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München - Der Bundesliga-Restart in der Coronakrise erhitzt bei den Profis die Gemüter. Ein sportpsychologischer Experte erklärt, weshalb die Spieler sich unwohl fühlen.

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Es regt sich Widerstand im Lager der Profifußballer.

Wird den kickenden Profis sonst gerne einmal vorgeworfen, sie würden sich nur floskelhaft äußern und jegliche Diskussion scheuen, kann davon momentan keine Rede sein.

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"Der DFB will unbedingt, dass es weitergeht. Die Spieler werden zu diesem Thema aber überhaupt nicht einbezogen. Wir sind nur Marionetten", sagte Sören Bertram vom FC Magdeburg der Magdeburger Volksstimme zu den DFB-Plänen, dass nach Bundesliga und 2. Bundesliga auch die 3. Liga in der Coronakrise fortgesetzt wird.

Anders als Bertram weiß Neven Subotic von Union Berlin bereits, dass er wieder spielen muss. Am kommenden Sonntag empfangen die Eisernen den FC Bayern zum ersten Match nach der Coronapause.

"Ganz egal, wann wir starten, es wird zu früh sein. Wenn wir in ein paar Wochen starten, wird es zu früh sein", kritisierte der Verteidiger von Union Berlin kürzlich im Interview mit der BBC. Wenig später monierte er, dass die Profis vor vollendete Tatsachen gestellt worden seien. 

Noch drastischer äußerte sich der spanische Profi Rafael Giménez vom Zweitligisten FC Cadiz. Er kündigte an, erst wieder als Fußballprofi auflaufen zu wollen, wenn ein Impfstoff gegen das Coronavirus gefunden werde, zuvor arbeite er lieber in der Kneipe seiner Familie.

Sportpsychologischer Experte: "Der Mensch sollte immer im Vordergrund stehen"

Drei außergewöhnliche Aussagen im sonst so "glatten" Profizirkus. "Nur weil Profisportler draufsteht, heißt das nicht, dass man keine normalen menschlichen Gefühle hat. Das sind normale Menschen und der Mensch sollte immer im Vordergrund stehen, gerade in der Coronakrise", erklärt der sportpsychologische Experte Christoph Damaske aus Köln im Gespräch mit SPORT1 die Beweggründe für die heftigen Aussagen der Profis.

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Damaske ergänzt: "Jeder Zweifel an der Situation ist völlig menschlich und hat seine Berechtigung, auch im System Profifußball wo laut DFL 56.000 Arbeitsplätze dranhängen."

Christoph Damaske ist sportpsychologischer Experte
Christoph Damaske ist sportpsychologischer Experte © SGSH

Schließlich gebe es sicherlich Spieler und Trainer, die Angehörige haben, die zu einer Risikogruppe zählen. "Dort spielt dann natürlich Angst eine Rolle", sagt Damaske.

Auch Magdeburg-Profi Bertram äußerte sich sorgenvoll: "Ich habe Angst davor, mich bei einem Spiel anzustecken. Die Gefahr ist bei vielen Zweikämpfen gegeben."

Ulf Baranowski, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), erklärt dazu im Gespräch mit SPORT1: "Es ist schon so, dass uns Fragen erreichen, dass Spieler auch ein bisschen besorgt sind. Das hat aber auch damit zu tun, dass nicht an jeder Stelle optimal kommuniziert wurde."

Weniger Druck durch fünf Wechsel? "Wenn ich Angst um meinen Platz habe..."

Neben den gesundheitlichen, nicht abschließend geklärten Fragen, stehen die Sportler aber auch bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit unter Druck.

"Die Fitnesstrainer berichten, dass aufgrund des körperlosen Trainings die Muskeln für Zweikämpfe zur Zeit noch unzureichend vorbereitet sind. Doch die ausstehenden Spiele müssen bis Ende Juni durchgezogen werden, um die TV-Gelder zu erhalten", benennt Damaske ein weiteres Problemfeld beim Bundesliga-Restart für die Spieler.

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Etwas Entlastung könnte dabei die Regelung mit fünf erlaubten Wechseln pro Partie und Team schaffen. Der sportpsychologische Experte warnt, dass dies nicht in jedem Mannschaftsumfeld den Druck von den Schultern der Spieler nimmt.

"Der Optimalfall im Profisport ist, dass der Trainer ein Vertrauensumfeld in der Mannschaft aufbaut, in dem sich jeder Spieler öffnen kann. Wenn dies gegeben ist, kann ein Spieler auch leichter zugeben, dass er platt ist und ein Wechsel der Mannschaft helfen würde", erklärt Damaske.

Umgekehrt aber sei es "für den Spieler viel schwieriger sich zu öffnen. Wenn ich Angst um meinen Platz in der Startelf habe, tue ich mich dann schwerer, einen Wechsel als bessere Option einzugestehen."

Nur 15 Prozent aller Profi-Klubs arbeiten permanent mit psychologischer Hilfe

Doch wie können die Klubs ihren Spielern und den anderen Mitarbeitern rund um das Team helfen?

Damaske sieht hier vor allem in Deutschland eine große Baustelle: "Laut einer Studie des VDV arbeiten in den ersten drei Ligen nur 15 Prozent aller Teams permanent mit einem Sportpsychologen zusammen. Der nächste Schritt wäre, dass jeder Klub Sportpsychologen oder sportpsychologische Experten/-innen als Ansprechpartner für die Sportler hat."

So hat sich beispielsweise Borussia Dortmund auf dieser Position vor Kurzem mit Philipp Laux, der bereits beim FC Bayern in dieser Funktion arbeitete, verstärkt.

Im DFB-Team ist Hans-Dieter-Herrmann bereits seit 2004 regelmäßiger Ansprechpartner für die Nationalspieler und in den Nachwuchsleistungszentren der Profi-Klubs ist es sogar Pflicht, einen Sportpsychologen oder einen sportpsychologischen Experten im Team zu haben. 

"Seit Jahren die Frage, warum der Profifußball hinterherhinkt"

"Es stellt sich daher seit Jahren die Frage, warum der Profifußball in Deutschland da noch hinterherhinkt. Im angelsächsischen Raum wird in dieser Hinsicht viel fortschrittlicher gearbeitet", stellt Damaske abschließend fest.

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So bleibt nur die Hoffnung, dass der Profifußball die Aussagen seiner Protagonisten ernst nimmt und aus der Coronakrise die richtigen Lehren zieht.

Denn trotz aller offensichtlichen Unterschiede, sind auch Profifußballer einfach nur Menschen.