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London und München - Fallon Sherrock stellt bei der WM erneut die Darts-Welt auf den Kopf - und begeistert Legende Phil Taylor. Dabei pflastert eine schwierige Vergangenheit ihren Weg.

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Ganz am Ende eines langen historischen Tages zündete sich Fallon Sherrock  vor den Augen des SPORT1-Reporters erst mal genüsslich eine Zigarette an, blies den blauen Dunst zur Decke und atmete auch innerlich endlich tief durch. Alles für die Entschleunigung, Druckbewältigung, Ruhefindung. Eine Momentaufnahme puren Glücks.

Die Darts-WM 2020 im Alexandra Palace täglich LIVE auf SPORT1 im Free-TV und Livestream

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Als sich noch wenige Minuten zuvor Sherrocks letzter rosa Pfeil ins Auge des Bullen gebohrt hatte, war dem Alexandra Palace fast das Dach weggeflogen. Tausende Fans schrien, tanzten und sangen bei der Darts-WM in Einhorn- und Pinguin-Kostümen für die Frau, die sensationell die Männer das Fürchten lehrt.

Die gerade mal 25 Jahre alte "Queen of the Palace" schreibt in London das perfekte Weihnachtsmärchen. (Darts-WM LIVE im TV auf SPORT1, im LIVESTREAM und LIVETICKER)

"Ich bin sprachlos. Ich kann nicht glauben, was hier passiert", sagte die alleinerziehende Friseurin aus Milton Keynes am SPORT1-Mikrofon nach ihrem perfekten Wurf zum 3:1 gegen den Weltranglisten-Elften Mensur Suljovic: "Wow. Ich bin im siebten Himmel! Wir Frauen können die Männer schlagen. Das ist der Wahnsinn." (Spielplan und aller Ergebnisse der Darts-WM 2020)

Legende Phil Taylor gratuliert Sherrock   

Das sah im Übrigen auch kein Geringerer als Phil Taylor so: Die vor zwei Jahren zurückgetretene Lichtgestalt des Pfeilesports twitterte unmittelbar nach Sherrocks Gala: "Absolut brillant - gut gemacht! Jetzt zum nächsten Streich!" 

Es passte ins Bild, dass die aufgewühlte Darts-Community denn auch immer wieder die Melodie anstimmten, die stets Taylor vorbehalten war. Das sonst besungene  "Taylor-Wonderland" wurde von den 3000 Zuschauern kurzerhand umgetextet zu "Walking along, singing a song. Walking in the Sherrock-Wonderland". 

Es ist eine wahre Palastrevolution - vor allem aber Sherrocks persönliche Erfüllung in Form des langersehnten sportlichen Durchbruchs: Erst am Mittwoch hatte Sherrock gegen Ted Evetts als erste Frau im AllyPally ein WM-Match gewonnen.

Am Samstag wurde die Blondine mit der markanten Brille und dem rosa Jersey bereits als "Queen of the Darts" angekündigt. In einem Videoclip wurden große Frauen der Sportgeschichte gezeigt: beispielsweise Serena Williams, Tennis-Ikone, 23-malige Grand-Slam-Siegerin - und Fallon Sherrock. Kleiner geht's anscheinend nicht im Darts.

Sherrock stellt AllyPally auf den Kopf

Sogar einen kleinen Kultur-Umschwung löst Sherrock aus. "Die Leute im AllyPally schauen bei ihren Matches tatsächlich gebannt, was an der Scheibe passiert", schrieb etwa der Telegraph. "Sie interessieren sich nicht mal mehr fürs Singen oder ihr Bier." Das flog nach ihrer letzten Aufnahme durch die Luft: 18, 18, Bullseye - Sieg!

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Sherrock schlug sich die Hand vor den Mund und flüsterte: "Oh my god."

Nach ihrem Erstrundensieg hatte die 25-Jährige kaum Zeit zum Trainieren gehabt, ein TV-Auftritt jagte den nächsten - auch am Sonntag saß sie nach kurzer Nacht bereits um 8.30 Uhr im Frühstücksfernsehen der BBC und berichtet vor ihrem Husarenstreich: Sie habe sich daher darauf konzentriert, Würfe auf die schmalen Doppelfelder zu üben: gegen Suljovic traf sie deren 10 in 15 Versuchen.

Gesundheitliche Probleme in der Vergangenheit 

Doch ihrem persönlichen Märchen geht auch eine nicht immer einfache Vergangenheit voraus: Sherrock berichtet bei ihrem Medienmarathon auch von dunkleren Tagen und Schicksalsschlägen. Ihre Trainingszeiten muss sie nach den Schlafenszeiten ihres fünfjährigen autistischen Sohnes Rory richten. Seit dessen Geburt hat sie mit Nierenproblemen zu kämpfen.

Und überhaupt: Die Engländerin, die sich auf ihrem Instagram-Profil als Fangirl von Sänger Ed Sheeran zeigt, war während ihrer Jugend  eher mäßig vom Darts-Fieber gepackt, nahm erst mit 17 Jahren an ihrem ersten Turnier teil.  

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Zu den sich anschließenden sexistischen Anfeindungen in einer Männerdomäne kamen hämische Kommentare über ihr Aussehen: 2017 war ihr Gesicht durch Medikamente stark angeschwollen. "Ich habe es allen Trollen gezeigt", sagt sie nun stolz.

Sherrock traut sich sogar Turniersieg zu

Da stellte sich unvermeidlich die Frage, wie weit es für Sherrock bei dieser WM noch gehen kann. Ein Reporter von Sky Sports traute sich: Kann sie das Turnier gewinnen?

"Warum nicht?", fragte Fallon Sherrock zurück. "Ich habe zwei der besten Spieler der Welt geschlagen. Ich werde es versuchen." Zur Erinnerung: Ihren zuvor größten Erfolg landete Sherrock 2018, als sie sich den Sieg bei der World Darts Trophy holte. Davor wiederum hatte sie 2015 bei der Frauen-Darts-WM der British Darts Organisation BDO das Finale erreicht.

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In der dritten Runde dieser WM, dann im Best-of-Seven-Modus, fordert sie jetzt den Engländer Chris Dobey (Fallon Sherrock - Chris Dobey am Freitag, 27. Dezember ab 13.30 Uhr LIVE im TV auf SPORT1). "Ich kenne Chris, ich bin mit ihm befreundet. Ich kann es gar nicht glauben, ich freue mich so drauf", sagt Sherrocks.

Wie reagiert der nächster Sherrock-Gegner?

Für ihren Gegner wird es dann wieder nicht leicht: Suljovic wurde am Samstagabend konsequent ausgebuht und verlor völlig die Nerven.

Es dürfte also wieder ein Festtag im Königssaal des Darts werden. Oder eben im Königinnensaal: Der Alexandra Palace wurde schließlich 1863 nach Alexandra von Dänemark benannt - am Tag ihrer Hochzeit mit Edward VII.