© ESL - Kai Kuczera
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Im SPORT1-Interview spricht Timo "Horstor" Prestin, deutscher CS:GO-Kommenator von 99Damage, über die deutsche Szene und den Aufschwung bei mousesports.

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SPORT1: Aktuell wird die Tabelle der ESL Pro League von Astralis, NiP und G2 angeführt. Ist das für dich eine Überraschung?

Timo "Horstor" Prestin: Astralis ist eines der konstantesten Teams im Ligabetrieb und sicherlich nach wie vor eines der vier besten Teams - auch wenn sie in Turniersituationen oft den anderen dann unterlegen sind. Über fnatic muss man denke ich keine Worte verlieren - also keine Überraschung dort. G2 hat in letzter Zeit sehr gute Leistungen gezeigt und mausert sich wohl zum besten französischen Team. 

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Allerdings haben sie auch schon 18 Spiele hinter sich. Es würde mich also nicht wundern, wenn sie noch von Na'Vi aus den Top 4 verdrängt werden sollten.

Meine Überraschung ist Ninjas in Pyjamas, die ja in den letzten Monaten von schlechten Leistungen und Unkonstanz geplagt waren. Der Austausch von allu durch den Schweden pyth scheint zumindest auf den ersten Blick den gewünschten Aufwind gebracht zu haben. Ob sie diesen Aufwärtstrend halten und dann auch auf Turniere mitnehmen können, bleibt abzuwarten.

SPORT1: Virtus.pro und FaZe befinden sich derweil am unteren Ende der Tabelle. Wo siehst du ihre aktuellen Probleme?

Horstor: Ich denke Virtus.pro und FaZe haben das gleiche Problem, allerdings von unterschiedlichen Seiten. Die Top-Teams haben sich in den letzten Monaten enorm gesteigert. Früher gab es Teams, die sich mehr über das Aiming und den individuellen Skill definiert haben - dazu würde ich FaZe und auch EnVyUs zählen - und andere, wie zum Beispiel Virtus.pro, die mehr über Erfahrung, gutes Zusammenspiel und ausgefeilte Taktiken ihre Stärken gezeigt haben. Um heute in den Top 5 mitzuspielen braucht man beides. Virtus scheint auch etwas zu resignieren und ist zusätzlich noch mehrfach von DDoS-Attacken geplagt gewesen, was sicher noch mehr Frustration ausgelöst hat.

SPORT1: Was denkst du über die Online-Auftritte von mousesports? Zuletzt musste man sich gegen Flipsid3 und Dignitas jeweils 0:2 geschlagen geben. Ist das ein schlechtes Omen für das Major?

Horstor: Online-Niederlagen gegen ein immer mal wieder stark aufspielendes Flipsid3 und ein nicht zu unterschätzendes Dignitas sollte man nicht überbewerten. Ich denke, wenn es uns etwas zeigt, dann, dass die Mäuse sehr große Unterschiede in ihrer Map-Performance haben.

Auf Dust 2 kann man unter Umständen jeden Schlagen, auf beispielsweise Inferno kann es ganz anders aussehen. Aber das ist normal für ein aufstrebendes Team. Wir Deutschen neigen dazu, eine unglaublich hohe Erwartungshaltung an unsere Mannschaften zu haben und wenn dann ein Team anfängt, in die hohen Sphären vorzudringen, wird erwartet, dass sie nie wieder gegen Teams verlieren, die noch vor ein paar Monaten als sehr harte Gegner eingestuft wurden.

Auf einem Event wie dem MLG Columbus gelten ganz andere Regeln. Dort ist mentale Stärke unglaublich wichtig. Einige Teams zerbrechen an dem Druck und wieder andere blühen auf. Bei der IEM Katowice hat mouz gezeigt, dass sie in der Lage sind, auch fnatic und Luminosity gefährlich zu werden - beides waren Spiele, die man wirklich hätte gewinnen können, allerdings aufgrund von Fehlern doch verloren hat. Sollte ihnen das auch auf dem Major gelingen, können sie aus der Gruppenphase kommen und dann wäre die erste Hürde zu einer guten Platzierung geschafft. Ich vermute der Umgang mit dem Druck wird der entscheidende Faktor, denn das Potenzial ist da.

SPORT1: Mousesports hat in den vergangenen 12 Monaten viele Änderungen durchlebt. Man holte die drei Jungs von PENTA und ließ später gob b gehen. Nun hat man temporär Kapio im Boot und setzt auf enkayJ als strategischen Coach. Wie blickst du auf diese Entscheidungen zurück? Hat man richtig gehandelt?

Horstor: Ich war ein klarer Gegner davon, gob b aus dem Team zu entfernen und gegen jemand vermeintlich aimstärkeren zu ersetzen, da ich ihn für enorm wichtig für die Entwicklung von mousesports halte. Auch heute glaube ich, dass mouz ohne ihn nicht da wäre wo sie heute sind und ich war der Meinung, dass er auch für die zukünftige Weiterentwicklung notwendig wäre.

Allerdings gibt es international einen deutlich erkennbarer Trend weg vom klassischen Ansager als taktisches Oberhaupt, der oftmals dafür in seiner eigenen Spielstärke deutlich eingeschränkt war, hin zu einem etwas lockereren Stil mit mehr Freiraum für die Einzelspieler und ihre individuellen Stärken. Fnatic hat es vorgemacht. Das was pronax für fnatic war, war gob b - wenn auch in anderem Maßstab - für mouz. Durch diese Parallelen kann ich die Entscheidung nachvollziehen, halte sie aber für zu früh.

Allerdings kann ich nicht ins Teaminterne hineinschauen und kann nicht nachvollziehen, wie viel gob ihnen noch hätte beibringen können. Ich denke, man versucht Kapio als Ausgleich einzusetzen, der noch weiter die Spieler individuell voranbringt, aber eben von außen. Man ist meiner Meinung nach ein hohes Risiko eingegangen. Wenn man sich von gob b trennt und dann feststellt, dass es zu früh war, kann man die Entscheidung nicht mehr rückgängig machen und hat vielleicht den entscheidenden Faktor für den Fortschritt verloren. Ich denke es ist schwer das vorherzusagen, vor allem für mich, der das Ganze nur von außen betrachten kann. Die kurzfristigen Erfolge sind wahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass sich NiKo deutlich freier entfalten kann und immer öfter sein Team auf seine Schultern nimmt. Die Zeit wird es zeigen.

SPORT1: Was hältst du von den deutschen Teams, die in der ESL Meisterschaft antreten? Könnte ein Konkurrent bald mousesports den Rang ablaufen? Wie sieht deine Top 5 der besten deutschen CS:GO-Teams aus?

Horstor: In der ESL Meisterschaft ist oft großes Chaos und die Spiele sind sehr unberechenbar, was ich hauptsächlich auf die Unerfahrenheit der meisten Spieler zurückführen würde. Und man darf Erfahrung nicht nur in Zeit messen, sondern muss auch die Qualität mit einbeziehen: Zwei Jahre auf gutem deutschen Niveau bringen einen nicht so voran wie zwei Jahre auf der internationalen Bühne. Von daher kann ich den Schritt von mouz, sich aus dem deutschen Wettbewerb zurückzuziehen, nachvollziehen.

Trotzdem gibt es einige vielversprechende Kandidaten, die immer besser werden. mouz und PENTA sind nach wie vor die Teams in Deutschland, die es zu schlagen gilt. Alternate aTTaX zeigt enormes Potenzial, stagniert aber seit einiger Zeit leider. Mein heißester Kandidat aus der deutschen Szene ist wohl momentan FAB Games eSport, die einen sehr sauberen und durchdachten Spielstil pflegen. Und man sieht in jeder Partie, wie viel Zeit und Gehirnschmalz sie in ihr Zusammenspiel und die Ausführungen stecken. Wenn sie den derzeitigen Weg weiter gehen können, erwarte ich, dass sie sich in naher Zukunft an der deutschen Spitze fest setzen können. Danach - und das gilt auch für aTTaX - ist es aber notwendig, sich international seine Erfahrung zu holen gegen Teams, die jeden Fehler bestrafen. Und das gibt es momentan in Deutschland sonst nicht wirklich. Den 5. Platz würde ich vermutlich bei EYES ON U oder LeiSuRe sehen.

SPORT1: Gibt es sonst noch einen Gedanken, den du mit den Lesern teilen möchtest?:

Horstor: Ich würde alle Fans und die deutsche Community bitten, hinter den Teams zu stehen, hinter mousesports zu stehen und nicht bei jedem Rückschlag direkt die "Muss mouz jetzt wechseln?"-Frage zu stellen. Nichts kann einen Spieler mehr runterziehen und die Leistung einbrechen lassen, wie Selbstzweifel und Frust. Und auch, wenn man sich nicht zu sehr davon beeinflussen lassen sollte, ist niemand immun gegen derartige Vorwürfe. Deutschland ist was Counter-Strike im eSports angeht lange ein Entwicklungsland gewesen und so langsam sind wir an der Schwelle, wieder präsent zu werden. Aber ein bisschen Geduld müssen wir noch haben.