Dortmund und München - Roman Weidenfeller spricht im SPORT1-Interview über seine erfolgreichste Zeit beim BVB und wie sie schmerzvoll endete. Zudem verrät er seine Zukunftspläne.

von SPORT1

16 Jahre lang hielt Roman Weidenfeller Borussia Dortmund die Treue, ging mit dem BVB durch dick und dünn.

Die Beinahe-Insolvenz 2005, die goldenen Jahre unter Jürgen Klopp, die wechselhaften Spielzeiten unter Thomas Tuchel und seinen Nachfolgern: Der heute 38-Jährige hat alles hautnah miterlebt.

Am Freitag steht jetzt das große Abschiedsspiel anSPORT1 überträgt ab 18.30 Uhr LIVE im TV und im Livestream, zahlreiche BVB-Legenden und andere Weggefährten sind dabei.

Vorab blickt der langjährige Keeper in einem zweiteiligen SPORT1-Interview auf seine bewegte Karriere zurück. In Teil 2 spricht er über seine erfolgreichste Zeit mit dem BVB, seine Nationalmannschafts-Karriere und die berufliche Zukunft.

Hier geht's zu Teil 1 des großen Weidenfeller-Interviews

SPORT1: Nach der ersten Meisterschaft 2011 kam dann das Double 2012. War das die stärkste Phase Ihrer Mannschaft?

Roman Weidenfeller: 2011, 2012 und auch 2013 mit dem Champions-League-Finale waren die tollsten Jahre in der Ära Klopp. Wir haben uns sensationell entwickelt. Wir waren eine Einheit, die wusste, dass sie jedes Spiel noch drehen kann. Es war eine tolle Zeit, tolle Emotionen, tolle Bilder, sensationelle Spiele. Jeder hatte damals Freude an dieser Mannschaft.

Den Führungstreffer der Bayern im Finale von Wembley konnte Roman Weidenfeller nicht verhindern
Den Führungstreffer der Bayern im Finale von Wembley konnte Roman Weidenfeller nicht verhindern © Getty Images

SPORT1: Was war Ihrer Meinung nach Ihr bestes Spiel?

Weidenfeller: Schwer zu beurteilen. Was meinen Sie?

SPORT1: Ich denke an das CL-Halbfinal-Rückspiel 2013 in Madrid bei Real.  

Weidenfeller: Das war eines der ganz großen Spiele. Es gab tolle Momente. Vor allem die letzten zwei Minuten waren unglaublich und kaum auszuhalten. Wir hatten frühzeitig die Möglichkeit, das Spiel für uns zu entscheiden. Das haben wir nicht geschafft. So mussten wir bis in die letzten Sekunden zittern. Ich glaube, auch Hans-Joachim Watzke konnte es nicht mehr auf der Tribüne aushalten und ist in den Innenraum gekommen. Das zeigt, welche Emotionen sich vor Ort abgespielt haben.

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SPORT1: Beim CL-Finale 2013 in Wembley stand der Abgang von Mario Götze bereits fest, auch Lewandowski liebäugelte mit einem Wechsel. War das für ein Gefühl, als Sie merkten, dass diese Mannschaft auseinanderzubrechen droht?

Weidenfeller: Es war natürlich kein angenehmes Gefühl, als wir in die Kabine kamen und von Marios Wechsel erfuhren. Es war nicht leicht. Die Mannschaft ist zerfallen. Sie war ein intaktes Team. Jeder war für den anderen da. Dann wurden von außen Keile in das Team getrieben. Das war unglaublich schade. Wenn diese Mannschaft so noch ein paar Jahre zusammengespielt hätte, hätten wir auch noch weitere Titel gewinnen können. Aber so ist nun mal das Fußball-Business. Dem muss man sich dann halt stellen.

SPORT1: Sie absolvierten 355 Bundesliga- und 38 Champions-League-Spiele. Warum hat es verhältnismäßig lange gedauert, bis Sie zur Nationalmannschaft berufen wurden?

Weidenfeller: Vielleicht habe ich das eine oder andere Länderspiel zu wenig. Dennoch bin ich heute unendlich dankbar, dass mich Jogi Löw dann doch noch eingeladen hat. Und dann auch noch zum richtigen Zeitpunkt. Bastian Schweinsteiger hat es perfekt formuliert. Nach dem WM-Gewinn sagte er zu mir: "Das gibt es doch gar nicht. Da fährst du einmal mit zur Weltmeisterschaft und wir werden direkt Weltmeister. Etwas Besseres kannst du gar nicht erleben."

2014 schnappte sich Roman Weidenfeller den WM-Titel
2014 schnappte sich Roman Weidenfeller den WM-Titel © Getty Images

SPORT1: Welche Erinnerungen haben Sie an Campo Bahia? Gab es da einen besonderen Spirit innerhalb des Teams?

Weidenfeller: Ja, den gab es. Das muss man ganz ehrlich sagen. Wir waren eine verschworene Gemeinschaft. Jeder war für den anderen da, obwohl wir aus verschiedenen Vereinen kamen. Bei uns war es egal, ob sich der BVB-Spieler mit den Schalke- oder Bayern-Spielern unterhält. Wir haben auch nicht besonders viel Zeit vor der PlayStation verbracht, sondern uns viel unterhalten. Wir haben uns Dinge gemeinsam erarbeitet, haben über die Spiele gesprochen, auch gemeinsam mit dem Trainerstab Taktiken besprochen. Genau dieser Verbund war unsere Chance, in Südamerika zu bestehen. Denn die äußeren Umstände waren gerade für die Europäer nicht ganz leicht.

SPORT1: Wo Sie gerade die PlayStation ansprechen: Hat sich die jüngere Generation der Fußball-Profis verändert? Sind die Profis heutzutage anders als Sie während der Anfangsphase ihrer Karriere?

Weidenfeller: Ich glaube, dass die heutige Fußball-Generation ganz andere Möglichkeiten hat. Die sind mit der PlayStation aufgewachsen. Diese Möglichkeiten hatte ich in meinen jungen Jahren nicht. Die haben halt andere Werte. Das Thema ist aber auch in der Gesellschaft heutzutage ein ganz anderes. Man unterhält sich allgemein viel weniger. Viele sind mit ihren Handys beschäftigt oder verbringen ihre Zeit zu Hause vor dem Fernseher oder der Konsole.    

SPORT1: Sie waren immer dafür bekannt, ihre Meinung klar zu kommunizieren, auch wenn das im Verein vielleicht nicht so gerne gehört wird. Glauben Sie, Sie hätten schon früher Länderspiele absolviert, wenn Sie diesbezüglich etwas angepasster gewesen wären?

Weidenfeller: Klar hätte ich mir den einen oder anderen Spruch auch verkneifen können. Aber ich war schon immer jemand, der sein Herz auf der Zunge getragen und der auch eine klare Ansprache formuliert hat. Ich wollte damit keinem zu nahe treten. Ich habe mich immer nur für die Sache an sich eingesetzt und wollte auch noch in den Spiegel schauen können. Damit bin ich immer gut gefahren.

SPORT1: Michael Ballack ist ja auch zu ihrem Abschiedsspiel eingeladen worden. Was das Unangepasste angeht, ist er Ihnen ein bisschen ähnlich. Haben Sie eine besondere Verbindung zu ihm?

Weidenfeller: Ja schon. Wir haben die Jugendzeit zusammen in Kaiserslautern verbracht. Er war damals schon der aufstrebende Nationalspieler und der Bundesliga-Profi, ich noch Amateur-Spieler. Wir sind auch das ein oder andere Mal zusammen abends unterwegs gewesen oder haben uns zum Abendessen getroffen. Daher kommt unsere Verbindung. Wir hatten damals auch den gleichen Manager. Und wir waren beide immer Spieler, die das offene Wort gewählt haben.

Roman Weidenfeller stand auch beim Abschiedsspiel von Michael Ballack schon gemeinsam mit dem "Capitano" auf dem Platz
Roman Weidenfeller stand auch beim Abschiedsspiel von Michael Ballack schon gemeinsam mit dem "Capitano" auf dem Platz © Getty Images

SPORT1: So ohne das ganze Training, sind Sie da eigentlich noch fit genug für das Abschiedsspiel?

Weidenfeller: Ja bin ich. Ich habe gemeinsam mit Teddy (de Beer, Ex-Torwarttrainer BVB; Anm. d. Red.) die ein oder andere Einheit auf dem Platz absolviert. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht. Klar hat auch der Muskelkater eingesetzt, aber für das Spiel bin ich bestens vorbereitet. Ein Zu-Null-Spiel wäre zu langweilig für die Fans, aber mit der einen oder anderen Parade sollten sie schon noch rechnen.

SPORT1: Wie läuft denn die dritte Halbzeit im Anschluss ab? Es kommen ja auch ein paar Brasilianer, wie zum Beispiel Marcio Amoroso. Da muss dann ja auch getanzt werden oder?

Weidenfeller: Auf jeden Fall. Den Caipirinha habe ich für die Brasilianer schon kaltstellen lassen. Ich freue mich auch auf die dritte Halbzeit, wo man sich in entspannter Atmosphäre noch einmal mit den ehemaligen Kollegen austauschen kann. Es wird ein großes Zusammentreffen geben.

SPORT1: Müssen Sie sich nach dem Spiel Gedanken über ihre Zukunft machen?

Weidenfeller: Nein, keineswegs. Meine Zukunft steht schon fest. Ich bin weiterhin Markenbotschafter von Borussia Dortmund und kümmere mich um Auslandsauftritte des Vereins. Ich besuche Sponsoren und versuche, diese an den BVB zu binden. Außerdem bin ich als TV-Experte eingeplant und auch für Puma unterwegs. Die Stadt Dortmund und den DFB unterstütze ich weiterhin bei der Bewerbung zur Euro 2024. Es warten viele Aufgabengebiete auf mich und da freue ich mich drauf.

SPORT1: Könnten Sie sich auch vorstellen, in Zukunft wieder näher an den Fußball zu rücken und zum Beispiel als Trainer zu arbeiten? Oder wollen Sie bewusst von einem anderen Blickwinkel auf den Fußball blicken?

Weidenfeller: Für mich ist es wichtig, erst einmal einen klaren Cut zu ziehen und einen gewissen Abstand vom Rasen zu bekommen. Ich möchte bei unserem Verein hinter die Kulissen in der Marketingabteilung schauen. Auch die TV-Branche begeistert mich sehr. Ich möchte schauen, was mir Spaß macht, wofür ich geeignet bin und wo der Weg dann persönlich für mich hinführt.