Muskelfaserriss Muskelverletzungen machen den Großteil der Verletzungen im Profisport aus
Muskelverletzungen machen den Großteil der Verletzungen im Profisport aus © Getty Images
Lesedauer: 10 Minuten

München - Muskelverletzungen gehören zu den häufigsten Verletzungen im Profisport. Meist handelt es sich um Muskelfaserrisse. SPORT1 erklärt Ursachen, Symptome und Therapien.

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Muskelverletzungen gehören mit zehn bis 15 Prozent zu den häufigsten Sportverletzungen. Oft handelt es sich um einen Muskelfaserriss. Durch seine Häufigkeit ist er ein ständiger Begleiter von Freizeitsportlern und Profis. Ein Muskelfaserriss kann aber auch leicht unterschätzt werden und zu weiteren, schwerwiegenderen Verletzungen führen.

SPORT1 erklärt den Muskelfaserriss mit seinen Symptomen und Ursachen. Dazu gibt SPORT1-Experte Dr. med. Florian Dreyer Tipps zur Behandlung und Vermeidung.

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Für den schnelle Leser

  • Was steckt hinter dem Muskelfaserriss? Beanspruchung der einzelnen Muskelfaser bis über die Belastungsgrenze zum Riss
  • Was sind die Symptome? plötzlicher, stechender Schmerz, Bewegungseinschränkung, Kraftverlust und Verhärtung des Muskels
  • Was sind die Ursachen? Überbeanspruchung des Muskels durch schnelle Bewegungen oder abrupte Richtungswechsel
  • Wie läuft die Diagnose? Meist reicht eine Anamnese und ein Abtasten durch den Arzt aus, evtl. Ultraschall
  • Wie läuft die Behandlung? Pausieren, Kühlen, Druckverband, Hochlagern, entzündungshemmende Schmerzmittel, Tape-Verband
  • Wer ist der Ansprechpartner? Orthopäde
  • Wie ist die Prognose? Genesung innerhalb mehrerer Wochen ohne Langzeitfolgen

Symptome

Die meisten Muskelverletzungen sind Dehnungsverletzungen, d.h. der Muskel wurde über seine Fähigkeiten strapaziert.

Die einzelnen Abstufungen sind:

  • Muskelkater: Mikroverletzungen der Muskelfasern durch lange und ungewohnte Belastungen
  • Muskelzerrung: Überbelastung des Muskels, ohne seine Elastizitätsgrenze zu überschreiten
  • Muskelfaserriss: Riss einzelner Muskelfasern durch eine plötzliche Belastung
  • Muskelriss: Durchtrennung des gesamten Muskels

Im menschlichen Körper befinden sich über 650 Muskeln.

Die Skelettmuskulatur wird auch quergestreifte Muskulatur genannt und besteht aus einzelnen Fasern, die bis zu 100 Mikrometer dick und 15 Zentimeter lang werden können. Reißen einzelne dieser Fasern, spricht man von einem Muskelfaserriss. 

Mehrere dieser Fasern werden durch tiefe Faszien zu einem Muskelfaserbündel zusammengefasst. Reißt das ganze Bündel, handelt es sich um einen Muskelbündelriss. Noch schlimmer ist der Muskelriss: Dabei wird der gesamte Muskel vollständig durchtrennt und ist nicht mehr funktionsfähig.

Bei einer Muskelzerrung werden die kleinsten funktionellen Einheiten des Muskels, die sogenannten Sarkomere, nur übermäßig gedehnt. Die Muskelzerrung ist nach dem Muskelkater die leichteste der vier Verletzungsarten.

Bei einem Muskelfaserriss können starke Schmerzen auftreten. Die Funktion des betroffenen Muskels ist für längere Zeit schmerzhaft eingeschränkt. Je nachdem, wie viele Muskelfasern gerissen sind, kann es zu Einbuchtungen und Verhärtungen im Muskel kommen. Bei kleineren Muskelfaserrissen sind in der Regel keine Blutergüsse zu erkennen.

Premier League Wayne Rooney Wayne Rooney wird während eines Spiels wegen Problemen im Oberschenkelmuskel behandelt
Wayne Rooney wird während eines Spiels wegen Problemen im Oberschenkelmuskel behandelt © Getty Images

Symptome im Überblick:

  • plötzlich auftretender, stechender, krampfartiger Schmerz
  • Einschränkung der Muskelfunktion
  • möglicherweise Einbuchtung und Verhärtung des Muskels
  • Bluterguss bei größeren Muskelfaserrissen

Wie kann es zu einem Muskelfaserriss kommen?

Muskelfasern können durch eine plötzliche Überbelastung reißen. Das passiert, wenn eine Kraft auf den Muskel wirkt, die größer als die Muskelkraft selbst ist.  

Der Muskelfaserriss selbst wird allein durch akute Ereignisse hervorgerufen. Sie treten ohne große Vorankündigung auf. Meist resultieren sie aus schnellkräftigen Bewegungen oder abrupten Richtungsänderungen. 

Muskelfaserrisse sind keine Folge von Vorerkrankungen oder anderer angeborener Faktoren. Allerdings gibt es bestimmte Faktoren, die einen Muskelfaserriss begünstigen.

  • Unterschiedlich ausgeprägte Muskulatur in Wirbelsäule oder Extremitäten
  • Überlastung oder Ermüdung der Muskulatur
  • Kalte Witterung
  • Mangelnde Dehnfähigkeit der Muskulatur
  • Schlecht ausgeheilte Verletzungen
  • Entzündungen im Körper (z.B. kariöse Zähne, Mandelentzündung)

Diese Faktoren erhöhen die Wahrscheinlichkeit auf eine Verletzung aber nur.

Ursachen im Überblick:

  • plötzliche Anspannung und nachfolgend extreme Belastung
  • abrupte Richtungswechsel
  • schnellkräftige Bewegungen

Diagnose

Normalerweise reicht eine Beschreibung des Verletzungshergangs und eine körperliche Untersuchung mit Abtasten der verletzten Stelle durch den Arzt aus, damit dieser eine Diagnose stellen kann. Der Doktor überprüft dabei, ob Verhärtungen oder sogar Lücken im Muskel spürbar sind. Oft ist es allerdings schwierig, zwischen einer Muskelzerrung und einem Faserriss zu unterscheiden. "Das ist eigentlich kaum zu erkennen", verrät Dr. Dreyer und warnt: "Das ist die Gefährlichkeit." 

Um es genau sagen zu können, brauche man eine Kernspintomographie. "Beim Hobbysportler wäre ich damit aber zurückhaltend, da es wenig Relevanz hat. Man verordnet so oder so eine Sportpause und der Patient wird nicht jeden Tag zwei bis drei Mal behandelt werden. Wenn die Funktion nicht eingeschränkt ist, braucht man keine Kernspintomographie", erklärt der Mediziner. Seien jedoch tiefe Dellen spürbar, die auf einen richtigen Muskelriss hindeuten, "braucht man ein Kernspin, um zu entscheiden: OP oder konservative Therapie."

Geröntgt wird nur, um eine Verletzung am Knochen auszuschließen, wenn eine direkte Gewalteinwirkung stattgefunden hat.

Was ist die beste Behandlung?

Direkt nach der Verletzung sollte der betroffene Bereich nach der sogenannten PECH-Regel mit Erste-Hilfe-Maßnahmen behandelt werden.

Wichtigste Grundvoraussetzung ist ein sofortiges Ende der sportlichen Aktivität, wenn der Verdacht auf eine Muskelverletzung besteht. Jede weitere Aktion könnte zu einer Einblutung ins Gewebe und damit zu weiteren Schädigungen des Muskels führen. Der Heilungsprozess würde damit verlängert.

Direkt nach der Verletzung sollte die betroffene Stelle hochgelagert und gekühlt werden und eine Kompression erfolgen. Am effektivsten haben sich sogenannte Hot-Ice-Binden erwiesen. Dabei handelt es sich um Binden, die in ein Grad kaltes Wasser eingelegt werden.

Zur Herstellung von Hot-Ice werden in einem Eimer zwei Liter kaltes Wasser mit ca. 30 Eiswürfeln heruntergekühlt. Wenn die Eiswürfel geschmolzen sind, hat das Wasser die optimale Hot-Ice-Temperatur. Eiswürfel und Eisspray zur Erstversorgung sind auch geeignet, haben aber nicht dieselbe Effektivität, wie Hot-Ice-Verbände.

US Open Mary Pierce Mary Pierce kühlt ihren Oberschenkel bei den US Open 2005
Mary Pierce kühlt ihren Oberschenkel bei den US Open 2005 © Getty Images

Nach rund 20 Minuten wird der Hot-Ice-Verband wieder abgenommen. Im weiteren Verlauf ist die Behandlung mit Eis kontrovers diskutiert. "Nach 20 Minuten ist es eher so, dass sich die Gefäße zusammen ziehen. Wenn das Eis weg ist, gehen sie wieder auf und es schwillt erst recht an", so Dr. Dreyer. Er rate nach der Frühphase eher dazu, nur ein bis zwei Minuten in Eiswasser zu verweilen - und das mehrfach im Wechsel. 

Das Entscheidendste ist laut dem Olympiarzt das Hochlagern. Dr. Dreyer erklärt: "Die Schwellung kann nur der Schwerkraft folgen und sie muss zum Herzen hinfließen. Wenn also das Herz höher liegt, als der große Zeh, fließt die Schwellung erstens nicht weg und zweitens staut sich alles, weil die Abflusswege zusammengedrückt werden." Dadurch würde sich das Abschwellen deutlich verzögern.

Nach den Erste-Hilfe-Maßnahmen ist eine Sportpause von rund fünf Tagen wichtig, um dem Muskel Zeit zur Genesung zu geben. 

Die PECH-Schema beim Muskelfaserriss

Als Gedächtnisstütze für die Erstversorgung bei Muskelfaserrissen sorgt die PECH-Regel:

  • P-ause: Direkt nach dem Unfall mit dem Sport aufhören und den verletzten Muskel ruhigstellen
  • E-is: Die betroffene Stelle kühlen, um einen möglichen Bluterguss zu verhindern
  • C-ompression: Die Blutzufuhr in die betroffene Stelle durch Druck verringern, um eine Schwellung zu verhindern
  • H-ochlagerung: Die betroffene Stelle hochlagern, um eine Einblutung zu verhindern

Zusätzlich zu den Maßnahmen der Erstversorgung sollten entzündungshemmende Schmerzmittel wie Ibuprofen eingenommen werden. Achtung: Das Gewebe sollte sich nicht erwärmen und nicht massiert werden, da sich sonst die Einblutung verstärken kann. Laut Dr. Dreyer sei auch übermäßiges Dehnen kontraproduktiv. "Es kann zu Verkalkungen der eingeblutenen Muskulatur kommen, wie eine kleine Verknöcherung. Das müsste dann operiert werden", so Dr. Dreyer.

Zudem kann eine physikalische Therapie in Form von Lymphdrainage oder Kältetherapie die Regenerierung des Muskels fördern. Auch ein Tape-Verband kann die Heilung beschleunigen.

Bei schwereren Muskelfaserrissen bzw. Muskelbündelrissen kann eine Operation nötig werden. Die gerissenen Partien werden mit einem Nahtmaterial genäht, das sich mit der Zeit selbst auflöst. 

Wie lange dauert es, bis man wieder Sport machen kann?

Natürlich hängt dies von der Schwere der Verletzung ab. Aber in der Regel kann nach fünf Tagen wieder ein leichtes Lauftraining absolviert werden, welches sogar förderlich für den Heilungsprozess ist. Nach einigen Wochen sollte eine uneingeschränkte sportliche Betätigung wieder möglich sein.

Aber Dr. Dreyer warnt: "Eine Pause von sechs Wochen ist schon ratsam, bevor man in eine sportartspezifische Belastung geht. Trotzdem ist es sinnvoll, früh funktionell nachzubehandeln, also wieder locker zu bewegen."

Prävention im Sport

Zumeist ist eine Überbelastung Auslöser für etwaige Muskelverletzungen. Daher kann ein Großteil davon vermieden werden, indem die Belastung bei einer körperlichen Aktivität richtig dosiert wird und ein ausführliches Aufwärmen erfolgt. Erst, wenn die Muskelfasern eine gewisse Temperatur erreicht haben, werden sie ausreichend geschmeidig und elastisch für Sport.

Beim Sport geht es darum, seine eigene Leistungsfähigkeit auszuloten und wenn möglich zu verschieben. Aber dies sollte dosiert und wohl geplant vonstattengehen. Eine Steigerung der Intensität des Trainings sollte langsam und schrittweise erfolgen. 

Auch ein muskuläres Missverhältnis kann einen Muskelfaserriss fördern. Zur Prävention ist daher ein gezieltes Krafttraining effektiv, welches derartigen Dysbalancen entgegenwirkt.

Präventionsmaßnahmen im Überblick

  • Ausführliches Aufwärmen
  • Überlastung vermeiden
  • Stabilisation/propriozeptives Training

Muskelfaserriss – "Dauergast" im Profisport?

Da die Athleten im Profibereich ständig an und über ihre Leistungsgrenzen gehen, könnten man meinen, dass Muskelfaserrisse an der Tagesordnung sind.

Der Fitnesszustand der Athleten und ihr gewohnter Umgang mit dem eigenen Körper sind ein Faktor, der Muskelverletzungen zu einem gewissen Grad eindämmen kann.

Nichtsdestotrotz ist diese Art von Sportverletzung für einen Großteil der Ausfallzeiten im Profibereich verantwortlich. Laut einer UEFA-Studie zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich waren die häufigsten Verletzungen während des Turniers Muskelverletzungen, der Großteil Muskelfaserrisse meist im Oberschenkel.

Fußball Gary Cahill England Gary Cahill spürt, wie "der Muskel zumacht"
Gary Cahill spürt, wie "der Muskel zumacht" © Getty Images

Meistens ist der Muskel an der Oberschenkel-Rückseite betroffen. 15 Spieler fielen für das Turnier dauerhaft aus, neun Spieler mussten sogar länger als 28 Tage pausieren. Auffällig ist, dass fast alle diese Sportverletzungen ohne Fremdeinwirkung passiert sind - das typische Bild für Muskelverletzungen.

Dr. med. Florian Dreyer ist Facharzt für Orthopädie und leitender Oberarzt im Zentrum für Fuß- und Sprunggelenkchirurgie der Schön Klinik München Harlaching. Neben der Durchführung von über 3500 Operationen an Fuß und Sprunggelenk werden hier in einem der weltweit größten Schwerpunktzentren internationale Sportler aus Breiten-, Leistungs- und Spitzensport mit medizinischen Fragestellungen zu Fuß und Sprunggelenk betreut und versorgt. Seit 2007 betreut er die Bob- und Skeleton-Nationalmannschaft des Bob- und Schlittenverbands für Deutschland. Dr. Dreyer war 2018 als Olympiaarzt bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang tätig. Seit einigen Jahren leitet er zudem das medizinische Team der Beachhandball-Nationalmannschaften des Deutschen Handballbundes. Neben der Versorgung von internationalen Leistungssportlern fungiert er zudem als Ansprechpartner für leistungsorientierte Mannschaften diverser Sportarten im Großraum München.