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München - Der Hamburger SV lacht von der Tabellenspitze der 2. Liga. Das ist auch Ex-Sportchef Jens Todt nicht verborgen geblieben. Bei SPORT1 spricht er über die Rothosen.

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Jens Todt wurde am 8. März 2018 als Sportchef des Hamburger SV beurlaubt, doch seinen Ex-Klub hat er nie ganz aus den Augen verloren. Bis Ende des vergangenen Jahres stand er bei den Rothosen ohnehin noch in Lohn und Brot.

Im vergangenen Jahr musste Todt zusammen mit dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen seinen Platz räumen. Inzwischen hat der 49-Jährige alles aufgearbeitet. 

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Im SPORT1-Interview spricht Todt über seinen Ex-Arbeitgeber, HSV-Coach Hannes Wolf, Torwart Julian Pollersbeck - und den Hype bei jungen Profis. 

SPORT1: Herr Todt, was machen Sie gerade?

Jens Todt: Ich bin für ein paar Tage mit meiner Familie im Spreewald. Außerdem plane ich aktuell einige Fußballreisen, unter anderem nach China, der Spielplan der Chinese Super League ist ja gerade festgelegt worden.

SPORT1: Haben Sie sich ganz bewusst eine Auszeit nach dem Aus beim HSV genommen? Was haben Sie gemacht?

Todt: Natürlich habe ich mich erst einmal zurückgezogen und viel Zeit mit der Familie verbracht. Ich habe mich eine Zeit lang bewusst überhaupt nicht mit Fußball beschäftigt. Nach einigen Wochen allerdings habe ich angefangen, die Zeit für einige Fortbildungsreisen zu nutzen, unter anderem nach England, Japan und Russland.

Todt beim HSV: "Intensive und unvergessliche Zeit"

SPORT1: Wie viel Kraft hat Sie der HSV am Ende gekostet?

Todt: Dauerhafter Krisenmodus und anhaltender Abstiegskampf sind natürlich wahnsinnig anstrengend für alle Beteiligten. Alle Kollegen, die das selbst schon erlebt haben - und das gilt für die meisten - können das nachvollziehen.

SPORT1: Wie blicken Sie zurück auf die Zeit bei den Rothosen?

Todt: Die ersten sechs Monate des Jahres 2017 waren von einer unglaublichen Aufholjagd in der Bundesliga geprägt, die durch den Klassenerhalt gekrönt wurde, was einige Monate vorher noch so gut wie unmöglich schien. Leider haben wir den Rückenwind nicht mit in die nächste Saison nehmen können und sind schnell wieder sportlich unter Druck geraten. Von daher waren es tatsächlich 15 Monate ununterbrochener Krisenmodus. Eine intensive und unvergessliche Zeit.

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SPORT1: Wie beurteilen Sie die aktuelle sportliche Situation mit Trainer Hannes Wolf?

Todt: In den ersten Spielen der Saison hat es sportlich noch sehr große Ausschläge gegeben - sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. Unter Hannes Wolf haben sich die Leistungen dann deutlich stabilisiert, worüber ich mich sehr freue. Die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass kein Bundesliga-Absteiger mal eben so durch die 2. Liga spaziert, um dann locker aufzusteigen. Die 2. Bundesliga ist sehr fordernd, wer sie unterschätzt, wird sportlich keine Rolle spielen. Wer als Bundesliga-Absteiger auch in den ganz engen, umkämpften Spielen punktet, wie es zum Beispiel der HSV in Aue getan hat, hat am Ende die Nase vorn.

SPORT1: Marcell Jansen ist der jüngste Präsident in der HSV-Geschichte. Was sagen Sie dazu?

Todt: Ich glaube nicht, dass das Alter der wichtigste Faktor bei dieser Entscheidung der Mitglieder ist. Maßgeblich für den sportlichen Erfolg sind ja im Wesentlichen die Personen des operativen Geschäfts, also Trainer, Sportdirektor und Vorstand. Wenn sie Vertrauen bekommen und in Ruhe arbeiten können, ist ja schon viel gewonnen. Und das kann man ja meist erst während der ersten sportlichen Krise bewerten.

Todt: Das war mein größter Fehler

SPORT1: Was war ihr größter Fehler beim HSV?

Todt: Nach dem knappen und hart umkämpften Klassenerhalt im Mai 2017 sind wir alle davon ausgegangen, dass wir mit einigen wenigen Ergänzungen des Kaders gute Chancen auf eine Saison mit weniger Sorgen haben werden. Wir waren davon überzeugt, dass uns die grandiose Aufholjagd Rückenwind und Stabilität geben würde. Im Nachhinein muss ich eingestehen, dass wir unterschätzt haben, wie sehr der dauerhafte Krisenmodus in den Jahren zuvor auch eine mentale Erschöpfung bei der Mannschaft verursacht hatte. Von daher wäre es vermutlich besser gewesen, einen größeren Umbruch im Kader einzuleiten. Auch wenn es wirtschaftlich wahnsinnig schwer umzusetzen gewesen wäre: Ein wenig mehr Blutauffrischung hätte uns mit großer Wahrscheinlichkeit gutgetan.

SPORT1: Worauf sind Sie besonders stolz? Den Transfer von Julian Pollersbeck?

Todt: Wir waren von Anfang an von Polles Potenzial überzeugt, und ich freue mich, dass er stabil gute Leistungen zeigt. Das Gleiche gilt etwa für Rick van Drongelen. Beide Transfers hatten eine gute Balance zwischen wirtschaftlicher Vernunft und großem Wertsteigerungspotenzial für die Zukunft. Auch die vorzeitigen Vertragsverlängerungen von Gideon Jung und Tatsuya Ito zielten in diese Richtung.

SPORT1: Wie sehen Sie generell die Entwicklung im Fußball, gerade was die Gehälter angeht?

Todt: Wir beobachten natürlich seit vielen Jahren eine deutliche Steigerung der Personalkosten, gerade auch im Vergleich zu den Steigerungen im "normalen" Berufsleben. Auch vermeintlich kleinere Bundesligisten machen inzwischen einzelne Transfers im oberen einstelligen Millionenbereich, zum Teil darüber. Ich glaube nicht, dass wir bereits am Ende dieser Entwicklung sind. Trotz steigender Preise sind Vereine wie der SC Freiburg oder Mainz 05 doch wirtschaftlich und sportlich sehr erfolgreich mit ihrer Transferstrategie. Von Vereinen wie Borussia Mönchengladbach oder Borussia Dortmund ganz zu schweigen. Ich bin allerdings sehr gespannt, wie lange es dauern wird, bis die E-Sportler die Athleten auf dem Rasen bei den Gehältern überholen werden.

"Ich wünsche dem HSV den Aufstieg sehr"

SPORT1: Werden junge Spieler zu schnell als Helden gefeiert und verlieren dann die Realität aus den Augen?

Todt: Das ist sicher so, aber wir alle wirken daran mit. Wir als Verantwortliche der Vereine, die unsere größten Talente so früh wie möglich langfristig vertraglich binden wollen (und müssen), und Sie mit der ebenfalls nachvollziehbaren Berichterstattung über das nächste Mega-Talent. Ich wundere mich nicht über einzelne Fälle von Größenwahn, sondern eher darüber, wie viele junge Spieler dem Hype um sie mit Bodenhaftung, Bescheidenheit und Intelligenz begegnen. Jann-Fiete Arp vom HSV etwa ist solch ein positives Beispiel.

SPORT1: Das Beispiel Ousmane Dembele, der sich vom BVB zum FC Barcelona streikte, schockte viele Experten und Fans. Müssen Vereine sich dauerhaft der Macht der Spieler und deren Berater beugen?

Todt: Es gibt sicher einige krasse Einzelbeispiele, in denen die betroffenen Vereine die letztendlich erzielte Transfersumme mit der Faust in der Tasche als Schmerzensgeld hinnehmen. Manchmal ist die wirtschaftliche Dimension eines solchen Transfers auch so groß, dass man ihn aus Verantwortung für den Klub kaum ablehnen kann, um etwa ein Exempel zu statuieren. Und es gibt ja immer auch einen Trainer, der in seiner täglichen Arbeit betroffen ist und im Zweifel womöglich lieber auf einen Top-Spieler verzichtet, als dauerhaft einen Konflikt in der Mannschaft zu haben. Es gibt in solchen Fällen dann eigentlich keine zufriedenstellende Lösung. Hilfreich wäre es, wenn diese Spieler große Schwierigkeiten hätten, einen neuen Verein zu finden, aber das ist bei der großen Konkurrenz der Klubs untereinander utopisch.

SPORT1: Der HSV hat gute Chancen, aufzusteigen. Was muss passieren, damit das Schiff dann dauerhaft in ruhigere Gewässer steuern kann?

Todt: Ich wünsche dem HSV den Aufstieg sehr. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, aber es ist noch ein ordentliches Stück Strecke zu gehen. Was der Klub allerdings ganz sicher nicht braucht, sind Hinweise von ehemaligen Verantwortlichen oder Ex-Spielern.

SPORT1: Was planen Sie für Ihre Zukunft?

Todt: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ich im Fußball bleiben werde. Wo und in welcher Funktion, wird sich zeigen.