München - Der BVB hat ein Überangebot im Mittelfeld. Für Mario Götze nicht das größte Problem. Er muss sich umstellen, weil es seine Position nicht mehr gibt - wie in fast jedem anderen Topteam auch.

von Kerry Hau

Lucien Favre denkt, wie ein moderner Fußballtrainer denken muss. In seiner Mannschaft besitzt selbst kein noch so namhafter Spieler einen Sonderstatus als Schöngeist. Seine Maxime: Jeder muss verteidigen, jeder muss angreifen.

Mario Götze schien dazu imstande zu sein. Dieser Eindruck verfestigte sich zumindest während der Saisonvorbereitung, als Götze im von Favre bevorzugten 4-3-3 ansprechende Leistungen auf der für ihn ungewohnteren Achter-Position zeigte.

In den ersten beiden Bundesliga-Spielen des BVB gegen RB Leipzig und Hannover 96 kam der 26-Jährige aber keine einzige Minute zum Einsatz. Dass sich beim Heimspiel gegen Frankfurt (Borussia Dortmund - Eintracht Frankfurt am Freitag  20.30 Uhr im LIVETICKER) etwas daran ändert, ist unwahrscheinlich.

Hybride statt Spezialisten

Für Götze, räumte Favre auf der Pressekonferenz am Mittwoch offen und ehrlich ein, sei in seinem System momentan kein Platz. "Mario kann das 4-3-3 spielen, aber wir haben enorm viele Spieler im Mittelfeld", sagte der Schweizer.

Mahmoud Dahoud und die beiden Neuzugänge Axel Witsel und Thomas Delaney sind bislang in seinem Dreier-Mittelfeld gesetzt. Außerdem drängt sich Julian Weigl nach überstandener Verletzung wieder auf.

Was auffällt: Im Gegensatz zu Götze ist keiner von den genannten Akteuren ein Spielmacher klassischer Prägung, der seine Stärken hinter den Spitzen am besten zur Geltung bringen kann. Sie sind ausgebildete Mittelfeld-Hybride. Anpassungsfähig. Variabel. In der Lage, den letzten oder vorletzten Pass in die Tiefe zu spielen, aber auch zu verhindern. 

Ihr Gesamtpaket ist für Favre - Stand heute - besser als das von Götze. Oder in anderen Worten: Sie passen in sein taktisches Korsett. Das einst so beliebte 4-2-3-1 mit einem klassischen Zehner ist aber nicht nur in Dortmund außer Mode. 

"Viele Trainer legen großen Wert darauf, die Halbräume mit zwei Achtern zu dominieren, die an beiden Strafräumen präsent sind. Das 4-3-3 oder 4-1-4-1 ist hierfür am besten geeignet und wird auf Profi-Ebene auch von der Hälfte aller Mannschaften gespielt. Im 3-5-2 sind diese Halbräume ebenfalls besetzt", erklärt SPORT1-Taktikexperte Constantin Eckner. 

4-3-3: Das System der Sieger

Real Madrid gewann zuletzt drei Mal in Folge die Champions League. Das bevorzugte System des mittlerweile abgetretenen Trainers Zinedine Zidane war das 4-3-3. Der Mittelfeld-Dreizack mit Casemiro als Sechser und Luka Modric und Toni Kroos als taktgebende Achter erwies sich als Schlüssel zum Erfolg.

Der FC Barcelona und Juventus Turin sind in ihren Ligen seit Jahren mit dem 4-3-3  und 3-5-2 erfolgreich. Beim englischen Meister Manchester City teilen sich in erster Linie David Silva und Kevin De Bruyne die Kreativarbeit auf. Pep Guardiola hat ihnen aber auch längst schon eingeimpft, dass sie mit nach hinten arbeiten müssen. De Bruyne spielte bei der WM für Belgien sogar vornehmlich als Sechser.

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Eine ähnliche Rolle nimmt neuerdings auch Thomas Müller beim FC Bayern ein. Im Spiel ohne Ball lässt sich der Nationalspieler auf die Acht zurückfallen, im Spiel mit Ball darf er vorne weiter als freie Radikale wirbeln. Eine Idee von Neu-Coach Niko Kovac. "Er will das 4-3-3 etablieren. Dafür braucht er Müller als Achter. James Rodriguez oder Leon Goretzka können dort ebenfalls spielen", sagt Eckner.

Das 4-3-3 bewährte sich auch im Team des frischgebackenen Weltmeisters. Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps stärkte noch während der WM-Gruppenphase sein Mittelfeld mit Blaise Matuidi, einem typischen Hybriden, nachdem er erkannt hatte, dass seine Offensive mit Antoine Griezmann als Zehner zu wenige Lücken in der Rückwärtsbewegung stopfte.

Der Leidtragende der taktischen Umstellung hieß Ousmane Dembele. Der frühere Dortmunder musste auf die Bank, während Griezmann vorrückte und den Dreier-Sturm an der Seite von Kylian Mbappe und Olivier Giroud komplettierte. Ein genialer Schachzug von Deschamps, gewannen die Franzosen dadurch spürbar an Stabilität, die sie durch das gesamte Turnier trug.

"Der reine Passgeber ist so gut wie ausgestorben"

Es gibt aber auch Gegenbeispiele. Mesut Özil etwa bekleidet die Zehner-Position beim FC Arsenal nach wie vor. Der Ex-Nationalspieler sei aber "eine Ausnahme", meint Experte Eckner, weil er vergleichsweise wenig Defensivarbeit verrichtet. Etwas, das ihm Kritiker seit Jahren vorwerfen.

"Der reine Passgeber ist schon so gut wie ausgestorben. Die Spieler müssen sich anpassen und in mehrere Rollen schlüpfen können. Spezialisten haben es schwer. Die besten Zehner sind die, die auch auf der Acht spielen können", sagt Eckner und führt Europas Fußballer des Jahres Modric als Paradebeispiel an.

Auch Christian Eriksen (Tottenham Hotspur) und Nadiem Amiri (TSG Hoffenheim) hätten diese Rollen verinnerlicht. Mit Isco könnte man einen weiteren Spieler nennen, der sich von der starren Funktion des Zehners verabschiedet hat. Der spanische Edeltechniker bewegt sich sowohl bei Real als auch in der Nationalelf aber eher auf dem Flügel als auf der Acht. 

Das kommt für Götze, der in den vergangenen Jahren deutlich an Schnelligkeit eingebüßt hat, nicht in Frage. Die Konkurrenz ist mit Marco Reus, Christian Pulisic, Jadon Sancho, Maximilian Philipp und Marius Wolf groß. 

Auch als hängende Spitze ist er laut Favre nicht vorrangig eingeplant. Neben Reus könnte dort auch noch Shinji Kagawa spielen, erinnerte der 60-Jährige die Pressevertreter am Mittwoch.

Götze bleibt also nichts anderes übrig, als sich auf der Acht zu empfehlen und zu behaupten. Die technischen Voraussetzungen bringt er dazu allemal mit. Wie passsicher und pressingresistent er sein kann, zeigte er in der Vorbereitung. 

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