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München - Nach seinem beispiellosen Absturz hofft Savio Nsereko auf einen Neuanfang bei einem Amateurklub. Bei SPORT1 spricht er über Vergangenheit und Zukunft.

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Savio Nsereko galt als großes Fußball-Talent. 2008 wurde der heute 27-Jährige mit der U19-Nationalmannschaft Europameister. Doch danach folgte der Absturz.

Bei 1860 München verschwand er einfach und wurde schließlich fristlos entlassen. Es folgte die Flucht ins Ausland, später gab es Comeback-Versuche bei der SpVgg Unterhaching und Viktoria Köln. Das Fußballspielen war plötzlich Nebensache, fernab des Fußballgeschäfts geriet er auf die schiefe Bahn. Jetzt ist Nsereko wieder da und will die allerletzte Chance nutzen - beim FC Pipinsried. Der Klub aus Oberbayern schaffte am Montag den Aufstieg in die Regionalliga.

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Im SPORT1-Interview zeigt er sich geläutert und spricht über seine Vergangenheit und die Löwen.    

SPORT1: Herr Nsereko, seit einem halben Jahr sind Sie wieder in Deutschland. Wie geht es Ihnen?

Savio Nsereko: Mir geht es richtig gut. Zuletzt spielte ich in Litauen. Ich habe nach vielen Jahren im Ausland zur neuen Saison einen Vertragsamateurvertrag beim FC Pipinsried unterschrieben und halte mich gerade fit, bis es im Juli richtig losgeht.

© SPORT1

SPORT1: Haben Sie vom Fußball nach Ihrer Vergangenheit nicht die Nase voll?

Nsereko: Nein. Ich will noch mal alles versuchen und meinen Kritikern zeigen, dass ich es noch kann. Ich bin oft genug auf die Schnauze gefallen, weil ich viel Mist gebaut habe. Ich bin kein Typ, der aufgibt, sondern stehe immer wieder auf, egal, was über mich geredet wird. Ich bin älter geworden und habe aus meinen Fehlern gelernt. Das ist nicht nur so daher gesagt.

SPORT1: Diesen Satz hat man oft von Ihnen gehört...

Nsereko: Ich weiß. Und ich kann die Leute verstehen, die es nicht mehr hören können. Ich würde auch so denken, wenn ich auf der anderen Seite wäre. Aber was soll ich tun? Ich habe begriffen, was los war in meinem Leben und kann jetzt nur zeigen, dass ich ein anderer Mensch geworden bin und am Ball noch viel kann. Ich kann zentral spielen und auf Außen. Meine große Stärke ist immer noch das Eins-gegen-Eins.

SPORT1: Wie haben Sie sich verändert?

Nsereko: Ich bin viel disziplinierter geworden. Und dank meiner Familie und meiner Freundin (Laura, d. Red.)  bin ich viel bodenständiger als früher. Mein ganzer Lebensstil hat sich verändert. Heute mache ich viel im Fitness-Bereich, was mir sehr gut tut. Ich achte mehr auf mich und meinen Körper. Früher hatte ich viel Blödsinn im Kopf, heute lebe ich bewusster.

SPORT1: Was war Ihr größter Fehler?

Nsereko: Es gibt keinen größten Fehler, es gibt hunderte Dinge, die falsch liefen, die mein Verhalten von damals aber nicht erklären können. Es ist für mich selbst nicht zu erklären, warum ich zu der Zeit so drauf war. Es war schlimm und ich bereue es sehr. Ich kann die Zeit aber leider nicht zurückdrehen, auch wenn ich es wollte. Es geht nicht und deswegen bin ich heute da, wo ich bin.

SPORT1: Sie sollen damals Ihre eigene Entführung vorgetäuscht haben, um Lösegeld von Ihrer Familie zu erpressen.

Nsereko: Diese Entführung gab es nicht. Und ich weiß nicht, was mich damals dazu brachte, dies zu sagen. Es gibt für diese Geschichte keine Erklärung. Es tut mir alles sehr leid.

SPORT1: Zu Ihrer Zeit bei 1860 sind Sie einfach verschwunden. Zwei Wochen wurden Sie gesucht. Warum sind Sie damals abgetaucht?

Nsereko: Mir ging es nicht gut und es waren familiäre Gründe, über die ich konkret nicht sprechen möchte. Ich möchte das nicht der ganzen Welt mitteilen, sondern das bleibt bei mir. Ich wollte keinem bei 1860 bewusst schaden. Weder meinen Mitspielern, noch den Bossen. Und die Fans habe ich bitter enttäuscht.

SPORT1: Sie waren nach Sechzig im Ausland, später bei Unterhaching und Viktoria Köln. Warum hat es nirgendwo geklappt?

Nsereko: Ab 1860 war ich in einem schlimmen Kreislauf drin, aus dem ich irgendwie nicht mehr raus kam. Ich lebte wie in einem anderen Film und dieser Zustand gefiel mir.

SPORT1: Lag es an falschen Freunden?

Nsereko: Bestimmt auch, aber ich will es nicht nur auf die falschen Freunde schieben. Ich habe viel Geld verdient. Ich weiß noch, dass ich einmal eine Zahlung in Höhe von 900.000 Euro auf dem Konto hatte. Es gab mehrere Gründe, die dazu beigetragen haben, dass ich mich fast zerstört hätte.

SPORT1: Und jetzt?

Nsereko: Ich habe es geschafft, aus diesem Teufelskreis raus zu kommen und seit einem Jahr führe ich ein normales und entspanntes Leben. Meine Freundin tut mir sehr gut. Sie unterstützt mich und nun bin ich bereit noch mal anzugreifen.

SPORT1: Sie sprachen falsche Freunde an, gab es auch einen echten Freund, der bis heute ein solcher geblieben ist?

Nsereko: Ja. Valon Behrami aus meiner Zeit bei West Ham United. Er hat mir oft geholfen und ist bis heute immer noch da. Ein anderer Freund ist Fabiano Santacroce, er spielt jetzt bei SS Juve Stabia in der 3. Liga. Freundschaft ist ein großes Wort. Ich habe heute zwei oder drei echte Freunde, alle anderen sind Bekannte.

SPORT1: Können Sie Klub-Bosse verstehen, die beim Namen Savio Nsereko zusammenzucken?

Nsereko: Na klar. Jeder kann seine Meinung haben und das akzeptiere ich.

SPORT1: Was bereuen Sie am meisten?

Nsereko: Es gibt mehrere Sachen, die ich hätte anders machen müssen. Ich kann nur eins sagen: Ich habe damals nicht gesagt, dass es diese Entführung gab.

SPORT1: Sie haben früher auch mal einen Privatjet gemietet, um ihren Geburtstag in Florida zu feiern. Machen Sie das heute noch?

Nsereko: Nein. Das bedeutet mir nichts mehr. Heute ist mir meine Familie noch wichtiger als früher, ehrliche Freunde auch, Gesundheit, Fußballspielen und Fitness gehören auch dazu.

SPORT1: Sie haben sehr viel Geld verdient. Wie leben Sie heute?

Nsereko: Ich habe viel Geld zum Fenster rausgeschmissen. Zweieinhalb Millionen werden es schon gewesen sein. Die finanziellen Verhältnisse sind geordnet, aber ich kann nicht mehr auf dem Level wie früher leben. Meine Mutter war damals nicht glücklich über diese Geschichten, auch dass ich in Thailand im Knast saß. Aber das ist Vergangenheit. Ich hätte damals auf meine Mutter hören sollen.

SPORT1: Ist der Reiz des Geldes zu gefährlich für junge Profis?

Nsereko: Vielleicht. Es ist wichtig, dass man eine Person hat, die einem zur Seite steht und dich führt. So jemanden hatte ich nicht. Wenn du mit 18 Jahren viel Geld verdienst, dann kannst du das nicht alleine managen. Ich habe noch einige Jahre vor mir, um vieles besser zu machen.

SPORT1: Wäre es ein Traum, noch mal bei 1860 zu spielen? Der Verein spielt in der neuen Saison in der Regionalliga, da wo nun auch Pipinsried spielen wird.

Nsereko: Im Leben soll man niemals nie sagen. Ich bin bei 1860 aufgewachsen, die Löwen werden immer einen Platz in meinem Herzen haben. Es tut mir so leid, dass Sechzig abgestiegen ist und nun sogar in die Regionalliga muss. Der Verein mit diesen tollen Fans hat so viel Potenzial. Ich hoffe, dass der Klub bald wieder aufsteigt.

SPORT1: Ist Investor Hasan Ismaik Schuld am Niedergang von 1860?

Nsereko: Definitiv ja. In den vergangenen Jahren ist so viel schief gelaufen und immer gab es Stress mit Ismaik. Es waren etliche Präsidenten, Trainer und Sportchefs bei Sechzig. Und die Struktur hat nie gepasst. Es wurde von Jahr zu Jahr schlimmer.

SPORT1: Wie leben Sie heute?

Nsereko: Ich lebe viel klarer. Ich trinke seit einem Jahr keinen Alkohol mehr, früher habe ich unter der Woche oft Party gemacht und getrunken. Heute stehe ich morgens um sieben Uhr auf und fühle mich gut. Früher bin ich erst um zwei ins Bett gegangen und wachte morgens verkatert auf. Ich bin bereit für meinen Neustart, weiß, wie ich jetzt lebe und bin mir sicher, dass ich es schaffen kann.

SPORT1: Welche Hoffnungen setzen Sie in Ihren x-ten Neuanfang?

Nsereko: Meine große Hoffnung ist, dass ich noch mal im Profifußball spielen kann. Ich bin topfit und brenne noch, habe wirklich aus meiner schlimmen Zeit gelernt. Ich will alles wieder gut machen. Früher war mir Geld wichtig, jetzt nicht mehr. Ich bekomme in Pipinsried lediglich eine Aufwandsentschädigung und werde auch in einem Fitnessstudio arbeiten. Es ist mir nur wichtig, regelmäßig Fußball zu spielen. Der entscheidende Punkt bin ich. Fußball ist für mich nicht nur ein Hobby, sondern meine Leidenschaft. Und ich bin mir sicher, dass ich es auf hohem Niveau schaffen kann. Dafür werde ich alles tun. Ich bin dankbar für diese Chance und will sie nutzen.