SPORT1-Kolumnist Rick Goldmann zieht ein Fazit des deutschen Abschneidens bei der WM
SPORT1-Kolumnist Rick Goldmann zieht ein Fazit des deutschen Abschneidens bei der WM © SPORT1-Grafik: Getty Images/SPORT1

In seiner SPORT1-Kolumne spricht Rick Goldmann über die Gründe des deutschen WM-Ausscheidens und erklärt die Defizite der hoch gehandelten Kanadier.

Liebe Eishockey-Freunde,

es hat leider nicht sollen sein mit dem Viertelfinale. Aber wir dürfen nicht vergessen, Deutschland ist keine Eishockey-Nation, die bei einer WM - gespickt mit Top-NHL-Spielern - ein Abo auf einen Platz unter den besten Acht hat. Trotz Olympia-Silber, trotz Viertelfinale bei der Heim-WM. (Alle Infos zur Eishockey-WM)

Die Jungs von Marco Sturm haben zu lange gebraucht, um ins Turnier und vor allem zu ihrem Spiel konstant zu finden. Das lässt sich natürlich mit der jungen Mannschaft, den WM Neulingen, den zahlreichen Rücktritten und verletzungsbedingten Ausfällen erklären. Denn zu Turnierbeginn fehlte diesem Team noch das Selbstvertrauen und die Abstimmung, die sie sich erst mit Fortdauer des Turniers erarbeitet haben. (Eishockey-WM LIVE im TV auf SPORT1)

Sie hat sich dann von Spiel zu Spiel gesteigert und uns mit dem Auftritt gegen Finnland dann auch schwer begeistert. Das Problem: Eben gerade zu Turnierbeginn ging es schon gegen die Nationen auf Augenhöhe. Hier hier hat die Mannschaft die wichtigen Punkte gegen die direkte Konkurrenz ums Viertelfinale liegengelassen. Auch, weil sie in diesen Spielen noch zu abhängig von Leon Draisaitl und den Führungsspielern wie Ehliz, Hager und Plachta war.

Dies hat sich im Turnierverlauf geändert – und das war auch ein Grund für den überraschenden Erfolg gegen die so starken Finnen.

Trotz des frühzeitigen Aus im Kampf um die Viertelfinals haben die Jungs von Marco Sturm Charakter bewiesen. Das zeigt auch, dass sie gegen Finnland eine überragende und ihre beste Turnierleistung gezeigt haben.

Gerade diese Leistungen belegen, dass Sturm aus den Spielern, die ihm zur Verfügung standen, eine Einheit geformt hat, die seine Spielidee umsetzt.

Eine Enttäuschung war für mich bisher das Auftreten der Kanadier. Sie waren für mich aufgrund ihres Kaders der Favorit in der deutschen Gruppe, sind aber zurecht auch nur Dritter hinter Finnland und den USA geworden. Sie haben im Laufe des Turniers ihr Spiel verloren, ihre Schnelligkeit und ihre Offensiv-Power dann dadurch nicht mehr umsetzen können.

Die Finnen dagegen haben gerade gegen die großen Gegner Kanada und USA bewiesen, dass sie genau das haben, was man in solchen und in Ausscheidungsspielen braucht: brutale Chancenverwertung, eine nahezu perfekte Defensive und einen sehr guten Goalie. Auch wenn sie gegen Dänemark und Deutschland Punkte liegen haben lassen.

Aber auch als Gruppensieger wartet nun mit den Schweizern eine Mannschaft, der ich vor dem Turnier sehr viel zugetraut habe und die sich mit den NHL-Zugängen Meier, Fiala und gerade Josi noch einmal richtig gut verstärkt hat. (Spielplan der Eishockey-WM 2018)

Für die USA, die bis dato ja auch sehr stark und homogen aufgetreten sind, könnte die Niederlage gegen Finnland auch der rechte Warnschuss vor dem Viertelfinale gegen Tschechien gewesen sein. Die Tschechen haben durch die NHL-Verstärkungen Krejci und Pastrnak einen Schub erhalten. Ihr Spiel hat noch einmal eine neue Power bekommen. Da sieht man mal wieder, wie zwei solche Ausnahmespieler eine Mannschaft voranbringen können.

Für die so hochgeschätzten Kanadier kann dagegen das schnelle Aus kommen, denn mit der bisher gezeigten Leistung sind die Russen klar zu favorisieren. Andererseits könnte dieses Spiel, gerade weil sie sich bisher so durchgewurstelt haben, der Wake-up-call sein. Sie müssen etwas beweisen. Was gibt es da Besseres als den Klassiker gegen Russland.

Die Letten sind im letzten Viertelfinale gegen die schwedischen NHL-Stars für mich Außenseiter. Aber nach so viel verlorenen Endspielen ums Weiterkommen - wie der Olympia-Quali und dem letzten Vorrundenspiel bei der WM in Köln - strotzen sie nun nach dem entscheidenden Sieg gegen Gastgeber Dänemark vor Selbstvertrauen. Und sie sind von Coach Bob Hartley immer großartig eingestellt und haben auch nichts zu verlieren.

Ich bin mir sicher: Es werden auch trotz Fehlens der deutschen Mannschaft herausragende Viertelfinalspiele, wir können uns also darauf freuen.

Euer Rick

Rick Goldmann, 42, stand 126 Mal für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Eis. Der Verteidiger, der beim NHL-Draft 1996 an 212. Position von den Ottawa Senators gezogen wurde, bestritt ein Spiel in der NHL. Nach einer schweren Sprunggelenksverletzung beendete er 2008 beim EHC München seine Laufbahn. In seiner Karriere bestritt er für den EV Landshut, Adler Mannheim, Kaufbeurer Adler, Moskitos Essen, ERC Ingolstadt und Iserlohn Roosters 500 DEL-Spiele. Für SPORT1 kommentiert Goldmann seit 2008 die Spiele der Nationalmannschaft.

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