Die deutschen Klubs sind der Premier League deutlich voraus © SPORT1-Grafik: Flickr/iStock
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München - In Deutschland ist eSports angekommen. Anders sieht es in England aus. Doch warum zögern die Briten? SPORT1 sprach mit einem Schalker und einem Ex-Bundesligastar.

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Eigentlich ist die Premiere League immer Vorreiter. Zumindest im realen Fußball.

Früh wagten Vereine wie Manchester United im Sommer den Sprung nach Asien, um Werbung für den eigenen Verein und die Premier League zu machen. Alleine für das ganze Ligakonstrukt, welche 1992 auch mit Blick auf ansteigende Fernseheinnahmen gegründet wurde, hatte stets die Vermarktung eine große Rolle gespielt.

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Doch im eSports hängen die englischen Klubs hinterher. Lediglich Manchester City verfügt über eine eigene FIFA-Abteilung. Unter anderem steht der deutsche Kai "deto" Wollin bei den Citizens unter Vertrag.

Hinzukommen wenig erfolgreiche Engagements von West Ham United, Queens Park Rangers oder den Tottenham Hotspur, die ihr neues Stadion auch für eSports-Events nutzen wollen.

Bundesliga mit Schalke als Aushängeschild

In der Bundesliga sind es hingegen mit Bayer Leverkusen, dem VfL Wolfsburg, RB Leipzig, dem VfB Stuttgart, Hertha BSC oder Werder Bremen mehrere Klubs, die deutsche FIFA-Gamer auf Topniveau stellen. Dazu kommt der FC Schalke 04, der neben zwei FIFA-Profis über eigene Teams in Pro Evolution Soccer und League of Legends verfügt.

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Diese deutschen Klubs mischen im eSports mit!

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Für Schalkes Chief Gaming Officer Tim Reichert ist es aktuell kein Rennen auf Augenhöhe zwischen den Ligen, wie er im SPORT1-Interview verrät: "Aktuell hat die Bundesliga im eSports definitiv die Nase vor der Premiere League. Die wenigen Klubs, die FIFA machen, sind in England nicht so erfolgreich. Wir in Deutschland sind gesegnet mit FIFA-Spielern, auch wenn wir nicht den Weltmeistertitel geholt haben."

Dabei führte er aus: "Aber wenn wir uns den VfL Bochum als Zweitligist anschauen, der mit dem Michael "MegaBit" Bittner sehr weit in der Welt vorgedrungen ist, dann sind wir mindestens zwei Schritte voraus. Und dann haben wir uns als Aushängeschild in noch ganz anderen Bereichen, wie dem populärsten und reichweitenstärksten Titel League of Legends. Wir sind der Premiere League da fast schon meilenweit voraus."

Schalke ist ein Vorreiter in Europa

Mit dem LoL-Team ist Schalke 04 so etwas wie ein Vorreiter in Europa. Viele Sportvereine fokussieren sich auf Fußballsimulationen wie FIFA und PES. Paris Saint-Germain hatte zeitweise ein LoL-Team, trennte sich aber von diesem und ist inzwischen eine Partnerschaft mit dem chinesischen Dota-2-Topteam LGD eingegangen. Die Athleten treten als PSG.LGD im Pariser Trikot bei der Weltmeisterschaft an.

Laut der BILD hat auch der FC Bayern München über einen eSports-Einstieg mit einem der großen eSports-Titel fernab von FIFA geliebäugelt, ehe Uli Hoeneß persönlich sein Veto einlegte.

Der DFB hatte ebenfalls über den Vorsitzenden Reinhard Grindel Anfang des Jahres gegen das professionelle Zocken gewettert, ruderte aber wenige Monate später mit den neuen "eSoccer"-Leitlinien zurück. Grundsätzlich hat eSports in Deutschland keinen leichten Stand. Neben FIFA gibt es wenig Spielraum für kompetitives Zocken. 

Warum eSports machen?

Mit einer jungen und kaufstarken Zielgruppe lockt der eSports viele Investoren und Sponsoren an, was auch für Sportvereine interessant ist. Durch die hohe Internet- und Social-Media-Affinität der Athleten spielen Reichweiten eine ähnliche Rolle wie bei Profikickern. Nicht immer muss bei einem eSports-Engagement das schnelle Geld im Fokus stehen.

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Das sagt der DFB über die eSports-Ausrichtung

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Reichert erklärt die finanzielle Situation für Klubs: "Wenn die Null stehen würde, wäre es nicht dramatisch, weil der ganze Verein natürlich von den Mehrwerten, Reichweiten und der neuen Zielgruppenansprache profitiert. Eine glatte Null würde jeden Verein prinzipiell zufriedenstellen."

Im Fall von Schalke habe Alexander Jobst als Marketingvorstand schon erklärt, dass die eSports-Sparte inzwischen auch finanziell profitabel sei: "Das ist natürlich besser als eine Null."

Reichert kritisiert Zwangverpflichtung

Dabei gibt es keinen Königsweg für den eSports-Einstieg. In Frankreich (eLigue Un) und in den Niederlanden (eDivisie) sind die Erstligisten verpflichtet einen oder mehrere eSportler für die verbandseigene FIFA-Liga zu stellen. Ein Konzept, das Reichert kritisch beäugt: "Ich finde es extrem wichtig, dass jeder Verein selber entscheiden kann."

In Deutschland ist das Konzept der Virtuellen Bundesliga ein wenig lockerer. Dort ist kein Klub dazu verpflichtet, kann aber zwei gesicherte Startplätze wahrnehmen.

Eine klare Struktur gibt es in England für die Premier League noch nicht. Nach Informationen vom Kicker ist aber ein solcher Ligenableger zum Start von FIFA 19 geplant. Bestätigt wurde dies noch nicht.

Die FA gab auf SPORT1-Nachfrage kein Statement zu einer geplanten Liga ab.

Christian Fuchs als eSports-Gesicht

Einen etwas anderen Weg fährt die Organisation NoFuchsGiven von Ex-Bundesligastar Christian Fuchs, der inzwischen für Leicester City spielt. Er gründete sein eigenes eSports-Team, nachdem er die Begeisterung seines Sohnes beim Zocken gesehen hatte.

Auf SPORT1-Nachfrage erklärte er, warum die Premier League mit ihren Klubs wohl noch zaghaft ist: "Die Liga möchte sicherlich noch warten und schauen, wie es andere machen. Wir glauben aber, dass die eSports-Liga kommen wird und dann wird es überragend. Aufgrund der Größe der Premier League und ihres Werts ist es schwierig, innovativ zu sein."

Innovation wäre für den neuen eSports-Weg sicherlich eine Option, ansonsten rennen die Bundesliga-Klubs der Premier League virtuell noch weiter davon.

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