand. Es lief nicht so gut in seinem Sinn, ich habe es aber gerne gemacht. Und er hat mir auch jetzt, als ich im Container war, herzliche Glückwünsche zu meinem Geburtstag per Video geschickt. Das hat mich sehr gefreut. Und ich darf natürlich Hermann Gerland nicht vergessen, meinen alten westfälischen Knochenschinken. Auch er hat sich aus dem Trainingslager des FC Bayern in Portugal an mich gewandt. Das war eine ganz besondere Herzensfreude für mich.

Werner Hansch an der Seite von Christoph Daum (r.)
Werner Hansch an der Seite von Christoph Daum (r.) © Imago

SPORT1: Wer war damals Ihr Lieblingsspieler?

Hansch: Ein Spieler, der mich über die Jahre durch seine Leistung und seine Haltung überzeugt hat, war Michael Ballack. Er hatte in Unterhaching diesen tragischen Moment, als er leider das Eigentor schoss, seine Leverkusener dann verloren haben und dadurch der FC Bayern Meister wurde. Da hat mir Christoph Daum sehr leid getan. bei der WM 2002 in Südkorea, bei der ich dabei war, bekam er im Halbfinale eine Gelbe Karte, wodurch er dann im Finale gesperrt war. Da hat Michael uns gegen Brasilien sehr gefehlt. Das war unser bestes Spiel, das hätten wir nicht verlieren dürfen. Mit Michael hätten wir gewonnen.

SPORT1: Gibt es eine skurrile Situation aus Ihrer Reporter-Karriere?

Hansch: Ich habe einmal beim Spiel des 1. FC Köln bei Wacker Swarovski Innsbruck (heute Wacker Swarovski Tirol, d. Red.) einen falschen Torwart spielen lassen. Und plötzlich lief der vermeintliche Ersatztorhüter mit einem neuen Trikot auf. Der eigentliche Torwart hatte nur in der Pause das Trikot gewechselt. Doch ihn hatte ich nicht erkannt, weil es ein regenreicher Abend war. Aber es hat sich versendet, nicht mehr darüber sprechen. (schmunzelt)

SPORT1: Sie waren die Stimme des Ruhrgebiets und jahrelang Stadionsprecher bei Schalke 04. Aktuell sieht es bei den Königsblauen nicht rosig aus. Machen Sie sich Sorgen um S04?

Hansch: Als Reporter habe ich mich nie mit einem Klub gemein gemacht. Neutralität war immer die oberste Priorität. Als ich damals gegen meinen Willen am 24. Februar 1973 freundschaftlich, aber sehr ernsthaft verpflichtet wurde, den Stadionsprecher zu vertreten, ohne je ein Bundesligaspiel gesehen zu haben, da war ich ganz schön in der Bredouille. Dann sagte ich bei der Mannschaftsaufstellung den legendären Satz 'Mit der Startnummer 1 - Norbert Nigbur' und wurde von 30.000 Zuschauern ausgelacht. Danach war mir klar, dass ich da nie wieder hin möchte. Doch der damalige Präsident Günter Siebert überredete mich, weiterzumachen. Und er bot mir sogar ein Honorar an. Ich war Student, was also sollte ich da noch sagen? Alle anderen 17 Stadionsprecher hätten Geld mitgebracht, nur um das miterleben zu dürfen. Und Siebert bot mir ein Honorar an. Wahnsinn.

SPORT1: Aber wie sehen Sie aktuell den FC Schalke?

Hansch: Mit dem aktuellen Kader wird es in der neuen Saison wahnsinnig schwierig, da ist sehr wenig Substanz vorhanden. Große Sprünge bei Neuverpflichtungen sind da nicht drin. Viele alte Spieler sind zurückgekommen, die da noch einen Vertrag haben und ausgeliehen waren, das macht die Sache auch nicht leichter. Schalke braucht eine längere Atempause, um da hinzukommen, wo sie vor zwei Jahren mal waren. Da müssen die Fans viel Geduld haben und die Verantwortlichen einen guten Job machen. Aber natürlich drücke ich den Schalkern die Daumen.