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München - Der VfL Bochum darf in dieser Saison vom Aufstieg in die Bundesliga träumen. Reviernachbar Schalke taumelt Richtung Abstieg. Bei SPORT1 sprechen zwei VfL-Ikonen.

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"Machst mit 'nem Doppelpass jeden Gegner nass, du und dein VfL!" Diese Zeile singt Herbert Grönemeyer, der in Bochum aufwuchs, in seiner Hymne für die Stadt.

Vor jedem Heimspiel wird das Lied gespielt. Und seit geraumer Zeit macht es für den Fan auch wieder Sinn, denn der Klub von der Castroper Straße macht seinen Anhängern wieder richtig Freude - wenn diese in der Corona-Pandemie auch nicht im Stadion dabei sein können. (Service: Tabelle der 2. Bundesliga)

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Ein Blick auf die aktuelle Tabelle der 2. Liga zeigt: der VfL Bochum darf wieder einen Gedanken an den Aufstieg in die Bundesliga verschwenden. Punkten die Westfalen am heutigen Sonntag beim SV Sandhausen, stehen sie zum Hinrundenende sicher auf einem direkten Aufstiegsplatz. (2. Bundesliga: SV Sandhausen - VfL Bochum, Sonntag 13.30 Uhr im LIVETICKER)
 
"Träumen ist erlaubt beim VfL, und diese Träume können langsam Realität werden", sagt Kulttrainer Peter Neururer im Gespräch mit SPORT1. Der 65-Jährige, der von 2001 bis 2005 und in der Saison 2013/2014 Trainer in Bochum war, ergänzt: "Der Verein träumt schon seit zig Jahren davon, wieder aufzusteigen. Und ausgerechnet in dem Jahr, als keiner davon gesprochen hat, ist die Möglichkeit so groß, wie sie noch nie war."

Der CHECK24 Doppelpass mit Reiner Calmund und Marco Bode am Sonntag ab 11 Uhr im TV auf SPORT1

Neururer gerät ins Schwärmen, wenn er an seine erste Amtszeit in Bochum zurückdenkt. "Die erste Zeit in Bochum gehörte emotional sicher zu der schönsten Zeit in meiner Trainerkarriere", erinnert er sich. "Wir hatten einfach Erfolg, sind aufgestiegen, haben die Klasse gehalten und dann wurde vor dem BVB und Schalke der Europapokal erreicht. Als Ruhrgebietsmeister rumzulaufen, war großartig. Damit hatte keiner gerechnet."

Reis einst Co-Trainer unter Neururer

Jeder Fan hat noch Neururers Moonwalk in Erinnerung. Als die Qualifikation für den Europapokal feststand, tanzte er vor den Fans auf dem Rasen in Manier von Michael Jackson. "Das war großer Mist. Denn wenn man nur darauf reduziert wird in den Jahren, wo durchaus Erfolg da war, dann ist das eher traurig", sagt er heute. Ein Jahr später stieg der VfL ab, Neururer musste gehen.

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Doch er erinnert sich gerne an harmonisches Miteinander im Klub, damals ein Indikator für den Erfolg. "Zu der Zeit hatten wir einen Präsidenten (Werner Altegoer, Anm. d. Red.) und Mitarbeiter, wie ich sie mein Leben lang noch nicht hatte. Daraus sind bis heute Freundschaften entstanden."
 
Den VfL beobachtet er nach wie vor. Und er freut sich über den aktuellen Erfolg beim Team von Thomas Reis, der unter Neururer gespielt hat (2001 bis 2003) und in der Spielzeit 2013/2014 sein Co-Trainer war.

Die Highlights der Samstagsspiele am Sonntag ab 9 Uhr in Hattrick Pur - Die 2. Bundesliga im TV auf SPORT1

Neururer: "VfL ist mit dem HSV Aufstiegsfavorit"

"Reisi ist ein richtig guter Typ. Er macht mit der Mannschaft gerade alles richtig. Er ist ein zielbewusster Typ, der geradewegs seinen Weg geht, ein Spiel lesen kann und den VfL in- und auswendig kennt. Und er ist aktuell erfolgreich. Er ist der richtige Mann am richtigen Ort. Aber das ist man immer, wenn man Erfolg hat", meint Neururer.

Auch das VfL-Spiel gefällt dem Ex-Trainer. "Die Jungs spielen klasse. Die Balance im Spiel zwischen Offensive und Defensive ist in sich stimmig. Darüber hinaus hat man im Offensivbereich noch großartige Möglichkeiten, variabel nach vorne zu spielen."
 
Neururer ist überzeugt von der Qualität im Team. "Silvere Ganvoula, in der vergangenen Saison Torschützenkönig beim VfL und jetzt von der Bank kommend, zeigt, dass da Qualität vorhanden ist. In dieser aktuellen Situation lügt die Tabelle nicht mehr: Der VfL ist zusammen mit dem HSV der absolute Favorit für den Aufstieg."

Neururer: "Das Gesamtkonzept stimmt"

Das Gesamtkonzept stimme in Bochum aktuell einfach. "Ich kenne in der Vergangenheit beim VfL keine Fehlgriffe bei den Trainern. Ich kenne nur eine Menge Fehlgriffe, die im Verein gemacht wurden. Aber die Zeiten sind vorbei. Was Ilja Kaenzig (Sprecher der VfL-Geschäftsführung, Anm. d. Red.) im Hintergrund auf die Beine gestellt hat, ist großartig." Jetzt gebe es "eine vernünftige Führung. Und je besser die Führung, desto besser kann man das im sportlichen Bereich ausleben."
 
Bei einer Frage geht Neururer aus dem Sattel. Ob der VfL im Aufstiegsfall die kommende Nummer zwei im Ruhrgebiet werden könne, wenn Schalke absteigen müsse? Die Königsblauen beendeten die Hinrunde nach einem 1:2 am Mittwoch zu Hause gegen den 1. FC Köln auf Platz 18. 

Neururer wehrt sich gegen Vergleiche

Davon will Neururer nichts hören. "Die Hinrunde ist gerade erst zu Ende. Da will ich nicht darüber reden, was am Ende dieser Saison passiert", stellt er klar. "Beides miteinander in einen Vergleich zu bringen, finde ich nicht gut. Ich gönne dem VfL aus ganzem Herzen den Aufstieg, Schalke aus ganzem Herzen den Klassenerhalt."

Aber er weiß auch: "Nach dem 1:2 gegen Köln müssen jetzt natürlich so schnell wie möglich Planungen für die 2. Liga gemacht werden. Die Chancen die Liga zu halten - vielleicht noch über die Relegation - sind minimal. Man muss sich innerlich von der Bundesliga verabschieden."

Die Bochumer dagegen können sich innerlich langsam mit dem Oberhaus beschäftigen. Und VfL-Legende Michael "Ata" Lameck (1972 bis 1988) wäre glücklich über einen Aufstieg seines Herzensvereins.

Lameck lobt sportliche Führung des VfL

"Ich würde mir wünschen, dass jetzt Mai wäre. Aber klar, die Mannschaft hat sich gefunden und gerade ist es toll, was Thomas Reis mit der Mannschaft leistet", sagt der 71-Jährige zu SPORT1.
Im Moment stimme die Richtung. Diesen Erfolg sollte man "so lange es läuft mitnehmen". Für Reis und die sportliche Führung gibt es ein Sonderlob:
 
"Er hat früher beim VfL gespielt, kennt die Situation und weiß, wie die Spieler ticken. Er ist noch nicht so alt und arbeitet mit Sebastian Schindzielorz (Geschäftsführer Sport, Anm. d. Red.) Hand in Hand zusammen. Es läuft gerade einfach rund, auch die Zusammenarbeit mit Ilja Kaenzig passt, man versteht sich gut. Da gibt es keinen Stress und keinen Neid."

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HSV als abschreckendes Beispiel

Lameck aber weiß, wie schwer es ist, den Aufstiegstraum wahr werden zu lassen. "Der HSV will seit zwei Jahren wieder aufsteigen. Doch dann bekam er immer vier Wochen vor Ende der Saison einen Einbruch. So, wie es jetzt aussieht, kann der VfL einen der drei Plätze da oben erreichen."

Und was sagt er zum Thema zweite Kraft im Pott? "Wir sind alle nicht blind, es sieht nicht gut aus für Schalke", weiß Lameck und holt eine Anekdote hervor. "In den 80ern sind wir auf Vereinskosten nach Amerika geflogen, kamen zurück und haben drei Tage später mit Jetlag in den Knochen auf Schalke 6:0 gewonnen. Die sind damals abgestiegen. Diese Situation gab es also schon mal."
 
Doch Lameck, der in den 1980er Jahren mit dem aktuellen Schalke-Trainer Christian Gross beim VfL zusammenspielte, will eine gesunde Rivalität. "Wir waren damals auch mal vor Dortmund, beide sind Nachbarn von uns. Am schönsten wäre es natürlich, wenn wir alle in der Bundesliga wären." Vor allem finanziell würde ein Schalker Abstieg dem VfL weh tun, weiß Lameck und schmunzelt.

"Wenn Schalke absteigt und wir können hoch, würde uns mit dem Heimspiel viel Geld durch die Lappen gehen. Schalke ist eigentlich eine Fußballmacht. Ich würde Schalke den Klassenerhalt gönnen, aber sie müssen gewaltig aufpassen."