Hamburg - HSV-Trainer Christian Titz spricht bei SPORT1 über die Premierensaison in der 2. Liga. Der Coach verrät, warum Team und Fans von einer Euphoriewelle erfasst wurden.

von Rasmus Godau

Nach dem ersten Bundesligaabstieg der HSV-Geschichte geht Christian Titz voller Zuversicht in die neue Saison. Der Cheftrainer der Hanseaten erzählt bei SPORT1, wie schnell er aus dem Tal der Tränen fand, warum viele Spieler dem HSV treu bleiben und wie sich die Euphorie der Fans auf die Mannschaft überträgt.

Christian Titz über...

...schnell getrocknete Abstiegstränen:

"Es ist kurios, eigentlich müsste man da wochenlang enttäuscht und niedergeschlagen sein. An dem Abend, als wir abgestiegen sind, wurde einem schon bewusst, was da passiert ist und dann ist eine große Enttäuschung eingetreten. Diese hielt aber nicht länger als wenige Stunden an, weil wir direkt mit der Kaderplanung begonnen haben."

"Zu diesem Zeitpunkt war Ralf Becker noch nicht als Sportdirektor hier, da ist vieles in meinen Bereich gefallen: Die Planungen direkt am nächsten Tag über den Kader, Gespräche mit den Spielern, die da waren und mit potenziellen Neuzugängen. Auf einmal stand man schon in den Vorbereitungen und es ging weiter. Die volle Konzentration ging Richtung neues Team, 2. Bundesliga und wie wir das so gestalten können, dass wir das erfolgreich hinbekommen."

...die neue Euphorie im Verein:

"Es ist super mit unseren fantastischen Fans, wie sie uns folgen und die Mannschaft unterstützen. Gerade für die vielen jungen Spieler ist das hilfreich, weil sie sich gepusht fühlen. Den erfahrenen Spielern, die wir haben, gefällt das auch sehr gut. Sie merken, wie ein Schulterschluss mit den Fans entstanden ist, was sehr wichtig ist. Das schärft unsere Sinne, weil jetzt jeder sieht, dass der HSV eine große Fangemeinde, eine starke Beliebtheit und eine Verantwortung gegenüber diesen Menschen hat, die Siege sehen und oben mitspielen wollen."

"Der momentane Stand vor dem Saisonstart ist, dass das Auswärtskontingent und alle Karten vergriffen sind. Viele Anhänger werden sich auch vor Ort noch Karten holen und die Leute vor Ort werden Interesse an uns haben."

...tiefstehende Gegner:

"Ich kann nur den Ratschlag geben, keine Mannschaft zu unterschätzen und zu denken, es wäre eine einfache Liga, nur weil man aus der ersten Liga runter ist - ganz im Gegenteil. Ich bekomme oft die Frage gestellt, ob unsere Art, Fußball zu spielen, in der 2. Liga funktioniert. Ich glaube, was wir spielen, ist ligaunabhängig. Allerdings weiß ich, dass wir bei Tempogegenstößen aufpassen müssen. Der momentane Trainingsschwerpunkt liegt darauf, dass wir unser Zentrum schließen."

"Viele Mannschaften verfügen über enorme Stärke bei Standardsituationen. Ich glaube, jedes Spiel wird eine Art Pokalcharakter haben, weil jeder den Verein schlagen will, der so lange in der Bundesliga dabei war. Man wird in den Spielen hundertprozentig am Anschlag sein müssen und es muss klar sein, dass man dieses Kampfspiel annehmen muss."

"Das WM-Turnier und die Vergangenheit haben gezeigt, dass mittlerweile alle Mannschaften auf einem sehr hohen Niveau sind, in der Defensive zu verteidigen, Räume eng zu machen, Gegner gut zuzustellen, eine gute Zweikampfführung zu haben und schnell umzuschalten. Wenn man das gesehen hat, kann man sich schon ein bisschen vorstellen, was einen erwartet. Ich würde das aber nicht darauf reduzieren, dass alle Mannschaften gegen uns hinten drinstehen werden."

...die Zielsetzung für die Saison:

"Menschen preschen manchmal leichtsinnig nach vorne, bei Spielern finde ich das absolut in Ordnung, weil sie an sich glauben müssen. Aber wir sind mit einer gewissen Demut gut beratschlagt und dass wir zurückhaltend an die Aufgabe gehen. Ich glaube schon, dass die Aufgaben schwer werden, als Mannschaft und Verein traue ich uns das absolut zu, dass wir oben mitspielen können."

"Ich habe allerdings gelernt, dass zu weit nach vorne schauen im Fußball nicht gesund ist. Wir fokussieren uns auf das, was zuerst ansteht. Ich glaube aber, dass wir eine gute Mannschaft haben, mit einer Achse, einer hohen Qualität und vielen interessanten, jungen Spielern, die es uns ermöglichen können, uns diese Saison oben festzubeißen."

...die Vereinstreue von Holtby und Co.:

"Ich bin dankbar und froh, dass die Spieler wie Lewis Holtby, Aaron Hunt und Gotoku Sakai hier geblieben sind, weil das ein Bekenntnis für den Verein ist und für die Art, wie wir Fußball spielen. Ich finde das ist in der heutigen Zeit kein Selbstverständnis, dass Spieler für den Verein auf wirtschaftliche Aspekte verzichten, weil sie sich hier wohlfühlen und etwas reparieren möchten. Sie wollen die Ersten sein, die mit dem Verein wieder hochgehen."

"Ich war über die kompletten Wochen in sehr engem Austausch mit den Spielern, ich hatte da schon ein gutes Verhältnis zu den Spielern aufgebaut. Ich war mir nicht sicher, aber ich habe gehofft und ein gutes Gefühl gehabt, dass sie sich für die Aufgabe entscheiden werden. Ich bin einfach nur froh, dass wir so gute Spieler in der Mannschaft haben."

...den Druck eines Traditionsklubs:

"Die Beispiele Kaiserslautern und 1860 München müssen uns warnen, dass es kein Selbstläufer ist, sondern ein hartes Stück Arbeit. Man benötigt von Woche zu Woche die Bereitschaft, dass man mit hundert Prozent am Anschlag alles reinhaut, um die Spiele erfolgreich zu bestreiten. Natürlich ist eine gewisse Form von Druck da, damit gehen die Spieler ganz individuell um. Wenn also eine ganze Stadt gefühlt hinter dir steht, aber auch den Aufstieg erwartet."

"Logischerweise gibt es auch viele Menschen, die sich freuen würden, wenn man scheitert. Das ist dann schon eine Form von Druck, der da entsteht und auf den Spielern lastet. Man muss Spiele gewinnen, um oben dabei zu bleiben. Das ist etwas anderes, als wenn man gegen den Abstieg spielt, und es jede Woche ums Überleben geht. Es ist ein großer Unterschied, wenn man zwölf Spiele gewinnen muss, um die Liga zu halten, denn zwölf Spiele in der 2. Liga zu gewinnen und oben dabei sein, reicht nicht aus. Man muss lernen damit umzugehen, deutlich mehr Spiele gewinnen zu müssen."

...die Verletzung von Gideon Jung:

"Für Gideon tut es mir sehr leid. Es ist schade, weil er bei uns mit seinem Speed und seiner Zweikampfstärke fest als Abwehrchef in der Zentrale eingeplant war. Ich hoffe, dass die Operation gut verläuft und dass er schnellstmöglich gesund wird. Ob wir noch jemanden holen, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten. Es stehen noch Überlegungen auf der Abgabenseite stehen. Erst wenn wir da die Wirtschaftlichkeit hergestellt haben, können wir uns darüber Gedanken machen. Von daher habe ich komplettes Vertrauen in meinen jetzigen Kader."

...die Aufstiegsfavoriten:

"Union Berlin war letzte Saison schon gut und hat sich gut verstärkt, eine sehr interessante Mannschaft. Ingolstadt und einige andere Mannschaften werden noch dazukommen. Die zweite Liga ist recht eng: Wenn du zwei, drei Spiele gewinnst, rutschst du oben rein, und wenn du zwei, drei verlierst, rutschst du unter rein."

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