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München - Paul Zipser sorgt mit dem FC Bayern in der EuroLeague für Furore. Im SPORT1-Interview spricht er auch über das besondere Verhältnis zu Trainer Andrea Trinchieri.

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Der FC Bayern Basketball sorgt in der EuroLeague für Furore.

Nach dem Sieg gegen Panathinaikos Athen am Donnerstag stehen die Münchner dicht vor dem historischen ersten Einzug in die Playoffs. (Die Tabelle der EuroLeague)

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Entscheidend daran beteiligt ist Nationalspieler Paul Zipser, der im Schnitt 9,3 Punkte bei einer Dreierquote von 44,6 Prozent erzielt.

Im SPORT1-Interview spricht der 27-Jährige über Bayerns Erfolg, Uli Hoeneß' Ambitionen, sein besonderes Verhältnis zu Trainer Andrea Trinchieri und seine persönliche Zukunft.

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SPORT1: Herr Zipser, am Donnerstag gelang gegen Panathinaikos der nächste wichtige Sieg in der EuroLeague. Dabei haben Sie Ex-NBA-Spieler Mario Hezonja ins Gesicht gedunkt. Was ging Ihnen in diesem Moment durch den Kopf?

Paul Zipser: Ich habe mir nur gedacht: Jetzt versuchst du mal, so hoch zu springen wie es nur geht! (lacht)

Paul Zipser nahm Mario Hezonja aufs Poster
Paul Zipser nahm Mario Hezonja aufs Poster © Imago

SPORT1: Und das hat geklappt.

Zipser: Ja (lacht). Das war eine wichtige Phase im Spiel. Ich hatte auch schon länger keinen Dunk dieser Art mehr. Das war schon sehr geil.

SPORT1: Jetzt sind Sie Vierter der Tabelle, haben genauso viele Siege wie ZSKA Moskau auf Rang zwei und der Dritte Mailand, stehen noch vor Efes und Real. Fühlt es sich ein bisschen so an, als würde der FC Bayern nun auch im Basketball Europa erobern? (Ergebnisse und Spielplan der EuroLeague)

Zipser: Dafür brauchen wir noch ein bisschen länger. Wir spielen einfach eine sehr gute Saison. Von erobern kann man noch nicht sprechen, aber das ist schon das mittel- bis langfristige Ziel des FC Bayern. Das ist auch kein Geheimnis. Als Uli Hoeneß damals gesagt hat: 'Wir machen jetzt Basketball', war klar, dass wir nicht nur im Mittelfeld der Bundesliga sein oder mal eine Deutsche Meisterschaft holen wollen. Da wussten alle, worauf Hoeneß aus war. So arbeitet der Verein auch. Ein Teil davon zu sein, ist ein gutes Gefühl.

Zipser: Bayern-Mannschaft "besonders" und "ganz toll"

SPORT1: Haben Sie erwartet, dass ihr Team so eine gute Rolle in Europa spielen kann? Letztes Jahr war ja zumindest tabellarisch und auswärts enttäuschend.

Zipser: Dass wir in die Playoffs kommen können, habe ich mir nach fünf bis zehn Spielen zumindest erhofft. Ziemlich am Anfang haben wir ein paar starke Siege auswärts eingefahren. Da hat man schon gemerkt: Diese Truppe ist besonders. Es kann immer etwas schief gehen, es gibt so viele Faktoren, auch mit Corona. Ich habe aber früh gespürt, dass das eine ganz tolle Truppe ist. Die Energie, der Zusammenhalt – das ist schon sehr cool. Das ist etwas Spezielles, was wir und der Verein auf die Beine gestellt haben. Wir produzieren sehr viele Highlights, vorne wie hinten, weil wir einfach athletisch und schnell sind. Wir haben eine Menge Spaß, nicht nur auf dem Spielfeld. Da haben sich Leute gefunden, die zusammenpassen.

SPORT1: Jetzt fehlen noch ein bis zwei Siege bis zu den Playoffs. Ist nur das im Fokus oder denkt man schon darüber nach, was noch drin ist?

Zipser: Natürlich guckt man auf die Tabelle. Aber wir wissen, dass es schnell nach hinten losgehen kann. Was das Rumträumen angeht, bin ich nicht aktiv mit dabei. Ich fokussiere mich auf Regeneration und meinen Wurf, weil ich zuletzt nicht so getroffen habe, wie ich es gerne hätte. Jetzt steht außerdem erstmal noch Bundesliga an.

SPORT1: In der easyCredit BBL hat Bayern schon einige überraschende Niederlagen kassiert. Ist das durch die Belastung erklärbar? Dadurch, dass die BBL ab und zu doch nur "Alltag" ist?

Zipser: Ich würde sagen, das ist schon normal, wenn man so einen Spielplan hat. Alle EuroLeague-Teams haben ab und zu einen Ausrutscher. Mit unserem Spielstil - aggressiv, athletisch und schnell – ist das auch ein wenig einberechnet. Da kannst du nicht in jedem Spiel zu 100 Prozent da sein. Aber klar: Wir hatten zwei oder drei Niederlagen, die eher unnötig waren.

Bayern verfolgt Hoeneß' Ambitionen

SPORT1: Zurück zur EuroLeague: Ist es für die Ambitionen des Klubs fast schon Pflicht, jetzt auch in Europa den nächsten Schritt zu machen? Sie haben Hoeneß' Vision angesprochen.

Zipser: Ich verspüre keinen Druck, in die Playoffs kommen zu müssen. Aber ja, mittel- bis langfristig ist es das Ziel, vorne mitzuspielen. Je früher wir in die Playoffs kommen, desto eher helfen wir dem Verein. Für einen persönlich ist es auch eine Erfahrung und ein Ziel, das man erreichen möchte. Und wenn man in den Playoffs ist, weiß man nie, was passiert. Aber im Trainingslager hat auch Marko Pesic ganz klar gesagt, dass es in dieser Saison der Neuausrichtung nicht um bestimmte Ziele geht, sondern darum, dass wir für den Verein alles geben. Das haben wir bis jetzt gut gemacht, finde ich, aber die letzten Wochen und Monate einer Saison sind die wichtigsten. Da wollen wir mindestens einen Titel holen – wir haben ja theoretisch noch Chancen auf alle drei.

Ehrenpräsident Uli Hoeneß im Tribünengespräch mit seinem Nachfolger Herbert Hainer
Ehrenpräsident Uli Hoeneß im Tribünengespräch mit seinem Nachfolger Herbert Hainer © Imago

SPORT1: Wie groß können die Basketballer des FC Bayern werden? Der SAP Garden verdeutlicht ja ein bisschen die Ambitionen, von den Fußballern müssen wir nicht reden.

Zipser: So wie der Verein arbeitet, mit diesem Mindset, und dadurch, dass er alle paar Jahre einen Schritt nach vorne macht - auch finanziell -, ist langfristig mit dem FC Bayern auf jeden Fall zu rechnen – auch ganz oben in Europa. Das ist auch die Ambition von Herrn Hoeneß vor ein paar Jahren gewesen, das verfolgen nun auch alle mit Herbert Hainer. Man merkt einfach, dass es voran geht, dass Leute mit Herzblut dabei sind, die richtig Bock haben, den Verein nach vorne zu bringen. Der Campus wird eine Riesensache, der SAP Garden sowieso. Das sind viele Sachen, auf die man sich in Deutschland beim FC Bayern freuen kann.

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Bayern-Verbleib? Zipser "hat Tendenzen"

SPORT1: Lernt Paul Zipser den SAP Garden als Bayern-Spieler kennen? Ihr Vertrag läuft im Sommer aus.

Zipser: Das werden wir sehen. Ich habe Tendenzen, aber im Moment bringt es wenig, darüber groß nachzudenken. In ganz Basketball-Europa sind die Zukunftsplanungen wegen Corona schwer und anders als sonst. In der Phase, in der wir uns gerade befinden, denke ich gar nicht drüber nach.

SPORT1: Aber einen Bayern-Verbleib können Sie sich schon vorstellen?

Zipser: Natürlich. Gerade wegen der Zukunft, aber auch mit der Geschichte hier. Ich bin glücklich in München. Das kann ich mir grundsätzlich schon vorstellen. Aber ich habe keine Deadline. Ich gucke, was passiert, und dann reagiere ich darauf entsprechend.

SPORT1: Im November 2019 haben Sie im SPORT1-Interview erklärt, nur über die NBA und eine mögliche Rückkehr zu denken, wenn Sie darauf angesprochen werden. Ist das immer noch so?

Zipser: (lacht) Ja, das ist noch so. Wobei ich ab und zu auch darüber nachdenke, wenn ich Jungs sehe, die drüben gespielt haben und wieder zurück sind - wie zum Beispiel Hezonja. Der Abstand von der NBA zur EuroLeague ist kein großer. Deswegen würde ich die NBA nicht als das große Ziel, das ich davor im Kopf hatte, formulieren. Das ist immer eine situationsabhängige Entscheidung.

Zipser über Trinchieris Mordgelüste: "Ziemlich witzig"

SPORT1: Ist Andrea Trinchieri der forderndste Trainer seit Alex Schönhals (Ex-Jugendcoach aus Heidelberg, Anm. d. Red.)? Oder wo würden Sie Trinchieri einordnen? Sveti (Trainer-Legende Svetislav Pesic, Anm. d. Red.) hatten Sie ja auch noch.

Zipser: (lacht) Ja, Sveti hatte ich auch noch, den darf man nicht vergessen. Alex ist für mich ein "Ziehpapatrainer", war für mich perfekt für die Jugend und ist für viele Heidelberger Jungs oder Jugendspieler in Baden-Württemberg echt super. Aber manche Spieler gehen mit seiner Art anders um als ich.

Andrea ist auf jeden Fall sehr fordernd, aber das muss ein guter Trainer auch sein. Was ihn speziell macht: Er geht mit jedem Spieler im Kader anders um. Er weiß gut Bescheid, wie Menschen funktionieren und weiß, wie man Spieler am besten erreichen kann. Ich habe mich bei Andrea am Anfang der Saison auch sehr schwergetan, dann habe ich daraus gelernt.

SPORT1: Auf die Frage nach einem Geburtstagsgeschenk für Sie sagte Trinchieri zuletzt grinsend: "Oh ja, das habe ich: Ein richtig hartes Training. Er wird es lieben und mir noch Tage dafür danken." Wie war es wirklich?

Zipser: (lacht) Ich weiß gar nicht mehr, wie wir am Geburtstag trainiert haben, da hätte ich direkt drauf achten müssen. Letztens hatten wir zumindest mal wieder Phase, in der wir trainieren konnten. Da hat er auch Gas gegeben. Und wenn er Gas gibt im Training, dann spüre das auf jeden Fall ein, zwei Tage danach noch.

Paul Zipser (l.) bringt Andrea Trinchieri (r.) bisweilen zur Weißglut
Paul Zipser (l.) bringt Andrea Trinchieri (r.) bisweilen zur Weißglut © Imago

SPORT1: "Ich möchte meine Karriere nicht damit beenden, dass ich ihn umbringe, weil ich ihn eigentlich sehr, sehr mag", hat Trinchieri auch über Sie gesagt. Was löst ein solcher Satz bei Ihnen aus?

Zipser: (lacht) Ich fand die komplette Sequenz von der PK ziemlich witzig und weiß genau, was er damit gemeint hat. Gerade am Anfang der Saison haben wir viel miteinander geredet und inzwischen kennen wir uns gegenseitig immer besser.

SPORT1: Also sind seine vermeintlichen Mordgelüste inzwischen weniger geworden?

Zipser: Es gibt immer wieder noch kurze Phasen im Spiel, in denen er das vielleicht noch will. Aber er ist ja auch ein sehr emotionaler Mensch. Aber es wird immer weniger, glaube ich.

Zipser sammelt Pokémon-Karten

SPORT1: Zuletzt haben Sie die Marke von 1.000 Punkten in der BBL überschritten. Nur eine nette Spielerei oder schon etwas, bei dem Sie denken: Wow, cool?

Zipser: Das hört sich ganz cool an. Aber so richtig wahrnehmen wird man so etwas eher, wenn man später auf so eine Liste guckt. Dann ist es schon nett, sich da zu finden.

SPORT1: Da verspüren Sie derzeit also mehr Emotionen, wenn Sie Ihrer Sammlung eine neue Pokémon-Karte zufügen?

Zipser: (lacht) Ja, das wird immer mehr zum Thema. Anfangs, als ich das das erste Mal gesagt habe, haben mich alle komisch angeguckt, inzwischen sind es weniger geworden.

SPORT1: Letzte Frage: Hoffen Sie auf einen Misserfolg von Maxi Kleber, Daniel Theis und Dennis Schröder in der NBA? Stichwort Olympia-Quali.

Zipser: Nee. Die sollen schön das machen, worauf sie selbst Bock haben. Wenn es ihnen so wichtig ist, zu Olympia zu kommen, und sie dafür die NBA-Playoffs schleifen lassen, können sie das immer noch machen - falls das rechtlich überhaupt möglich ist. Aber einen möglichen NBA-Ring liegen lassen? Auf keinen Fall. Ich wünsche ihnen nur das Beste, würde mich aber natürlich auch freuen, wenn ich mit den Jungs im Sommer spielen würde.