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München - Uli Stielike trainiert aktuell den chinesischen Klub Tianjin Teda mit Stürmer Sandro Wagner. Wegen des Coronavirus darf er nicht einreisen und sitzt in Deutschland fest.

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Neben viel Leid, Angst und Ungewissheit bringt die Coronakrise in diesen Tagen auch manch kuriose Situationen mit sich.

Eine davon erlebt Uli Stielike gerade: Während seine Spieler in China trainieren, hängt der Coach in Deutschland fest.

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Der erfahrene Fußballlehrer, der aktuell den chinesischen Erstligisten Tianjin Teda trainiert, musste zuletzt zwei Wochen in Quarantäne verbringen, weil sich ein Familienmitglied mit Corona infiziert hatte.

In der Zwischenzeit machte das Reich der Mitte seine Grenzen dicht - und Stielike muss nun improvisieren. 

SPORT1 erreichte den 65-Jährigen (spielte für Borussia Mönchengladbach, Real Madrid und Neuchatel Xamax) in Bochum, wo er gerade bei seiner Tochter weilt. 

Im Interview spricht Stielike über die bedrückende Situation, die Quarantäne und Ex-Bayern-Profi Sandro Wagner, der in seinem Team spielt.

SPORT1: Herr Stielike, wie geht es Ihnen?

Uli Stielike: In Bezug auf das Virus ging es mir gesundheitlich schon immer gut. Aber es war für mich und meine Familie schon sehr ungewohnt, eingesperrt zu sein. Und für jemandem, der sein ganzes berufliches Leben den absoluten Hauptanteil seines Job im Freien ausübt, vielleicht noch etwas schwieriger. 

SPORT1: Wie haben Sie die Quarantäne erlebt?

Stielike: Dadurch, dass wir eine Großfamilie sind, war das für mich eine sehr intime Zeit. Ich konnte endlich mal länger bei meinen drei Enkelkindern sein (zwischen zehn Monate und zweieinhalb, d. Red.). Das Wetter war zum Glück schön und ich konnte mit den Kindern im Garten spielen. Ich übe seit vielen Jahren meinen Job tausende Kilometer weg von den Enkeln und der Familie aus, da war die Quarantäne für mich fast schon die positive Seite der Coronakrise.

SPORT1: Kam kein Lagerkoller auf?

Stielike: (lacht) Nein, abends waren meine Frau und ich froh, wenn wir im Bett lagen, weil uns die Kids den ganzen Tag auf Trab gehalten haben. Aber es war auch sehr schön und die Quarantäne war erträglich.

SPORT1: Sie können nicht zu Ihrer Mannschaft. Wie hart ist das für Sie?

Stielike: Richtig hart ist es für die Infizierten, die mit schweren Symptomen zu kämpfen haben. Für mich ist es eine ungewohnte Situation. Ich habe vor gut 47 Jahren im Profifußball angefangen, und seither ist es das erste Mal, dass ich nicht aktiv dabei sein kann. Es gab zwar früher auch schon mal Pausen, geschuldet der ein oder anderen Verletzung, aber in der Art und Weise ist es jetzt völlig neu und eine komplett andere Situation. Ich bin seit Ende Februar nicht mehr bei meiner Mannschaft.

SPORT1: Wie halten Sie trotzdem den Kontakt zu Ihren Spielern?

Stielike: Mein Stab besteht aus sechs Trainern, die immer auf dem Platz stehen und mit den Spielern arbeiten. Das sind drei Chinesen, ein Spanier, ein Argentinier und ich. Die Chinesen sind seit Anfang an beim Team dabei. Der Argentinier schaffte es im letzten Moment noch einzureisen, musste aber auch in Quarantäne, doch er steht inzwischen wieder auf dem Platz. Mein spanischer Co-Trainer und ich konnten leider nicht mehr einreisen. Wir haben jede Woche eine Videokonferenz mit dem Manager, Dolmetschern und allen Trainer-Kollegen. Mit meinem argentinischen und spanischen Assistenten, mit denen ich seit Jahren zusammen arbeite, stehe ich täglich über Skype, We Chat oder Whatsapp in Verbindung.

SPORT1: Wie soll es jetzt weitergehen?

Stielike: Momentan ist Einreise-Stopp in China. Gerade am Dienstag hatten wir wieder unsere Video-Konferenz. Die Chinesen checken gerade ab, ob es irgendwelche Sonder-Regelungen oder Ausnahmen gibt, aber im Augenblick sieht es nicht danach aus. Jetzt muss man abwarten, wie sich die chinesische Regierung Ausländern gegenüber verhält. In China gibt es die ersten Lockerungen. Restaurants und Geschäfte machen wieder auf, ein Indiz dafür, dass man dort glaubt, das Virus unter Kontrolle zu haben. Aber man hat weiter Angst, dass Ausländer neue Viren mit in das Land bringen, wie es in der Vergangenheit schon passierte.

SPORT1: Ist es die härteste zeit in Ihrer Trainerkarriere?

Stielike: In meinem Fall gibt es nichts zu dramatisieren. Es ist schlichtweg die ungewöhnlichste Zeit, da ich über tausende von Kilometern Richtlinien, Trainingspläne und deren Inhalte festlege, sie weitergebe, aber nicht die direkte Kontrolle über deren Ausführungen habe. Unter harten Zeiten stelle ich mir jedoch etwas anderes vor. Ihre härteste Zeit durchlaufen leider die Menschen und ihre Angehörigen, die wirklich durch das Virus in Lebensgefahr geraten sind.

Stielike: Sandro Wagner ist angekommen

SPORT1: In Ihrem Team spielt auch der frühere Nationalspieler Sandro Wagner. Wie hat er sich inzwischen eingefügt?

Stielike: Man hat gemerkt, dass er gerade in der Anfangszeit große Probleme hatte, weil es für ihn ungewohnt war im Ausland zu leben und zu arbeiten. Die Folge war dann zwangsläufig eine lange Anlaufphase der Umstellung und Adaptation. Hinzu kam, dass gerade er als Mittelstürmer in den ersten Spielen nicht traf. In dieser Zeit hat man ihm deutlich angemerkt, dass er innerlich zerrissen und nicht zufrieden war. Aber als er diese Klippe übersprungen hatte, brachte er die Leistung, die man von ihm erwartet hatte. Seitdem hat er dem Team mit seinen Toren und seiner Persönlichkeit viel helfen können.

SPORT1: Also ist er ein wichtiger Spieler für Sie?

Stielike: Absolut. Er hat einen wichtigen Grundstein gelegt, dass der FC Teda in der vergangenen Saison zum ersten mal seit langer Zeit relativ früh nichts mit dem Abstieg zu tun hatte. Es war eine sorgenfreie Runde und mit Platz sieben auch die beste Spielzeit seit zehn Jahren für den Verein. Das war für unsere Verhältnisse schon überragend. Ab der zweiten Saisonhälfte ist Sandro bei uns angekommen. Aber weder Sandro Wagner noch Felix Bastians konnten bisher nach China einreisen.

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SPORT1: Wollen Sie eigentlich noch mal in Deutschland arbeiten?

Stielike: Nein, weder in Deutschland noch sonst irgendwo. Das ist mein letzter Vertrag als Trainer im Profigeschäft. Trotz der ganzen Corona-Problematik stehe ich in der Pflicht, weil ich in diesem Jahr meinen Kontrakt verlängert habe. Ich will die Leute im Klub jetzt auch nicht hängen lassen. Im Moment wäre es einfacher zu sagen man löst den Vertrag auf, aber ich habe den unterschrieben und die Menschen im Verein und im Umfeld verlassen sich darauf. Vor allem die Spieler.

SPORT1: Gibt es schon Pläne über die Saison hinaus?

Stielike: Ja, dahingehend, dass ich keinen Job mehr annehmen werde, der mich verpflichtet längerfristig von meinem Zuhause in Spanien weg zu sein. Der Altersruhesitz wird also unter der andalusischen Sonne eingerichtet. Aber noch stehe ich in der Verpflichtung, daher hoffe ich bald bei der Mannschaft sein zu können. Die Saison beginnt wahrscheinlich im Juni/Juli und endet dann wohl erst Mitte Dezember.