SPORT1 lässt die Premiere der Europaspiele Revue passieren und zeigt, was erfolgreich verlaufen ist und wo Steigerungspotenzial gegeben ist. Die TOPS und FLOPS von Baku 2015.

TOPS

TURNER:

Gold und Silber für Fabian Hambüchen, Silber für Sophie Scheder im Einzel am Stufenbarren sowie mit dem überraschenden Platz zwei der Damen-Mannschaft – die Bilanz der deutschen Turner ist sehr vorzeigbar. Gerade Scheder bewies, dass neben Elisabeth Seitz eine weitere deutsche Turnerin in der Weltspitze angekommen ist. Bei den Männern hatte man sich zwar insgesamt noch etwas mehr ausgerechnet, doch das furiose Comeback Hambüchens trotz Handycaps am Finger entschädigte für Platz fünf im Teamwettbewerb.

TISCHTENNIS:

Nach dem krankheitsbedingten Ausfall Timo Bolls ruhte die komplette Last im Tischtennis auf Europas Nummer eins, doch Dimitrij Ovtcharov wurde den Erwartungen absolut gerecht. In einem hochklassigen Finale gegen Altmeister Wladimir Samsonow holte sich der Europameister auch den Titel bei den Europaspielen und vorzeitig das Ticket zu Olympia. Auch die Damen glänzten zunächst, gingen dann nach Gold mit der Mannschaft im Einzel aber leer aus.

MARCEL EWALD: Es war eine der emotionalsten Medaillen der Spiele: Nach einer handfesten Prügelei zweier Konkurrenten rutschte der Ringer als Lucky Loser ins Halbfinale und holte am Ende überraschend Silber. Den Erfolg widmete er seinem Zwillingsbruder und Trainingspartner Christoph: "Ohne ihn wäre ich nicht hier."

KANUTEN:

Auf die Paddler ist Verlass. Max Hoff und Sebastian Brendel sorgten für die ersten deutschen Goldmedaillen der Spiele. Insgesamt stand für die Kanuten am Ende siebenmal Edelmetall in 15 Wettbewerben zu Buche. Hoff holte sich neben zwei Titeln im K1-Halbfinale über 1000m einen inoffiziellen Weltrekord. Die WM im August in Mailand kann kommen.

JUDOKA:

Elf Medaillen verbuchten die deutschen Mattenkämpfer und erlebten damit die beste EM seit 1992 sowie durch Martyna Trajdos das erste EM-Gold seit acht Jahren. Trajdos wurde dann auch zur Fahnenträgerin für die Schlussfeier auserkoren. Dazu erkämpfte sich die zweimalige Paralympics-Siegerin Ramona Brussig im integrierten Wettbewerb der Blinden-Judoka Bronze in der Klasse bis 57 kg.

HEYNEN UND SEINE VOLLEYBALLER:

Nach WM-Bronze im vergangenen Jahr bestätigte die Mannschaft von Bundestrainer Vital Heynen, dass sie auf bestem Wege ist, sich in der erweiterten Weltspitze festzusetzen. Gold war der verdiente Lohn für ein souveränes, wenngleich nicht mit allen Top-Mannschaften besetztes Turnier. Nur einer Niederlage in acht Spielen stehen sieben Siege gegenüber, fünf davon mit 3:0.

SCHWIMM-NACHWUCHS:

Erst räumten bei den in Baku ausgetragenen Junioren-Europameisterschaften die Wasserspringer ab, dann legten die Beckenschwimmer nach. Insgesamt 18 Medaillen zeigen: Der Nachwuchs ist Richtung Tokio 2020 auf einem guten Weg.

FAIR PLAY UNTER KAMPFSPORTLER:

Der weißrussische Sambo-Kämpfer Stsiapan Papou besiegte im Finale der Klasse bis 74 kg den Aserbaidschaner Amil Gasimov mit einem äußerst schmerzhaften Haltegriff am Beim. Als sein geschlagener Gegner nicht mehr auftreten konnte, trug er ihn unter lautem Beifall der Zuschauer kurzerhand huckepack in die Kabine.

SCHÜTZEN:

Mit insgesamt sechs Medaillen, darunter drei goldene, zeigte sich der Deutsche Schützenbund gewohnt treffsicher. Zudem sicherte Henri Junghänel mit seinem Titel im Kleinkaliber-Wettbewerb über 50 Meter liegend dem DSB einen Quotenplatz für Olympia in Rio.

STIMMUNG BEI DEN ATHLETEN:

Durch die Bank lobten die Teilnehmer die Idee der Spiele und die Organisation von "Mini-Olympia". Gerade die Jüngeren blühten auf der großen Bühne auf. Doch auch die erfahrenen Sportler wie Hambüchen, Ovtcharov oder Fechterin Britta Heidemann fühlten sich sichtlich wohl und genossen den Austausch mit anderen Sportlern im Athletendorf.

FLOPS

ATMOSPHÄRE BEI DEN ZUSCHAUERN:

Stimmung kam fast nur auf, wenn aserbaidschanische Wettkämpfer involviert waren. Mitunter leerten sich die Ränge nach den Auftritten der Lokalmatadoren blitzartig, Kämpfe um Goldmedaillen fanden teils vor Geisterkulissen statt. Schlimmer aber waren die ständigen Feindseligkeiten gegen Vertreter der armenischen Delegation. Überhaupt ließ der Fairness-Faktor schwer zu wünschen übrig.

HEIMVORTEIL:

Es gehört wohl zum Sport dazu, dass man vor heimischer Kulisse hier und da einen Vorteil bekommt, aber gerade in den Kampfsportarten waren die Urteile der Kampfrichter zugunsten von Aserbaidschanern und auch Russen zum Teil haarsträubend. Nicht wenige Boxer, Ringer und Judoka fühlten sich benachteiligt.

DEUTSCHE FECHTER:

Die dramatisch erkämpfte Bronzemedaille der Säbel-Herren - die einzige für den Fechterbund - schönte die unter dem Strich sehr enttäuschende Bilanz noch etwas. Aber besonders die hoch gehandelten Florett-Damen blieben deutlich unter den Erwartungen. Und Olympiasiegerin Britta Heidemann verlor gleich ihr erstes K.o.-Gefecht.

GASTGEBER WITTERN KAMPAGNE:

Diskussionen über Verstöße gegen die Menschenrechte, Zensur und Inhaftierung von politischen Gegnern und kritischen Journalisten begleiteten die Spiele weit vor und auch während der Veranstaltung. Statt sich der Kritik zu stellen, beschwerten sich Journalisten und auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, keinen Zutritt ins Land bekommen zu haben. Jugend- und Sportminister Azad Rahimov erklärte auf einer Pressekonferenz, "westliche Nicht-Regierungsorganisationen" seien für das negative Image des Landes verantwortlich.

GIGANTISMUS:

Natürlich kostet eine solche Veranstaltung Geld, sogar viel Geld. Aber braucht man eine Eröffnungsfeier mit einem Star vom Formate Lady Gagas? Alleine die Show zum Auftakt kostete 85 Millionen Euro, wie man stolz verkündete, zweieinhalb Mal so viel wie bei Olympia in London. Insgesamt belaufen sich die Schätzungen für die Kosten der Spiele auf sechs bis acht Milliarden Euro. "Standards, die schwer zu erfüllen sein werden", urteilte der deutsche Chef de Mission Dirk Schimmelpfennig.

LEICHTATHLETIK:

Für ganze zwei Wettkampftage wurde das mutig benannte Olympiastadion benutzt. Zu den drittklassigen Wettbewerben der olympischen Kernsportart verlor sich nur eine Handvoll Zuschauer in den Protzbau. Sie sahen unter anderem, wie die von Aserbaidschan eingebürgerte Ex-Äthiopierin Chaltu Beji über 3000 m Hindernis meilenweit vor dem Feld weglief, am Ende am Wassergraben strauchelte und dennoch mit über 25 Sekunden Vorsprung ins Ziel kam – mit einer Zeit gut eineinhalb Minuten über dem Weltrekord. Später wurde sie des Dopings überführt.

KLIMA:

Am vorletzten Tag fielen ein paar vereinzelte Regentropfen, ansonsten brannte die Sonne meist unerbittlich vom Himmel, Temperaturen kratzten teils die 40-Grad-Marke. Was in den Hallen durch den massiven Einsatz von Klimaanlagen noch auf Kosten erheblicher Energieressourcen kompensiert wurde, war für die Freiluftsportarten zum Teil eine Zumutung. Olympia, hier, im August? Schwer vorstellbar.

AUßENPOSTEN MINGACHEVIR:

Die Kanuten sind es gewohnt, etwas ab vom Schuss zu sein, aber 270 Kilometer zum eigentlichen Austragungsort der Spiele waren dann vielleicht doch etwas zu weit. So bekamen sie nach "fünf Stunden Fahrt durch die Wüste" (Brendel) vom Team-Gefühl kaum etwas mit.